Du kannst dich grundsätzlich mögen und trotzdem Seiten an dir haben, mit denen du nicht besonders zufrieden bist. Vielleicht bist du schnell ungeduldig, schiebst Dinge länger auf, als dir lieb ist, oder es gibt etwas an deinem Aussehen, das du gern verändern würdest. Dann kann die Frage auftauchen, ob das überhaupt zu Selbstliebe passt. Müsste Selbstannahme nicht bedeuten, sich genauso richtig zu finden, wie man ist?
Nein. Du musst nicht alles an dir mögen, um dich selbst anzunehmen. Selbstannahme bedeutet weder, mit jeder einzelnen Seite von dir zufrieden zu sein, noch dich jeden Tag großartig finden zu müssen.
Es macht einen Unterschied, ob du sagst: „Diese Eigenschaft an mir mag ich nicht“ oder ob daraus wird: „Deshalb mag ich mich nicht.“ Im ersten Fall schaust du auf einen Teil von dir. Im zweiten wird daraus ein Urteil über deine ganze Person.
Nehmen wir an, du bist häufig ungeduldig. Das kann dich stören, und du kannst daran arbeiten. Aber deine Ungeduld ist nicht alles, was dich ausmacht. Genauso wenig sagt eine Situation, in der du unsicher reagierst, etwas über deinen gesamten Charakter aus. Einzelne Seiten von dir dürfen einzelne Seiten bleiben. Du musst sie nicht schönreden, aber du musst aus ihnen auch kein Urteil über dich als ganzen Menschen machen.
Sich selbst anzunehmen heißt auch nicht, sich nie mehr verändern zu wollen. Du kannst lernen, geduldiger zu werden, besser für dich einzustehen oder eine Gewohnheit zu verändern, die dir nicht guttut. Selbstannahme ist weder Stillstand noch ein Freibrief für Verhalten, das dir oder anderen schadet. Nicht jede Veränderung ist automatisch eine Verbesserung, aber der Wunsch nach Veränderung ist kein Beweis dafür, dass du dich selbst ablehnst.
Interessant ist eher, was hinter deinem Wunsch nach Veränderung steht.
Es ist ein Unterschied, ob du denkst: „Ich möchte daran etwas ändern, weil es mir damit besser gehen würde“ oder: „Erst wenn ich das geändert habe, bin ich in Ordnung.“ Von außen kann beides ähnlich aussehen. Innerlich beginnt es an einem anderen Punkt.
Wenn dein Wert immer an der nächsten Verbesserung hängt, verschiebt sich die Grenze leicht weiter. Erst möchtest du fünf Kilo abnehmen, danach stören dich noch drei. Oder du erreichst beruflich etwas und denkst schon darüber nach, was als Nächstes kommen müsste. So kann das Gefühl entstehen, noch nicht ganz richtig zu sein. Die bessere Version von dir liegt immer ein Stück voraus.
Du kannst Veränderung aber auch anders betrachten. Du musst nicht gegen dich arbeiten, um dich weiterzuentwickeln. Du kannst sagen: „Das bin im Moment ich. Und daran möchte ich etwas ändern.“ Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Das gilt auch für den eigenen Körper. Selbstannahme verlangt nicht von dir, jeden Teil deines Körpers schön zu finden oder dich jeden Morgen begeistert im Spiegel zu betrachten. Du darfst etwas an deinem Aussehen ändern wollen, wenn es dir wichtig ist. Nur muss daraus nicht folgen, dass mit dir als Mensch etwas nicht stimmt oder dein Wert davon abhängt.
Vielleicht liegt genau hier auch ein Missverständnis über Selbstliebe. Das Wort klingt schnell nach einem großen Gefühl, als müsste man alles an sich schätzen und mit jeder eigenen Seite im Reinen sein. Im wirklichen Leben ist das ein ziemlich hoher Anspruch.
Selbstliebe kann viel unspektakulärer aussehen. Du nimmst dich ernst. Du sprichst bei einem Fehler nicht abwertend mit dir. Und du sorgst auch dann gut für dich, wenn du gerade unzufrieden mit dir bist. Du musst nicht erst eine bessere Version deiner selbst werden, um dir mit Respekt zu begegnen.
Du kannst dich weiterentwickeln, Fehler sehen, an Gewohnheiten arbeiten und trotzdem auf deiner eigenen Seite bleiben.
Wenn du an eine Seite von dir denkst, die du gern verändern würdest: Könntest du sie anschauen, ohne daraus ein Urteil über dich als ganzen Menschen zu machen? Vielleicht beginnt Selbstannahme genau dort – nicht alles an sich gut finden zu müssen und trotzdem auf der eigenen Seite zu bleiben.
Wenn du der Selbstliebe noch auf eine andere Weise begegnen möchtest, begleitet sie dich auch in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort bekommt die Selbstliebe, neben vielen anderen Gefühlen, ihre eigene Stimme und erzählt davon, wie es sein kann, sich selbst freundlich und ehrlich zu begegnen – auch an Tagen, an denen man mit sich nicht ganz zufrieden ist. Danach führen Reflexionsseiten den Gedanken weiter und laden dich ein, auf deinen eigenen Umgang mit dir, deine Fehler und die Art zu schauen, wie du innerlich mit dir sprichst.
