Warum fühle ich mich einsam, obwohl ich nicht allein bin?

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Du sitzt mit anderen Menschen an einem Tisch. Es wird gesprochen, gelacht, jemand erzählt eine Geschichte, jemand anderes schenkt noch etwas nach. Du bist nicht ausgeschlossen. Du bist mittendrin. Und trotzdem fühlst du dich einsam. Nicht unbedingt traurig, nicht unbedingt unwohl – nur merkwürdig wenig verbunden mit den Menschen um dich herum.

Gerade das kann irritieren. Eigentlich bist du doch gar nicht allein. Wie kann man sich einsam fühlen, obwohl andere Menschen direkt neben einem sitzen?

Nicht jede innere Distanz zu anderen Menschen ist Einsamkeit. Wer gerade keinen Austausch braucht und sich damit wohlfühlt, erlebt möglicherweise einfach gern einen Moment für sich. Einsamkeit entsteht eher dann, wenn die Verbindung fehlt, die man sich in diesem Moment eigentlich wünschen würde.

Einsamkeit ist kein reines Mengenproblem. Dass Menschen da sind, bedeutet noch nicht, dass in dieser Situation auch das vorhanden ist, was dir gerade fehlt. Du kannst deshalb einsam, aber nicht allein sein.

Alleinsein und Einsamkeit sind nicht dasselbe. Alleinsein beschreibt zunächst einen äußeren Zustand. Einsamkeit wird in der Forschung dagegen meist als subjektives und belastendes Gefühl verstanden, das entstehen kann, wenn zwischen den sozialen Beziehungen, die vorhanden sind, und dem, was ein Mensch sich an Kontakt oder Zugehörigkeit wünscht, eine Lücke besteht. Soziale Isolation ist wiederum etwas anderes: Sie beschreibt eher den objektiven Zustand, wenige Kontakte oder Beziehungen zu haben.

Damit kommen wir ziemlich schnell zu zwei wichtigeren Fragen als nach der Anzahl der Menschen in deinem Leben:

Was genau macht diese Situation für dich einsam?

Was fehlt dir – und warum fehlt dir gerade das?

Was fehlt, kann sehr unterschiedlich sein. Ein Gespräch, gemeinsame Zeit, Gesellschaft, Zugehörigkeit, körperliche oder sexuelle Nähe, eine vertraute Person oder einfach mehr Leben im Alltag. Manchmal ist die Wohnung zu still, manchmal fehlen gemeinsame Erlebnisse, manchmal jemand, dem man spontan erzählen kann, was gerade passiert ist.

Die zweite Frage geht tiefer. Welche Bedeutung hätte das, was dir fehlt, für dich? Würde es deinen Alltag lebendiger machen? Würdest du dich zugehöriger fühlen? Möchtest du Erlebtes teilen, nicht immer alles mit dir selbst ausmachen oder einfach jemanden haben, mit dem du etwas unternehmen kannst? Erst dieses Warum zeigt genauer, was hinter dem allgemeinen Satz „Ich fühle mich einsam“ eigentlich steckt.

Genau deshalb kann für manche Menschen schon ein Haustier erstaunlich viel verändern. Wenn vor allem die stille Wohnung belastet oder zu Hause einfach etwas Leben fehlt, kann ein Tier Gesellschaft und Struktur in den Alltag bringen. Ein Hund sorgt zusätzlich dafür, dass man nach draußen kommt, eine Katze wartet zu Hause, ein Vogel bringt Geräusche und Bewegung in die Wohnung.

Wer dagegen einen Gesprächspartner sucht, wird von einem Wellensittich auf die großen Fragen vermutlich nur begrenzt brauchbare Antworten bekommen. Gerade daran lässt sich gut erkennen, warum die Frage nach dem eigentlichen Grund so wichtig ist: Was einem hilft, hängt auch davon ab, was man vermisst.

Dass Einsamkeit so verschieden erlebt werden kann, spiegelt sich auch in der Forschung wider. Dort wird unter anderem zwischen sozialer und emotionaler Einsamkeit unterschieden. Bei sozialer Einsamkeit fehlt eher ein befriedigendes soziales Netz oder das Gefühl von Zugehörigkeit. Bei emotionaler Einsamkeit geht es stärker um das Fehlen einer engen persönlichen Beziehung oder eines vertrauten Menschen, mit dem Wesentliches geteilt werden kann.

Damit bekommen unterschiedliche Erfahrungen von Einsamkeit einen Namen. Der eine vermisst ein Umfeld, in dem er sich selbstverständlich zugehörig fühlt. Dem anderen fehlt eine einzelne vertraute Person. Beides kann sich einsam anfühlen, obwohl die äußere Situation völlig verschieden aussieht.

Und manchmal fehlt nicht einmal jemand. Manchmal fehlt das Gefühl, wirklich gemeint zu sein.

