Ein Mensch hat sich unfair verhalten, jemanden verletzt oder eine Entscheidung getroffen, die du überhaupt nicht nachvollziehen kannst. Du findest weiterhin falsch, was er getan hat. Und trotzdem berührt es dich, wenn du siehst, dass es ihm schlecht geht. Warum empfindest du Mitgefühl mit jemandem, dessen Verhalten du so deutlich ablehnst?
Mitgefühl und die Bewertung eines Verhaltens sind nicht dasselbe. Du kannst erkennen, dass ein Mensch leidet, ohne deshalb anders über das zu denken, was er getan hat. Wenn dir seine Traurigkeit, seine Angst oder seine Verzweiflung leidtut, sprichst du ihn damit nicht von seiner Verantwortung frei. Zwei Gedanken können gleichzeitig richtig für dich sein: Was du getan hast, war nicht in Ordnung. Und trotzdem tut es mir leid, dass es dir schlecht geht.
Dabei kann eine Rolle spielen, dass wir einen Menschen nicht nur in dem Moment sehen, in dem er sich falsch verhalten hat. Wir kennen möglicherweise auch andere Seiten an ihm oder wissen etwas darüber, was ihn geprägt hat. Das kann helfen, ein Verhalten besser zu verstehen. Es macht dieses Verhalten aber nicht richtig. Wer aus Unsicherheit lügt oder aus Wut etwas Verletzendes sagt, bleibt für das verantwortlich, was er getan hat. Eine Erklärung und eine Entschuldigung sind zwei verschiedene Dinge.
Mitgefühl entsteht allerdings nicht in jeder Situation. Es macht einen Unterschied, wie schwer ein Verhalten wiegt, ob jemand bewusst gehandelt hat und ob die Folgen absehbar waren. Wer einen anderen Menschen oder ein Tier absichtlich schlecht behandelt und anschließend selbst unangenehme Folgen erlebt, kann sehr wenig oder gar kein Mitgefühl auslösen. Bei einem kleineren Missgeschick kann dagegen sogar ein kurzes „Geschieht dir recht“ auftauchen. Auch Schadenfreude ist eine mögliche Reaktion, ohne dass sie automatisch bedeutet, dass du einem Menschen ernsthaft Leid wünschst.
Auch der Umgang mit der eigenen Verantwortung kann unseren Blick verändern. Wer einen Fehler erkennt, dafür einsteht und versucht, künftig anders zu handeln, wird oft anders wahrgenommen als jemand, der immer wieder dieselben Entscheidungen trifft und anschließend über dieselben Folgen klagt. Je stärker der Eindruck wird, dass jemand etwas ändern könnte, es aber nicht tut, desto eher kann die Anteilnahme nachlassen.
Besonders widersprüchlich kann es sich anfühlen, wenn du selbst verletzt wurdest. Jemand hat dich belogen, enttäuscht oder eine Grenze überschritten. Du hast daraus deine Konsequenzen gezogen und möchtest weniger oder keinen Kontakt mehr. Wenn dieser Mensch anschließend leidet, kann er dir trotzdem leidtun. Dein Mitgefühl ändert aber weder das Geschehene noch die Gründe für deine Entscheidung. Du kannst bedauern, dass es jemandem schlecht geht, und trotzdem wissen, dass du dich nicht wieder auf dieselbe Situation einlassen möchtest.
Das gilt auch für Vergebung. Mitgefühl verpflichtet dich weder dazu, zu vergeben, noch dazu, wieder Nähe zuzulassen. Selbst eine ehrliche Entschuldigung kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist. Du darfst deshalb weiterhin eine Grenze ziehen, auch wenn du verstehst, wie es dem anderen geht.
Genauso wenig musst du Mitgefühl erzwingen, wenn du es nicht empfindest. Es gibt Verhaltensweisen, bei denen für dich eine Grenze erreicht ist. Bei anderen Menschen kannst du trotz deutlicher Ablehnung ihres Handelns Anteilnahme empfinden. Beides sagt zunächst nur etwas darüber aus, wie du auf diesen Menschen und seine Situation reagierst.
Mitgefühl ist deshalb kein Freispruch. Es nimmt einem Menschen seine Verantwortung nicht ab und verlangt von dir keine bestimmte Entscheidung. Es kann einfach bedeuten, dass dich sein Leid berührt, obwohl du bei deinem Urteil über sein Verhalten bleibst.
Gab es schon einmal einen Menschen, dessen Verhalten du klar abgelehnt hast und mit dem du trotzdem mitfühlen konntest?
Wenn du das Mitgefühl noch aus einer anderen Perspektive betrachten möchtest, findest du es auch in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort bekommt das Mitgefühl, neben vielen anderen Gefühlen, seine eigene Stimme und erzählt selbst davon, wie es sich anfühlen kann, vom Leid eines anderen berührt zu werden. Danach führen Reflexionsseiten den Gedanken weiter und laden dich dazu ein, dein eigenes Mitgefühl genauer anzuschauen – anderen Menschen gegenüber und auch dir selbst.
