Warum merke ich erst in einer Pause, wie erschöpft ich bin?

Lesedauer: ca. 4 Minuten

Du hast seit Stunden etwas zu tun. Eine Aufgabe folgt auf die nächste, zwischendurch fällt dir noch etwas ein, das du ebenfalls erledigen könntest, und irgendwie geht es immer weiter. Du funktionierst, arbeitest deine Dinge ab und denkst kaum darüber nach, wie viel Kraft dich das gerade kostet. Dann setzt du dich hin. Und plötzlich bist du völlig fertig.

Das kann sich merkwürdig anfühlen. Eben ging es doch noch. Jetzt werden die Beine schwer, die Konzentration ist weg und allein der Gedanke, gleich wieder aufzustehen, erscheint anstrengend. Fast könnte man meinen, die Pause hätte einen erst müde gemacht.

Doch die Erschöpfung beginnt nicht unbedingt in diesem Moment. Solange Aufgaben vor dir liegen, richtet sich deine Aufmerksamkeit vor allem darauf, was als Nächstes zu tun ist. Wir können eine ganze Weile weitermachen, indem wir zusätzliche Anstrengung aufbringen. Gerade wenn etwas fertig werden muss oder wir ein Ziel vor Augen haben, konzentrieren wir uns noch einmal und machen weiter.

Erst wenn die unmittelbare Aufgabe wegfällt, verändert sich die Wahrnehmung. Du musst nicht mehr überlegen, was als Nächstes kommt. Müdigkeit, schwere Augen, verspannte Schultern, nachlassende Konzentration oder einfach das Bedürfnis, nichts mehr tun zu wollen, werden deutlicher. Die Pause hat diese Erschöpfung nicht hervorgebracht. Sie kann nur der erste Moment sein, in dem du sie nicht mehr so leicht übergehst.

Das erklärt auch, warum eine Pause mitten in einem arbeitsreichen Tag anders wirken kann als erhofft. Eigentlich möchtest du dich nur kurz hinsetzen. Doch sobald du sitzt, fühlt sich der Gedanke an die Dinge, die noch warten, plötzlich wesentlich schwerer an als wenige Minuten zuvor. Eine unterbrochene Tätigkeit muss außerdem wieder aufgenommen werden. Du warst vorher in einem Ablauf und musst nach der Pause erst wieder dort anknüpfen. Wenn du ohnehin schon müde bist, kann dieser neue Anfang umso schwerer fallen.

Das heißt nicht, dass es besser wäre, grundsätzlich auf Pausen zu verzichten. Dass du deine Erschöpfung während des Weitermachens weniger deutlich bemerkst, bedeutet nicht, dass sie nicht vorhanden ist. Eine Pause kann dir gerade zeigen, wie viel Kraft du bereits verbraucht hast.

Nicht jede Pause fühlt sich außerdem gleich an. Es macht einen Unterschied, ob danach noch fünf Dinge erledigt werden müssen oder ob du für heute wirklich fertig bist. Nach einem abgeschlossenen Arbeitstag kannst du müde sein und zugleich zufrieden mit dem, was du geschafft hast. Dann darfst du sitzen bleiben, ohne dich kurze Zeit später wieder aufraffen zu müssen.

Noch deutlicher kann dieser Wechsel am Beginn eines Urlaubs werden. Bis zum letzten Arbeitstag läuft der gewohnte Rhythmus weiter. Dann liegen plötzlich mehrere freie Tage vor dir. Nicht jeder erlebt das gleich, doch gerade dieser Unterschied kann die eigene Erschöpfung im Urlaub zunächst besonders spürbar machen. Was vorher zwischen Arbeit und Verpflichtungen wenig Beachtung bekam, fällt in der Ruhe stärker auf.

Erholung beginnt allerdings nicht allein damit, dass wir uns hinsetzen oder nicht arbeiten. Auch wenn du längst auf dem Sofa sitzt, kannst du gedanklich noch bei der Arbeit sein. Ein Gespräch geht dir nach, du planst den nächsten Tag oder gehst im Kopf durch, was noch erledigt werden muss. Auch dieses gedankliche Abschalten spielt für Erholung eine Rolle. Frei zu haben und sich tatsächlich von den Anforderungen des Tages zu lösen, ist nicht immer dasselbe.

Mit der Zeit kann es deshalb hilfreich sein, die eigenen Zeichen von Erschöpfung etwas früher kennenzulernen. Bei einem Menschen lässt die Konzentration nach, ein anderer wird ungeduldiger, braucht für einfache Dinge länger oder merkt körperlich, dass der Tag Kraft gekostet hat.

Auch ein guter Tag kann anstrengend sein. Du kannst viel geschafft haben, mit deiner Arbeit zufrieden sein und am Abend trotzdem erschöpft sein. Anstrengung allein sagt noch nicht, ob etwas gut oder schlecht für dich war.

Eine Pause kann also sichtbar machen, was im Tun leichter untergeht. Mit der Zeit kannst du dadurch auch besser kennenlernen, wann deine Kräfte nachlassen und welche Art von Pause dir tatsächlich guttut.