Es macht einen Unterschied, ob jemand mit dir spricht oder ob du dich in diesem Gespräch wirklich gesehen fühlst. Du kannst Teil einer Familie, eines Freundeskreises, einer Gruppe oder eines Kollegiums sein, erzählen, zuhören und lachen und trotzdem irgendwann denken: Niemand kennt mich wirklich.

Auch in der Forschung wird soziale Verbindung deshalb nicht allein danach betrachtet, wie viele Kontakte jemand hat. Eine Rolle spielt ebenso, wie Beziehungen erlebt werden, was sie einem geben und ob sie zu dem passen, was man selbst in ihnen sucht. Ein voller Kalender sagt darüber erstaunlich wenig aus.

Einsamkeit ist außerdem kein Thema eines bestimmten Alters. Junge Menschen können zur Schule gehen, studieren, arbeiten, ständig Nachrichten bekommen und regelmäßig andere treffen und sich trotzdem einsam fühlen. Im höheren Alter können andere Veränderungen hinzukommen: Vertraute Menschen sterben, das soziale Umfeld verändert sich oder körperliche Einschränkungen und geringere Mobilität erschweren Kontakte. Ein älterer Mensch kann Kinder, Enkel und Bekannte haben und trotzdem eine bestimmte vertraute Person vermissen, mit der er reden, lachen oder etwas unternehmen kann.

Zu erkennen, was einem fehlt, bedeutet allerdings noch nicht automatisch, dass es leicht ist, genau das im eigenen Leben zu finden.

Menschen unterscheiden sich enorm darin, wie viel und welche Art von Kontakt sie wünschen. Manche introvertierte Menschen verbringen ausgesprochen gern viel Zeit allein und kommen mit wenigen sozialen Kontakten gut aus. Wer sich dagegen mehr Gesellschaft wünscht, aber schüchtern oder sehr zurückhaltend ist, erlebt schon den ersten Schritt auf andere Menschen zu womöglich als große Hürde. Allein zu einer Veranstaltung zu gehen, sich irgendwo dazuzusetzen oder ein Gespräch anzufangen, ist für den einen selbstverständlich und für den anderen alles andere als leicht.

Auch die eigenen Erwartungen können diesen Schritt beeinflussen. Wer schon vorher fest davon ausgeht, ohnehin abgelehnt zu werden, geht anders in eine Begegnung als jemand, der zunächst offenlässt, was daraus entsteht. Der gut gemeinte Rat „Geh doch einfach mehr unter Leute“ greift deshalb zu kurz, wenn jemand sich zwar mehr Begegnungen wünscht, aber gerade das Zugehen auf andere schwerfällt.

Bis hierhin ging es um Einsamkeit in Situationen, in denen etwas vermisst wird. Es gibt aber auch die andere Seite: Menschen können allein sein und sich damit ausgesprochen wohlfühlen.

Im Alltag ist deshalb manchmal von positiver Einsamkeit die Rede. „Ich genieße meine Einsamkeit“, sagen Menschen und meinen damit Ruhe, Freiheit, Selbstbestimmung und die Möglichkeit, ganz für sich zu sein. Wissenschaftlich wird ein angenehm und freiwillig erlebtes Alleinsein eher als Solitude oder gewähltes Alleinsein bezeichnet.

Auch mitten unter anderen kann jemand für sich sein, innerlich etwas zurückgezogen oder einfach seine eigene Gesellschaft genießen. Wenn ihm dabei nichts fehlt, ist diese Distanz nicht automatisch Einsamkeit.

Nicht jeder Mensch, der allein lebt, möchte aus diesem Alleinsein heraus. Und nicht jeder, der sich grundsätzlich eine Partnerschaft vorstellen könnte, leidet an seinem Leben ohne Partner. Wer längere Zeit allein lebt, entwickelt eigene Routinen und einen Alltag, der gut auf das eigene Leben abgestimmt ist. Ruhe, Selbstständigkeit und die Freiheit, vieles selbst zu entscheiden, können dabei sehr angenehm sein.

Damit sind wir wieder bei dem Tisch vom Anfang. Fünf Menschen können direkt neben dir sitzen und trotzdem fehlt dir etwas, das für dich in diesem Moment wichtig ist. An einem anderen Abend kannst du allein zu Hause sein und dich vollkommen wohlfühlen.

Entscheidend ist deshalb nicht allein, wie voll der Raum, der Kalender oder die Kontaktliste ist. Interessanter sind zwei viel persönlichere Fragen: Was genau macht dich einsam? Was fehlt dir – und warum fehlt es dir?

Wie auch immer du lebst: Ich hoffe, dass dein Leben zu dir passt und du dich darin nicht einsamer fühlst, als du sein möchtest.




Im Buch „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“ kommt unter anderem die Einsamkeit selbst zu Wort und erzählt, wie sie sich anfühlen kann, wie sie sich zeigt und warum sie nicht für jeden Menschen dasselbe bedeutet.

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Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
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