Warum habe ich Sehnsucht, obwohl ich gar nicht weiß, wonach?

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Manchmal ist Sehnsucht ganz eindeutig. Du vermisst einen Menschen, möchtest an einen bestimmten Ort zurück oder zählst die Wochen bis zum nächsten Urlaub. Du weißt ziemlich genau, wonach du dich sehnst.

Und dann gibt es diese andere Sehnsucht.

Du sitzt abends auf dem Sofa, eigentlich ist alles in Ordnung, und trotzdem hast du das Gefühl, dass dir etwas fehlt. Du denkst über dein Leben nach und kommst zu keinem richtigen Ergebnis. Es ist nicht unbedingt schlecht. Nur scheint irgendwo etwas zu fehlen, das du selbst nicht benennen kannst.

Du erwischst dich bei dem Gedanken, dass du gern ganz woanders wärst. Oder du stellst dir vor, wie es wäre, weniger zu arbeiten, mehr Zeit zu haben oder noch einmal etwas völlig Neues anzufangen.

Sehnsucht braucht nicht immer ein eindeutiges Ziel. Sie kann sich auch auf eine andere Art zu leben oder auf ein Lebensgefühl richten, das du in deinem Alltag vermisst. Dann spürst du zuerst die Sehnsucht und verstehst erst später, was eigentlich dahintersteckt.

Das kann ganz unterschiedliche Richtungen haben:

  • Ich möchte woanders leben.
  • Ich möchte weniger arbeiten.
  • Ich möchte mehr Sonne.
  • Ich möchte mehr Freiheit.
  • Ich möchte einfach, dass mein Leben sich anders anfühlt.

Solche Gedanken klingen zunächst ziemlich konkret. Trotzdem beantworten sie noch nicht unbedingt die Frage, wonach du dich wirklich sehnst.

Nehmen wir den Wunsch, am Meer zu leben. Natürlich kann es tatsächlich das Meer sein, das dir fehlt. Vielleicht liebst du das Klima, die Landschaft und die Nähe zum Wasser und würdest dort lieber leben als an deinem jetzigen Wohnort.

Doch das Meer kann zugleich für etwas stehen, das weit darüber hinausgeht.

Du stellst dir vor, morgens die Fenster zu öffnen und die Sonne zu sehen. Du denkst an Weite, Wärme und lange Abende draußen. Vielleicht gehört zu diesem Bild auch ein ruhigerer Alltag. Weniger Termine. Mehr Zeit für dich. Ein Leben, das sich freier anfühlt.

Dann ist das Bild in deinem Kopf ziemlich deutlich, während die Sehnsucht dahinter aus mehreren Dingen besteht.

Ähnlich kann es mit dem Gedanken an ein anderes Leben sein. Was bedeutet „anders“ eigentlich? Möchtest du wirklich alles verändern? Oder möchtest du mehr über deine Zeit bestimmen? Weniger arbeiten? Etwas Eigenes aufbauen? Mehr erleben? An einem anderen Ort wohnen? Dich morgens häufiger auf den Tag freuen?

Es lohnt sich deshalb, eine Sehnsucht nicht sofort wörtlich zu nehmen, sondern genauer hinzusehen. Nicht um sie kleinzureden, sondern um herauszufinden, was sie dir eigentlich zeigt.

Denn eine Sehnsucht kann eine Richtung anzeigen, ohne schon einen fertigen Plan mitzuliefern.

Das bedeutet auch nicht automatisch, dass mit deinem jetzigen Leben etwas grundsätzlich nicht stimmt.

Du kannst deine Wohnung mögen und dich trotzdem nach einem anderen Ort sehnen. Du kannst einen sicheren Arbeitsplatz schätzen und dir gleichzeitig mehr Freiheit wünschen. Du kannst gern mit den Menschen zusammen sein, die zu deinem Leben gehören, und trotzdem das Bedürfnis nach mehr Zeit für dich haben.

Auch Dankbarkeit ändert daran nichts. Zu sehen, was in deinem Leben gut ist, kann wohltuend sein. Es verpflichtet dich aber nicht dazu, mit allem zufrieden zu sein.

Du musst dein heutiges Leben nicht schlecht finden, um dir für morgen etwas anderes zu wünschen.

Beides kann gleichzeitig wahr sein: Das, was du hast, ist wertvoll. Und etwas anderes fehlt dir trotzdem.

Dann lohnt sich ein Blick darauf, welchen Teil deiner Sehnsucht du tatsächlich beeinflussen kannst.

Wenn du dich nach mehr Freiheit sehnst, kannst du nicht von heute auf morgen sämtliche Verpflichtungen abschaffen. Aber möglicherweise gibt es Bereiche, in denen du langfristig mehr über deine Zeit bestimmen kannst. Wenn du beruflich etwas anderes möchtest, kannst du nicht einfach so auf dein Einkommen verzichten. Du kannst aber überlegen, ob du etwas aufbauen, lernen oder vorbereiten möchtest, das dir später andere Möglichkeiten eröffnet.

