Du hast seit Stunden etwas zu tun. Eine Aufgabe folgt auf die nächste, zwischendurch fällt dir noch etwas ein, das du ebenfalls erledigen könntest, und irgendwie geht es immer weiter. Du funktionierst, arbeitest deine Dinge ab und denkst kaum darüber nach, wie viel Kraft dich das gerade kostet. Dann setzt du dich hin. Und plötzlich bist du völlig fertig.
Das kann sich merkwürdig anfühlen. Eben ging es doch noch. Jetzt werden die Beine schwer, die Konzentration ist weg und allein der Gedanke, gleich wieder aufzustehen, erscheint anstrengend. Fast könnte man meinen, die Pause hätte einen erst müde gemacht.
Doch die Erschöpfung beginnt nicht unbedingt in diesem Moment. Solange Aufgaben vor dir liegen, richtet sich deine Aufmerksamkeit vor allem darauf, was als Nächstes zu tun ist. Wir können eine ganze Weile weitermachen, indem wir zusätzliche Anstrengung aufbringen. Gerade wenn etwas fertig werden muss oder wir ein Ziel vor Augen haben, konzentrieren wir uns noch einmal und machen weiter.
Erst wenn die unmittelbare Aufgabe wegfällt, verändert sich die Wahrnehmung. Du musst nicht mehr überlegen, was als Nächstes kommt. Müdigkeit, schwere Augen, verspannte Schultern, nachlassende Konzentration oder einfach das Bedürfnis, nichts mehr tun zu wollen, werden deutlicher. Die Pause hat diese Erschöpfung nicht hervorgebracht. Sie kann nur der erste Moment sein, in dem du sie nicht mehr so leicht übergehst.
Das erklärt auch, warum eine Pause mitten in einem arbeitsreichen Tag anders wirken kann als erhofft. Eigentlich möchtest du dich nur kurz hinsetzen. Doch sobald du sitzt, fühlt sich der Gedanke an die Dinge, die noch warten, plötzlich wesentlich schwerer an als wenige Minuten zuvor. Eine unterbrochene Tätigkeit muss außerdem wieder aufgenommen werden. Du warst vorher in einem Ablauf und musst nach der Pause erst wieder dort anknüpfen. Wenn du ohnehin schon müde bist, kann dieser neue Anfang umso schwerer fallen.
Das heißt nicht, dass es besser wäre, grundsätzlich auf Pausen zu verzichten. Dass du deine Erschöpfung während des Weitermachens weniger deutlich bemerkst, bedeutet nicht, dass sie nicht vorhanden ist. Eine Pause kann dir gerade zeigen, wie viel Kraft du bereits verbraucht hast.
Nicht jede Pause fühlt sich außerdem gleich an. Es macht einen Unterschied, ob danach noch fünf Dinge erledigt werden müssen oder ob du für heute wirklich fertig bist. Nach einem abgeschlossenen Arbeitstag kannst du müde sein und zugleich zufrieden mit dem, was du geschafft hast. Dann darfst du sitzen bleiben, ohne dich kurze Zeit später wieder aufraffen zu müssen.
Noch deutlicher kann dieser Wechsel am Beginn eines Urlaubs werden. Bis zum letzten Arbeitstag läuft der gewohnte Rhythmus weiter. Dann liegen plötzlich mehrere freie Tage vor dir. Nicht jeder erlebt das gleich, doch gerade dieser Unterschied kann die eigene Erschöpfung im Urlaub zunächst besonders spürbar machen. Was vorher zwischen Arbeit und Verpflichtungen wenig Beachtung bekam, fällt in der Ruhe stärker auf.
Erholung beginnt allerdings nicht allein damit, dass wir uns hinsetzen oder nicht arbeiten. Auch wenn du längst auf dem Sofa sitzt, kannst du gedanklich noch bei der Arbeit sein. Ein Gespräch geht dir nach, du planst den nächsten Tag oder gehst im Kopf durch, was noch erledigt werden muss. Auch dieses gedankliche Abschalten spielt für Erholung eine Rolle. Frei zu haben und sich tatsächlich von den Anforderungen des Tages zu lösen, ist nicht immer dasselbe.
Mit der Zeit kann es deshalb hilfreich sein, die eigenen Zeichen von Erschöpfung etwas früher kennenzulernen. Bei einem Menschen lässt die Konzentration nach, ein anderer wird ungeduldiger, braucht für einfache Dinge länger oder merkt körperlich, dass der Tag Kraft gekostet hat.
Auch ein guter Tag kann anstrengend sein. Du kannst viel geschafft haben, mit deiner Arbeit zufrieden sein und am Abend trotzdem erschöpft sein. Anstrengung allein sagt noch nicht, ob etwas gut oder schlecht für dich war.
Eine Pause kann also sichtbar machen, was im Tun leichter untergeht. Mit der Zeit kannst du dadurch auch besser kennenlernen, wann deine Kräfte nachlassen und welche Art von Pause dir tatsächlich guttut.
Welche Art von Pause funktioniert für dich am besten? Eine kurze Unterbrechung zwischendurch oder die Ruhe nach einem abgeschlossenen Tag? Und hast du mit der Zeit herausgefunden, wann eine Pause dir wirklich guttut?
Wenn du das Gefühl Erschöpfung noch aus einer anderen Perspektive betrachten möchtest, findest du es auch in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort kommt Erschöpfung, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort und beschreibt, wie sie sich bemerkbar machen kann. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dich dazu ein, deine eigenen Erfahrungen festzuhalten und genauer hinzusehen, wann deine Kräfte nachlassen und was dir in solchen Zeiten guttut.
