Es kann irritierend sein, wenn ein Mensch freundlich zu dir ist und du ihn trotzdem nicht besonders magst. Er begegnet dir nett, und doch merkst du: Irgendetwas passt für mich nicht. Oft kannst du zunächst nicht einmal genau sagen, was es ist.
Freundlichkeit und Sympathie sind nicht dasselbe. Du kannst wahrnehmen, dass jemand höflich, hilfsbereit oder zugewandt ist, ohne dich deshalb automatisch zu ihm hingezogen zu fühlen. Ein Mensch kann vieles mitbringen, was du grundsätzlich positiv findest, und trotzdem nicht dein Mensch sein.
Oft beginnt dieser Eindruck sehr früh. Gesichtsausdruck, Stimme, Blick, Körperhaltung, Sprechweise und Auftreten ergeben in kurzer Zeit ein Gesamtbild. Das ist häufig das, was wir im Alltag als Ausstrahlung oder Bauchgefühl bezeichnen. Dieser erste Eindruck kann deutlich sein, obwohl du den Menschen kaum kennst. Ob er tatsächlich zu ihm passt, weißt du zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Es muss auch gar nichts an ihm geben, das dich konkret stört. Menschen passen unterschiedlich gut zueinander. Humor, Temperament, Gesprächsweise oder die Art, wie jemand Nähe und Distanz lebt, können dazu beitragen, ob sich ein Kontakt angenehm anfühlt. Du kannst jemanden für einen freundlichen Menschen halten und trotzdem seine Gesellschaft nicht besonders suchen. Ein anderer versteht sich mit genau diesem Menschen womöglich hervorragend.
Anders ist es, wenn dein Eindruck nicht nur aus einem Gefühl entsteht, sondern du etwas beobachtest. Vielleicht ist jemand zu dir ausgesprochen freundlich, spricht aber abfällig mit anderen. Vielleicht kennst du Situationen, in denen er sich ganz anders verhält, oder du weißt etwas über ihn, das deinen Eindruck beeinflusst. Dann fließt bereits konkretes Verhalten in deine Einschätzung ein.
Auch die Freundlichkeit selbst kann unterschiedlich auf uns wirken. Bei einem Menschen erscheint sie herzlich und selbstverständlich, bei einem anderen kommt bei uns das Gefühl auf, dass etwas nicht zusammenpasst. Dabei lohnt es sich, zwischen dem eigenen Eindruck und dem zu unterscheiden, was du tatsächlich weißt. Wenn dir die Freundlichkeit eines Menschen aufgesetzt vorkommt, ist das zunächst deine Wahrnehmung. Sie kann sich später bestätigen oder als falsch herausstellen.
Hinzu kommt etwas, das mit dem neuen Menschen selbst nur wenig zu tun haben muss: Er kann dich an jemanden erinnern. Dafür braucht es keine große Ähnlichkeit. Eine bestimmte Stimme, ein Blick, eine Redewendung oder eine Art aufzutreten kann genügen. Wenn du mit einem ähnlichen Menschen schlechte Erfahrungen gemacht hast, kann das deinen heutigen Eindruck beeinflussen. Wir begegnen neuen Menschen eben auch mit dem, was wir schon erlebt haben.
Ein erster Eindruck muss außerdem nicht bleiben. Ein Mensch, den du zunächst für kühl oder verschlossen hältst, kann sich mit der Zeit als herzlich und humorvoll erweisen. Je häufiger ihr euch begegnet, desto mehr Seiten lernst du kennen. Umgekehrt kann auch ein Mensch, der dir auf Anhieb sympathisch war, später Verhaltensweisen zeigen, die deinen Eindruck verändern.
Vertrautheit kann also etwas verschieben, muss es aber nicht. Es kann sein, dass du einen Menschen über längere Zeit kennst, seine guten Seiten siehst und ihn weiterhin nicht besonders magst. Das ist nichts Ungewöhnliches. Nicht jeder freundliche Mensch wird uns nah sein, genauso wie wir selbst nicht jedem Menschen sympathisch sein werden.
Du kannst jemanden nicht mögen und ihm trotzdem freundlich, respektvoll und fair begegnen. Du kannst deinen ersten Eindruck ernst nehmen, ohne daraus sofort ein Urteil über seinen Charakter zu machen. So können zwei Dinge gleichzeitig stimmen: Dieser Mensch ist nett zu mir. Und ich mag ihn trotzdem nicht besonders. Mit der Zeit zeigt sich womöglich, ob dahinter eine konkrete Beobachtung, eure unterschiedliche Art, eine frühere Erfahrung oder einfach fehlende Sympathie steckt. Und nicht immer braucht es am Ende eine eindeutige Erklärung.
Welche Erfahrungen hast du mit deinem ersten Eindruck von Menschen gemacht? Wann lagst du damit erstaunlich richtig – und wann hast du jemanden später ganz anders erlebt? Es kann spannend sein, darauf zu achten, was deinen Eindruck verändert hat.
Wenn du das Gefühl der Ablehnung noch aus einer anderen Richtung betrachten möchtest, findest du es auch in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort kommt die Ablehnung, neben vielen anderen Gefühlen, selbst zu Wort und erzählt von ihrer eigenen Sicht auf das Erleben von Nähe, Zugehörigkeit und Zurückweisung. Auf den anschließenden Reflexionsseiten kannst du deinen persönlichen Erfahrungen mit Ablehnung nachgehen und festhalten, was sie in dir auslösen.