Auch ein anderer Wohnort kann zunächst nur ein Wunsch sein. Trotzdem kannst du herausfinden, wie ein Leben dort tatsächlich aussehen würde und was nötig wäre, um es irgendwann möglich zu machen.

Bei anderen Dingen sind die Grenzen enger. Du kannst nicht bestimmen, wann der Sommer kommt, wie sich Preise entwickeln oder welche politischen Entscheidungen getroffen werden. Du kannst auch nicht jedes äußere Problem beseitigen, nur weil es dein eigenes Leben beeinflusst.

Eine Sehnsucht muss deshalb nicht immer unmittelbar erfüllt werden können, um etwas über dich auszusagen.

Sie kann dir zeigen, was dir wichtig ist. Und daraus kann irgendwann eine Veränderung entstehen – eine kleine oder eine große. Es kann aber ebenso etwas geben, das du im Moment nicht ändern kannst und mit dem du erst einmal leben musst.

Dabei lohnt sich noch ein anderer Blick auf das ersehnte Ziel.

Angenommen, du ziehst tatsächlich in das Land, von dem du seit Jahren geträumt hast. Die Sonne scheint häufiger, das Meer ist nicht weit entfernt und vieles fühlt sich anfangs genauso an, wie du es dir vorgestellt hast.

Irgendwann musst du dort trotzdem einkaufen, Rechnungen bezahlen, arbeiten, Wäsche waschen und dich über Dinge ärgern. Auch das ersehnte Leben bekommt einen Alltag. Und manches, was dich heute beschäftigt, verschwindet nicht allein dadurch, dass vor deinem Fenster plötzlich Palmen stehen statt der vertrauten Häuser.

Das bedeutet nicht, dass der Umzug ein Fehler war. Ein anderer Ort kann sehr wohl besser zu dir passen. Ein neuer Beruf kann dir mehr Freiheit geben. Mehr Freizeit kann dein Leben spürbar verändern. Eine Entscheidung, nach der du dich lange gesehnt hast, kann genau die richtige sein.

Nur übernimmt keine einzelne Veränderung die Aufgabe, von nun an sämtliche Wünsche zu erfüllen.

Auch in einem Leben, das besser zu dir passt, wirst du dir irgendwann wieder etwas wünschen. Menschen entwickeln sich weiter. Lebensumstände verändern sich. Was heute wichtig ist, kann in einigen Jahren anders aussehen.

Deshalb muss eine neue Sehnsucht auch kein Beweis dafür sein, dass du nie zufrieden bist.

Entscheidend ist, ob du dein eigentliches Leben ständig auf später verschiebst. Wenn du nur noch denkst: Wenn ich erst dort wohne. Wenn ich erst diesen Job los bin. Wenn ich erst mehr Geld habe. Wenn ich erst mehr Zeit habe. Dann beginnt mein richtiges Leben, bekommt das ersehnte Morgen eine Aufgabe, die es kaum erfüllen kann.

Dein heutiges Leben ist nicht bloß die Wartezeit auf ein besseres.

Und trotzdem kann deine Sehnsucht wichtig sein.

Gerade wenn du gar nicht weißt, wonach du dich sehnst, musst du deshalb nicht unbedingt nach dem einen fehlenden Ding suchen. Eine andere Frage kann näher an das heranführen, was du vermisst:

Wie möchtest du dich in deinem Leben häufiger fühlen?

Freier? Ruhiger? Lebendiger? Verbundener? Sicherer? Mehr bei dir selbst?

Damit hast du noch keinen fertigen Plan. Aber aus einem unbestimmten „Irgendetwas fehlt“ kann langsam etwas Greifbareres werden.

Die Antwort kann dich zu einer Veränderung führen, die du wirklich angehen möchtest. Vielleicht stellst du dabei fest, dass du gar nicht dein ganzes Leben umkrempeln musst. Oder du erkennst, dass etwas, wonach du dich sehnst, im Moment außerhalb deiner Möglichkeiten liegt.

Auch das ist eine Antwort.

Und vielleicht musst du deine Sehnsucht gar nicht möglichst schnell loswerden. Du kannst sie erst einmal ernst nehmen und schauen, wohin sie zeigt.

Wonach sehnst du dich – und was genau versprichst du dir davon?

Wie möchtest du dich in deinem Leben häufiger fühlen?

Was davon kannst du selbst verändern?

Und was wäre ein erster kleiner Schritt in diese Richtung?




