Warum kann ich anderen einen Fehler verzeihen, mir selbst aber nicht?

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Ein anderer Mensch macht einen Fehler, entschuldigt sich bei dir und irgendwann kannst du sagen: Es ist passiert. Es war nicht in Ordnung, aber ich möchte es dir nicht länger nachtragen. Bei einem eigenen Fehler kann das erstaunlich viel schwerer sein. Du denkst noch Jahre später daran, gehst die Situation im Kopf wieder durch und fragst dich, warum du damals nicht anders gehandelt hast.

Dabei lohnt es sich, zunächst einen Schritt zurückzugehen. Denn bevor du dir einen Fehler verzeihen kannst, stellt sich eine andere Frage: War es tatsächlich ein Fehler?

Nicht jede Entscheidung, die sich im Nachhinein als ungünstig herausstellt, war in dem Moment falsch, in dem du sie getroffen hast. Du entscheidest mit dem Wissen, das dir in diesem Moment zur Verfügung steht. Du kennst den Ausgang noch nicht, weißt nicht, welche Folgen sich daraus ergeben und kannst Entwicklungen nicht vorhersehen, die erst Monate oder Jahre später eintreten.

Im Rückblick sieht das anders aus. Nun weißt du, wie sich die Dinge entwickelt haben. Plötzlich erscheint etwas offensichtlich, das vorher keineswegs offensichtlich war. In der Psychologie ist dieser Effekt als Rückschaufehler bekannt. Sobald wir wissen, wie etwas ausgegangen ist, neigen wir dazu, den Ausgang für vorhersehbarer zu halten, als er tatsächlich war.

Auch das Ergebnis selbst kann unseren Blick auf eine frühere Entscheidung verändern. Wenn etwas gut ausgeht, erscheint uns die Entscheidung schnell richtig. Geht es schlecht aus, fragen wir uns, wie wir nur so entscheiden konnten. Doch ein unerwünschtes Ergebnis beweist noch nicht, dass du damals einen Fehler gemacht hast.

Angenommen, du hast dich beruflich für eine Stelle entschieden, die nach allem, was du wusstest, gut zu dir passte. Ein Jahr später stellst du fest, dass du dort unglücklich bist. Heute würdest du die Stelle nicht mehr annehmen. Aber dieses Wissen hattest du damals nicht. Du hast eine Entscheidung getroffen und anschließend Erfahrungen gemacht, die deine heutige Einschätzung verändert haben.

Deshalb kann es einen Unterschied machen, ob du sagst: „Das war ein Fehler“ oder: „Mit dem, was ich heute weiß, würde ich mich anders entscheiden.“

Natürlich gibt es auch die anderen Situationen. Du hast tatsächlich etwas übersehen, falsch eingeschätzt oder versäumt. Du hast etwas gesagt, das einen anderen Menschen verletzt hat. Du hast ein Versprechen nicht gehalten, warst unachtsam oder hast eine Entscheidung getroffen, obwohl du schon Zweifel hattest. Dann geht es nicht darum, den Fehler so lange zu betrachten, bis er keiner mehr ist.

Dann darf auch der einfache Satz stehen: Ja, da habe ich einen Fehler gemacht.

Schuldgefühle können in einer solchen Situation durchaus eine Funktion haben. Sie zeigen uns, dass unser eigenes Verhalten nicht zu dem passt, was wir für richtig halten. Je nachdem, was geschehen ist, können auch Scham oder andere unangenehme Gefühle hinzukommen. Entscheidend ist jedoch, was wir mit der Erkenntnis anfangen.

Wenn dein Fehler einen anderen Menschen betroffen hat, gehört dazu oft der Mut, ihn anzuerkennen. Eine ehrliche Entschuldigung macht nicht ungeschehen, was passiert ist. Sie nimmt dem Fehler auch nicht automatisch sein Gewicht. Aber du sagst damit dem anderen: Ich sehe, dass mein Verhalten Folgen für dich hatte. Ich erkenne meinen Anteil daran an. Es tut mir leid.

Wo es möglich ist, kann noch etwas hinzukommen. Du kannst einen Schaden beheben, etwas nachholen, ein Missverständnis klären oder dein Verhalten verändern. Nicht jeder Fehler lässt sich wiedergutmachen. Ein ausgesprochenes Wort lässt sich nicht zurückholen, manche Folgen bleiben und manche Gelegenheit kommt nicht wieder. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob du Verantwortung übernimmst oder versuchst, das Geschehene kleinzureden.

Auch die Reaktion des anderen kann etwas verändern. Wenn du dich entschuldigst und dein Gegenüber sagt: „Ich nehme deine Entschuldigung an“, kann das erleichtern. Der Fehler ist dadurch nicht verschwunden. Aber der Mensch, den du verletzt hast, signalisiert dir damit, dass er bereit ist, deine Entschuldigung anzunehmen und dir das Geschehene nicht weiter vorzuwerfen. Das kann auch dir helfen, nicht immer wieder an derselben Stelle stehen zu bleiben.

