Du sitzt mit anderen Menschen zusammen und jemand erzählt etwas, bei dem du am liebsten unter den Tisch rutschen würdest. Oder eine Person tritt mit großer Überzeugung auf, sagt etwas völlig Unpassendes und scheint nicht zu bemerken, wie die anderen darauf reagieren. Du selbst hast nichts gesagt und nichts getan. Trotzdem ist dir die Situation so unangenehm, als wärst du daran beteiligt.
Dieses Gefühl kennen viele als Fremdschämen. Dabei empfindest du Scham wegen des Verhaltens eines anderen Menschen, obwohl du selbst keinen Grund hättest, dich zu schämen. Das kann so stark sein, dass du wegsehen möchtest, innerlich zusammenzuckst oder nur noch hoffst, dass die Situation schnell vorbei ist.
Besonders unangenehm kann es werden, wenn der andere selbst überhaupt keine Peinlichkeit empfindet. Er erzählt weiter, singt voller Begeisterung, prahlt mit etwas oder äußert sich auf eine Weise, die du unangebracht findest. Während du längst die Blicke der anderen bemerkst und denkst: „Oh nein, hör bitte auf“, scheint er mit seinem Auftritt vollkommen zufrieden zu sein. Du erkennst etwas Peinliches, das er selbst womöglich gar nicht erkennt, und schämst dich gewissermaßen an seiner Stelle.
Fremdscham braucht allerdings kein bewusstes Verhalten. Sie kann auch entstehen, wenn jemandem ein Missgeschick passiert oder er gar nicht merkt, in welche unangenehme Lage er geraten ist. Ein Missgeschick kann bei einem Menschen Fremdscham auslösen und bei einem anderen eher ein kurzes Lachen oder Schadenfreude. Entscheidend ist nicht allein die Absicht, sondern auch, wie du die Situation wahrnimmst.
Dabei spielen deine eigenen Vorstellungen davon mit, was in einer bestimmten Situation angemessen ist. Wir lernen soziale Regeln darüber, was man vor anderen erzählt, wie man auftritt oder wo persönliche Grenzen liegen. Diese Vorstellungen sind nicht bei allen Menschen gleich. Was dir furchtbar peinlich ist, findet ein anderer womöglich lustig, mutig oder völlig normal. Fremdschämen beweist deshalb nicht automatisch, dass der andere tatsächlich etwas falsch macht. Sein Verhalten passt zunächst einmal nicht zu dem, was du in dieser Situation angemessen findest.
Das Gefühl kann trotzdem sehr unmittelbar sein. Ein Grund dafür ist, dass wir uns in andere Menschen hineinversetzen können. Du kannst dir vorstellen, wie es wäre, selbst dort zu stehen oder von anderen so angesehen zu werden. Darin kann auch Mitgefühl liegen. Du kannst merken, dass jemand sich gerade bloßstellt, mit ihm mitfühlen und sein Verhalten trotzdem unpassend finden. Mit jemandem mitzufühlen bedeutet nicht, alles gutzuheißen, was er tut.
Noch schwieriger kann es werden, wenn dir der Mensch nahesteht. Bei einem Partner, einem Familienmitglied, einem Freund oder einer Kollegin bist du für andere sichtbar mit dieser Person verbunden. Dann kann sich ihr Verhalten anfühlen, als würdest du unfreiwillig mit hineingezogen. Du bemerkst betretene Gesichter oder irritierte Blicke und hast plötzlich das Gefühl, irgendwie reagieren zu müssen, obwohl du die Situation weder verursacht noch gewählt hast.
Daraus kann der Impuls entstehen, die Situation zu retten: Du wechselst das Thema, versuchst eine Bemerkung abzuschwächen, erklärst etwas oder entschuldigst dich sogar für den anderen. Das kann die Spannung kurz verringern, aber du kannst nicht zurücknehmen, was ein anderer gesagt oder getan hat. Und du kannst ihm auch nicht vorschreiben, dieselbe Situation genauso peinlich zu finden wie du.
Deshalb darf die Verantwortung wieder dort bleiben, wo sie hingehört. Du darfst dich fremdschämen und wünschen, dass etwas anders gelaufen wäre. Aber du musst nicht automatisch für das Auftreten eines anderen Menschen geradestehen. Wenn jemand verletzt oder eine Grenze deutlich überschritten wird, kann es gute Gründe geben einzugreifen. Nicht jede Situation, die dir peinlich ist, muss jedoch von dir gerettet werden.
Am Ende hilft eine einfache Trennung: Das Gefühl gehört dir, das Verhalten gehört dem anderen. Du kannst beides wahrnehmen, ohne daraus eine gemeinsame Verantwortung machen zu müssen.
Erinnerst du dich an eine Situation, in der du dich für jemand anderen am liebsten versteckt hättest? Wie bist du damit umgegangen – hast du eingegriffen, weggeschaut oder die Situation einfach ausgehalten?
Wenn du der Scham noch einmal auf eine andere Weise begegnen möchtest, findest du sie auch in „Ich bin … dein Gefühl – Band I: Ursprünge – Die Grundgefühle“. Dort kommt die Scham, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort und erzählt aus ihrer eigenen Sicht, wie sie sich zeigen und anfühlen kann. Anschließend laden Reflexionsseiten dazu ein, die Scham im eigenen Leben genauer anzuschauen und den Gedanken mit den eigenen Erfahrungen weiterzuführen.