Wenn du deiner Sehnsucht noch ein wenig weiter zuhören möchtest, findest du sie in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“ als eines von mehreren Gefühlen, die dort selbst zu Wort kommen. Die Sehnsucht erzählt aus ihrer eigenen Perspektive von dem Ziehen zu etwas, das noch fehlt, noch fern ist oder noch keinen Namen hat. Auf den anschließenden Reflexionsseiten kannst du den Blick auf deine eigenen Menschen, Orte, Lebensentwürfe und Wünsche richten und überlegen, was deine Sehnsucht dir zeigen könnte. Daneben begegnen dir in diesem Band viele weitere herausfordernde Gefühle mit ihren eigenen Stimmen und Reflexionsseiten – als Einladung, sie in Ruhe kennenzulernen und deine eigenen Gedanken dazu festzuhalten.

Passend zu diesem Thema

Ihr müsst nach einem gemeinsamen Verlust nicht alles zusammen schaffen. Ihr könnt euch an eure Mutter erinnern, miteinander weinen, euch gegenseitig helfen und trotzdem auch Zeit für euch allein brauchen. Es wird Tage geben, an denen ihr einander viel geben könnt, und andere, an denen kaum etwas möglich ist.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Du hörst einem trauernden Menschen zu und auf einmal ist dein eigener Verlust wieder ganz nah. Manchmal reicht ein bestimmter Satz, eine Erinnerung oder eine ähnliche Situation. Eigentlich wolltest du für den anderen da sein. Nun merkst du, dass das Gespräch auch etwas in dir berührt.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Dass dir die Trauer eines anderen zu viel werden kann, sagt nichts darüber aus, wie wichtig dir dieser Mensch ist. Es zeigt zunächst nur, dass auch deine Kraft begrenzt ist. Diese Grenze wahrzunehmen ist oft hilfreicher, als so lange weiterzumachen, bis du nur noch erschöpft oder widerwillig reagierst.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Trotzdem muss der andere nicht dieselbe Begeisterung empfinden, damit ein schöner Austausch entsteht. Zwischen „Ich finde das genauso großartig wie du“ und völliger Gleichgültigkeit liegt eine Menge.
Lesedauer: ca. 7 Minuten

Finde das Gefühl, das dich gerade beschäftigt

Suche direkt nach einem Gefühl oder öffne die Übersicht mit allen 79 Gefühlen.

Hier kannst du weiterlesen

Dieses Gefühl kennen viele als Fremdschämen. Dabei empfindest du Scham wegen des Verhaltens eines anderen Menschen, obwohl du selbst keinen Grund hättest, dich zu schämen. Das kann so stark sein, dass du wegsehen möchtest, innerlich zusammenzuckst oder nur noch hoffst, dass die Situation schnell vorbei ist.

Dieses Gefühl kennen viele als Fremdschämen. Dabei empfindest du Scham wegen des Verhaltens eines anderen Menschen, obwohl du selbst keinen Grund hättest, dich zu schämen. Das kann so stark sein, dass du wegsehen möchtest, innerlich zusammenzuckst oder nur noch hoffst, dass die Situation schnell vorbei ist.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Es macht einen Unterschied, ob du sagst: ‚Diese Eigenschaft an mir mag ich nicht‘ oder ob daraus wird: ‚Deshalb mag ich mich nicht.‘ Im ersten Fall schaust du auf einen Teil von dir. Im zweiten wird daraus ein Urteil über deine ganze Person.

Es macht einen Unterschied, ob du sagst: ‚Diese Eigenschaft an mir mag ich nicht‘ oder ob daraus wird: ‚Deshalb mag ich mich nicht.‘ Im ersten Fall schaust du auf einen Teil von dir. Im zweiten wird daraus ein Urteil über deine ganze Person.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Genau deshalb können Freude und Wehmut gleichzeitig auftauchen. Du freust dich darüber, wo du bist und was du gerade erlebst. Und du bist wehmütig, weil du weißt, dass es zeitlich begrenzt ist. Das widerspricht sich nicht.

Genau deshalb können Freude und Wehmut gleichzeitig auftauchen. Du freust dich darüber, wo du bist und was du gerade erlebst. Und du bist wehmütig, weil du weißt, dass es zeitlich begrenzt ist. Das widerspricht sich nicht.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wer lange gewohnt ist, vieles allein zu regeln, denkt darüber oft gar nicht mehr nach. Du organisierst, entscheidest, kümmerst dich und findest einen Weg. Diese Selbstständigkeit kann dir Sicherheit geben, denn du weißt aus Erfahrung, dass du dich auf dich selbst verlassen kannst.

Wer lange gewohnt ist, vieles allein zu regeln, denkt darüber oft gar nicht mehr nach. Du organisierst, entscheidest, kümmerst dich und findest einen Weg. Diese Selbstständigkeit kann dir Sicherheit geben, denn du weißt aus Erfahrung, dass du dich auf dich selbst verlassen kannst.

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
Nach oben scrollen

Möchtest du neue Artikel nicht verpassen?

Wenn du über neue Beiträge, Bücher und Ratgeber von mir informiert werden möchtest, kannst du dich hier zu meinem Newsletter anmelden.