Nur lässt sich Vergebung nicht einfordern. Eine Entschuldigung gibt dir keinen Anspruch darauf, dass der andere sie annimmt oder dir verzeiht. Er darf weiterhin verletzt sein, Zeit brauchen oder für sich entscheiden, dass er Abstand möchte. Verantwortung zu übernehmen bedeutet auch, diese Reaktion auszuhalten.

Damit bleibt irgendwann eine Frage übrig, die dir niemand anderes vollständig beantworten kann: Kannst du dir selbst verzeihen?

Sich selbst zu verzeihen bedeutet nicht, sich freizusprechen. Es bedeutet auch nicht, aus einem „Das war falsch“ nachträglich ein „So schlimm war es doch gar nicht“ zu machen. Du kannst einen Fehler weiterhin bedauern und trotzdem aufhören, dich immer wieder dafür zu bestrafen.

Denn irgendwann ist möglicherweise alles getan, was heute noch getan werden kann. Du hast deinen Fehler anerkannt, dich entschuldigt, soweit möglich etwas wiedergutgemacht und für dich verstanden, was du künftig anders machen möchtest. Wenn du dir dann Jahre später noch immer dieselben Vorwürfe machst, wird dadurch nichts zusätzlich repariert.

Gerade hier kann Selbstliebe etwas sehr Bodenständiges sein. Nicht die Vorstellung, alles an sich gut finden zu müssen. Sondern auch dann vernünftig mit sich umzugehen, wenn man mit dem eigenen Verhalten nicht zufrieden ist. Du kannst Verantwortung übernehmen und dir zugleich zugestehen, ein Mensch zu sein, der Fehler macht.

Dazu gehört auch, anzunehmen, dass du die Vergangenheit nicht mehr mit deinem heutigen Wissen betreten kannst. Du kannst nicht zurückgehen und damals schon all die Erfahrungen haben, die du erst danach gesammelt hast. Und selbst dort, wo du es tatsächlich hättest besser machen können, kannst du nur heute entscheiden, was du aus dieser Erkenntnis machst.

Genau darin liegt noch eine andere Seite von Fehlern. Sie sind nicht automatisch für etwas gut. Es gibt Fehler, auf die wir gern verzichtet hätten. Es wäre wenig hilfreich, jedem schmerzhaften Erlebnis im Nachhinein einen verborgenen Sinn geben zu wollen.

Aber aus einem Fehler kann etwas entstehen.

Eine Fehlentscheidung im Beruf kann dazu führen, dass du eine andere Richtung einschlägst und dabei Möglichkeiten entdeckst, die du vorher nicht gesehen hast. Ein misslungenes Projekt kann dir zeigen, was beim nächsten Mal anders laufen muss. Ein Fehler im Umgang mit einem Menschen kann dazu führen, dass du künftig genauer zuhörst, früher etwas ansprichst oder bewusster darauf achtest, wie dein Verhalten beim anderen ankommt.

Das Gute, das daraus entsteht, macht den ursprünglichen Fehler nicht gut. Es zeigt nur, dass seine Folgen nicht zwangsläufig an der Stelle enden müssen, an der etwas schiefgegangen ist.

Und mit genügend Abstand kann sich sogar die Bewertung eines früheren Fehlers verändern. Etwas, das du lange für eine große Fehlentscheidung gehalten hast, erscheint dir Jahre später möglicherweise weniger eindeutig. Du würdest dich heute noch immer anders entscheiden, erkennst aber gleichzeitig, was du auf diesem Weg gelernt, verändert oder gefunden hast.

Andere Fehler bleiben auch mit Abstand Fehler. Du musst sie nicht umdeuten, damit du mit ihnen leben kannst. Es kann genügen, anzuerkennen: Das ist passiert. Ich hätte es gern anders gemacht. Ich kann es nicht mehr ändern, aber ich kann entscheiden, welchen Platz es heute noch in meinem Leben bekommt.

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Verdrängen und Verzeihen. Der Fehler muss nicht verschwinden, damit du aufhören kannst, gegen deine eigene Vergangenheit anzukämpfen. Du darfst ihn als Teil deiner Geschichte mitnehmen, ohne ihn jeden Tag aufs Neue zu deiner Gegenwart zu machen.

Und dort, wo noch etwas möglich ist, kannst du handeln: dich entschuldigen, Verantwortung übernehmen, etwas wiedergutmachen oder künftig anders entscheiden. Dort, wo nichts mehr verändert werden kann, bleibt immer noch die Möglichkeit, aus dem Vergangenen etwas für dein heutiges Leben mitzunehmen.

Wenn du heute auf einen größeren Fehler in deinem Leben zurückblickst: Würdest du ihn noch genauso beurteilen wie damals?




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