Eigentlich war es nur ein Wunsch. Du hättest diese Wohnung gern bekommen. Du fandest einen Menschen interessant. Du wolltest diese eine Stelle, diesen Gegenstand oder eine bestimmte Gelegenheit nutzen. Du hättest dich darüber gefreut, aber deine Gedanken kreisten nicht ständig darum. Dann erfährst du, dass die Wohnung bereits vergeben ist, der Mensch kein Interesse hat, die Stelle jemand anderem angeboten wurde oder genau das, was du haben wolltest, plötzlich nicht mehr erhältlich ist. Und auf einmal lässt es dich nicht mehr los.
Das Merkwürdige daran ist: An dem, was du haben wolltest, hat sich nichts zum Besseren verändert. Die Wohnung ist nicht schöner geworden. Der Gegenstand ist noch derselbe. Der Mensch ist nicht plötzlich interessanter oder passender. Verändert hat sich nur eines: Du kannst nicht mehr selbstverständlich darüber entscheiden. Und genau das kann einen Wunsch verstärken.
Solange eine Möglichkeit offensteht, können wir überlegen, ob wir sie wirklich wollen. Wird sie eingeschränkt oder weggenommen, kann sich unsere Aufmerksamkeit verschieben. Aus einem ruhigen „Das hätte ich gern“ wird ein sehr viel entschiedeneres „Aber ich will das“. Nicht unbedingt deshalb, weil das Gewünschte plötzlich wertvoller geworden ist. Es kann auch daran liegen, dass wir nicht mehr selbst entscheiden können.
Für diese Gegenreaktion gibt es in der Psychologie einen Begriff: psychologische Reaktanz. Gemeint ist der innere Widerstand, der entstehen kann, wenn wir unsere Entscheidungsfreiheit bedroht oder eingeschränkt erleben. Gerade die Möglichkeit, die uns genommen werden soll, kann dadurch wichtiger erscheinen. Ein Verbot oder ein klares Nein beendet das Interesse deshalb nicht bei jedem Menschen. Bei manchen rückt genau das Verwehrte erst recht in den Mittelpunkt.
Etwas anderes geschieht, wenn eine Möglichkeit knapp wird. Ein Gegenstand, den es jederzeit zu kaufen gibt, kann wochenlang uninteressant bleiben. Steht plötzlich daneben, dass nur noch wenige Exemplare vorhanden sind, bekommt er mehr Aufmerksamkeit. Ähnlich kann es sich mit einer Wohnung, einer Eintrittskarte oder einer einmaligen Gelegenheit verhalten. Sobald wir fürchten, etwas zu verpassen, verändert sich unser Blick darauf.
Knappheit kann etwas wertvoller erscheinen lassen, obwohl sich an der Sache selbst nichts geändert hat. Deshalb begegnet sie uns auch im Verkauf so häufig: „Nur noch zwei verfügbar“ oder „nur für kurze Zeit“ erzeugt einen anderen Druck als ein Angebot, über das wir in Ruhe entscheiden können. Plötzlich entscheiden wir nicht mehr nur darüber, ob wir etwas möchten. Gleichzeitig entsteht das Gefühl, dass wir uns beeilen müssen, bevor die Möglichkeit verschwindet.
Noch einmal anders ist es, wenn das Gewünschte nicht knapp ist, sondern ein Hindernis zwischen uns und unserem Ziel steht. Du möchtest etwas und kannst es grundsätzlich erreichen, aber es wird schwierig. Du musst länger sparen, dich noch einmal bewerben, einen anderen Weg suchen oder mehr Zeit investieren als gedacht. Das kann frustrieren, gerade weil das Ziel noch nah genug scheint, um nicht einfach davon abzulassen.
Ein solches Hindernis muss den Wunsch keineswegs beenden. Solange wir eine echte Chance sehen, kann ein „Das wird schwierig“ auch bedeuten: Dann versuche ich es anders. Wir investieren mehr Kraft, suchen nach Lösungen und halten an einem Ziel fest, weil wir weiterhin glauben, es erreichen zu können. Beharrlichkeit kann schließlich etwas sehr Sinnvolles sein. Viele Dinge, die uns wichtig sind, bekommen wir nicht beim ersten Versuch.
Schwieriger wird es, wenn das Hindernis selbst immer mehr zum Grund dafür wird, weiterzumachen. Dann kann sich der ursprüngliche Wunsch langsam verändern. Nicht mehr nur das Ziel zieht uns an. Auch der Gedanke, es doch noch zu schaffen, bekommt immer mehr Gewicht.
Denn etwas haben zu wollen und etwas wirklich zu mögen, ist nicht dasselbe. Das klingt zunächst widersprüchlich, lässt sich aber gerade an zwischenmenschlichen Situationen gut erkennen. Ein Mensch wird nicht liebevoller, interessanter oder passender, nur weil er nicht verfügbar ist. Trotzdem kann eine Zurückweisung bei manchen Menschen das Verlangen verstärken. Man denkt häufiger an diesen Menschen, beschäftigt sich stärker mit seinen Signalen oder fragt sich immer wieder, warum es ausgerechnet mit ihm nicht möglich sein soll. Mehr haben wollen heißt deshalb nicht automatisch mehr mögen.