Welche Art von Pause funktioniert für dich am besten? Eine kurze Unterbrechung zwischendurch oder die Ruhe nach einem abgeschlossenen Tag? Und hast du mit der Zeit herausgefunden, wann eine Pause dir wirklich guttut?




Wenn du das Gefühl Erschöpfung noch aus einer anderen Perspektive betrachten möchtest, findest du es auch in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort kommt Erschöpfung, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort und beschreibt, wie sie sich bemerkbar machen kann. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dich dazu ein, deine eigenen Erfahrungen festzuhalten und genauer hinzusehen, wann deine Kräfte nachlassen und was dir in solchen Zeiten guttut.

Passend zu diesem Thema

Schwierig wird es häufig erst durch die Bedeutung, die wir dem Abstand geben. Aus einem „Ich möchte gerade nicht umarmt werden“ kann im Kopf schnell ein „Ich möchte dich nicht“ werden. Doch das sind zwei sehr unterschiedliche Aussagen.
Lesedauer: ca. 4 Minuten
Aus einer solchen Erkenntnis kann neue Wertschätzung entstehen. Du siehst nicht mehr nur, dass jemand etwas für dich getan hat, sondern verstehst besser, was dahinterstand. Daraus kann auch Dankbarkeit wachsen. Nicht, weil du dir vornimmst, dankbarer sein zu müssen.
Lesedauer: ca. 4 Minuten
Dieses Gefühl kennen viele als Fremdschämen. Dabei empfindest du Scham wegen des Verhaltens eines anderen Menschen, obwohl du selbst keinen Grund hättest, dich zu schämen. Das kann so stark sein, dass du wegsehen möchtest, innerlich zusammenzuckst oder nur noch hoffst, dass die Situation schnell vorbei ist.
Lesedauer: ca. 4 Minuten
Es macht einen Unterschied, ob du sagst: ‚Diese Eigenschaft an mir mag ich nicht‘ oder ob daraus wird: ‚Deshalb mag ich mich nicht.‘ Im ersten Fall schaust du auf einen Teil von dir. Im zweiten wird daraus ein Urteil über deine ganze Person.
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Finde das Gefühl, das dich gerade beschäftigt

Suche direkt nach einem Gefühl oder öffne die Übersicht mit allen 79 Gefühlen.

Hier kannst du weiterlesen

Dieses Gefühl kennen viele als Fremdschämen. Dabei empfindest du Scham wegen des Verhaltens eines anderen Menschen, obwohl du selbst keinen Grund hättest, dich zu schämen. Das kann so stark sein, dass du wegsehen möchtest, innerlich zusammenzuckst oder nur noch hoffst, dass die Situation schnell vorbei ist.

Dieses Gefühl kennen viele als Fremdschämen. Dabei empfindest du Scham wegen des Verhaltens eines anderen Menschen, obwohl du selbst keinen Grund hättest, dich zu schämen. Das kann so stark sein, dass du wegsehen möchtest, innerlich zusammenzuckst oder nur noch hoffst, dass die Situation schnell vorbei ist.

Lesedauer: ca. 4 Minuten
Es macht einen Unterschied, ob du sagst: ‚Diese Eigenschaft an mir mag ich nicht‘ oder ob daraus wird: ‚Deshalb mag ich mich nicht.‘ Im ersten Fall schaust du auf einen Teil von dir. Im zweiten wird daraus ein Urteil über deine ganze Person.

Es macht einen Unterschied, ob du sagst: ‚Diese Eigenschaft an mir mag ich nicht‘ oder ob daraus wird: ‚Deshalb mag ich mich nicht.‘ Im ersten Fall schaust du auf einen Teil von dir. Im zweiten wird daraus ein Urteil über deine ganze Person.

Lesedauer: ca. 4 Minuten
Genau deshalb können Freude und Wehmut gleichzeitig auftauchen. Du freust dich darüber, wo du bist und was du gerade erlebst. Und du bist wehmütig, weil du weißt, dass es zeitlich begrenzt ist. Das widerspricht sich nicht.

Genau deshalb können Freude und Wehmut gleichzeitig auftauchen. Du freust dich darüber, wo du bist und was du gerade erlebst. Und du bist wehmütig, weil du weißt, dass es zeitlich begrenzt ist. Das widerspricht sich nicht.

Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wer lange gewohnt ist, vieles allein zu regeln, denkt darüber oft gar nicht mehr nach. Du organisierst, entscheidest, kümmerst dich und findest einen Weg. Diese Selbstständigkeit kann dir Sicherheit geben, denn du weißt aus Erfahrung, dass du dich auf dich selbst verlassen kannst.

Wer lange gewohnt ist, vieles allein zu regeln, denkt darüber oft gar nicht mehr nach. Du organisierst, entscheidest, kümmerst dich und findest einen Weg. Diese Selbstständigkeit kann dir Sicherheit geben, denn du weißt aus Erfahrung, dass du dich auf dich selbst verlassen kannst.

Lesedauer: ca. 4 Minuten

Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
Nach oben scrollen

Möchtest du neue Artikel nicht verpassen?

Wenn du über neue Beiträge, Bücher und Ratgeber von mir informiert werden möchtest, kannst du dich hier zu meinem Newsletter anmelden.