Ähnliches kann außerhalb von Beziehungen passieren. Eine Gelegenheit, die uns entgeht, kann plötzlich viel bedeutender wirken als zu dem Zeitpunkt, als sie noch offenstand. Eine Sache, um die andere mit uns konkurrieren, kann begehrenswerter erscheinen als vorher. Aus dem ursprünglichen Wunsch kann ein Gefühl werden, gewinnen zu wollen. Und dann lohnt sich eine einfache Unterscheidung: Will ich wirklich noch das, was ich am Anfang wollte? Oder beschäftigt mich inzwischen vor allem, dass ich es nicht bekommen habe?
Manchmal hängt an einem Wunsch außerdem mehr als das, was auf den ersten Blick sichtbar ist. Wer mehr Geld haben möchte, kann damit vor allem Sicherheit verbinden. Eine berufliche Position kann für Anerkennung stehen. Die eigene Wohnung kann Freiheit bedeuten. Und hinter dem starken Wunsch nach einem bestimmten Menschen kann auch der Wunsch stehen, von genau diesem Menschen gewählt oder begehrt zu werden.
Das bedeutet nicht, dass hinter jedem Wunsch heimlich etwas anderes steckt. Wer eine bestimmte Wohnung liebt, möchte unter Umständen schlicht genau dort wohnen. Wer sich in einen Menschen verliebt hat, empfindet tatsächlich etwas für diesen Menschen. Nicht jeder Wunsch muss auseinandergenommen werden, bis sich irgendwo eine verborgene Erklärung findet. Interessant wird die Frage erst dann, wenn die Stärke des Verlangens kaum noch zu dem passt, was wir ursprünglich wollten. Dann kann es einen Unterschied machen, ob uns wirklich das Gewünschte fehlt oder das Gefühl, das wir damit verbunden haben.
Bei anderen geschieht genau das Gegenteil: Sobald feststeht, dass etwas wirklich nicht mehr erreichbar ist, wird der Wunsch nicht größer. Er beginnt, an Bedeutung zu verlieren. Das kann sogar derselbe Mensch sein, der kurz zuvor noch viel Energie investiert hätte, solange eine vernünftige Chance bestand.
Denn zwischen „schwierig“ und „unmöglich“ liegt ein großer Unterschied. Wenn ein Ziel erreichbar erscheint, kann es sinnvoll sein, einen anderen Weg zu suchen. Man spart länger, versucht es noch einmal oder verändert den Plan. Ist eine Möglichkeit dagegen wirklich nicht mehr erreichbar, kann irgendwann ein anderer Gedanke entstehen: Ich muss dafür keinen weiteren Weg mehr suchen.
Die Forschung zu unerreichbaren Zielen zeigt, dass Menschen sich darin unterscheiden, wie lange sie an einem Ziel festhalten und wann sie sich davon lösen. Sich von etwas zu verabschieden, das tatsächlich nicht mehr erreichbar ist, muss dabei keine Niederlage sein. Es kann genauso bedeuten, die eigene Kraft nicht dauerhaft an eine Möglichkeit zu binden, auf die man keinen Einfluss mehr hat. Was vorher in dieses eine Ziel geflossen ist, steht dann wieder für etwas zur Verfügung, das noch gestaltet werden kann.
Eine geschlossene Tür macht das, was dahinterliegt, nicht automatisch wertvoller. Sie kann aber verändern, wie wir darauf schauen. Manches ist wichtig genug, um einen anderen Weg zu suchen. Und manches darf an Bedeutung verlieren, wenn dieser Weg wirklich nicht mehr offensteht. Dann bleibt nicht nur etwas zurück, das wir nicht haben konnten. Es entsteht auch wieder Platz für Wünsche, Möglichkeiten und Wege, die noch vor uns liegen.
Wenn du dem Verlangen noch einmal auf einer persönlicheren Ebene begegnen möchtest, findest du es in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort bekommt das Verlangen eine eigene Stimme und erzählt selbst von diesem inneren Ziehen nach etwas, das fehlt, lockt oder noch unerfüllt ist. Danach laden dich Reflexionsseiten dazu ein, dein eigenes Verlangen genauer anzuschauen – zum Beispiel seine Formen, seine Grenzen und das, was du dir davon versprichst. Verlangen ist dabei nur eines der Gefühle in diesem Band. Auch Sehnsucht, Frustration, Unsicherheit, Zweifel, Ablehnung, Kontrollverlust und weitere herausfordernde Gefühle kommen selbst zu Wort und werden von eigenen Reflexionsseiten begleitet.
