Warum ist mir langweilig, obwohl ich so vieles machen könnte?

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Eigentlich hättest du genug Möglichkeiten. Du könntest ein Buch lesen, einen Film schauen, etwas kochen, dein Hobby wieder hervorholen, jemanden anrufen, spazieren gehen oder endlich mit dem Projekt anfangen, auf das du dich vor ein paar Tagen noch gefreut hast. Es fehlt weder an Ideen noch an Dingen, die dir eigentlich Spaß machen.

Und trotzdem sitzt du da und hast auf nichts davon richtig Lust.

Am Ende läuft der Fernseher, obwohl dich der Film kaum interessiert. Du nimmst dein Handy in die Hand, scrollst eine Weile, legst es wieder weg und greifst zehn Minuten später erneut danach. Oder du überlegst eine ganze Zeit lang, was du machen könntest, ohne dich für irgendetwas zu entscheiden.

Das Merkwürdige daran ist: Du bist vielleicht sogar beschäftigt. Nur fühlt sich diese Beschäftigung nicht besonders befriedigend an.

Denn Langeweile entsteht nicht ausschließlich dann, wenn es tatsächlich nichts zu tun gibt. Du kannst einen ganzen Abend voller Möglichkeiten vor dir haben und dich trotzdem langweilen. Entscheidend ist nicht nur, ob irgendeine Beschäftigung verfügbar wäre. Es kommt auch darauf an, ob etwas davon gerade dein Interesse weckt und deine Aufmerksamkeit so weit erreicht, dass du dich darauf einlassen kannst.

Genau das erklärt auch eine Situation, die zunächst widersprüchlich wirkt. Du hast ein Hobby, das du wirklich gern magst. Normalerweise kannst du dabei wunderbar abschalten und die Zeit vergessen. Trotzdem bekommst du an manchen Tagen nicht einmal den Anfang hin. Du weißt, dass es dir wahrscheinlich Freude machen würde, wenn du erst einmal dabei wärst. Aber allein der Gedanke, die Sachen hervorzuholen und anzufangen, scheint gerade zu viel zu sein.

Das muss nicht bedeuten, dass du plötzlich das Interesse daran verloren hast.

Manchmal ist der Kopf einfach schon ziemlich voll. Du hast einen langen Arbeitstag hinter dir, bist von einem Termin zum nächsten gegangen, hast dich um vieles gekümmert oder trägst Gedanken mit dir herum, die immer wieder auftauchen. Vielleicht gibt es gerade etwas, das dich beschäftigt oder dir Sorgen macht. Auch wenn du inzwischen auf dem Sofa sitzt, ist deshalb noch lange nicht alles in dir zur Ruhe gekommen.

Eine Tätigkeit, die dir sonst Freude macht, verlangt trotzdem etwas von dir. Du musst dich entscheiden, anfangen und deine Aufmerksamkeit darauf richten. Wenn davon an diesem Tag nicht mehr viel übrig ist, kann selbst etwas Schönes plötzlich anstrengender wirken, als es eigentlich ist.

Langeweile und Erschöpfung sind dabei nicht dasselbe. Es wäre zu einfach zu sagen, dass dein Körper dich mit Langeweile zur Ruhe zwingen möchte. Aber wie viel innere Kraft und Aufmerksamkeit dir gerade zur Verfügung stehen, kann durchaus beeinflussen, worauf du dich noch einlassen kannst.

Das erklärt auch, warum Langeweile nicht nur durch zu wenig Anregung entstehen kann. Etwas kann so eintönig sein, dass deine Gedanken ständig abschweifen. Du sitzt in einer Besprechung, in der seit einer halben Stunde immer wieder dasselbe gesagt wird, oder erledigst eine Aufgabe, die du inzwischen fast automatisch beherrschst. Deine Aufmerksamkeit findet dort kaum noch etwas, woran sie sich festhalten kann.

Es kann aber genauso gut andersherum sein. Eine Beschäftigung verlangt gerade mehr Konzentration, Entscheidung oder Einsatz, als du aufbringen möchtest. Das Buch ist interessant, aber du müsstest dich auf die Geschichte einlassen. Das neue Projekt reizt dich, aber du müsstest erst überlegen, womit du anfängst. Für dein Hobby müsstest du ein paar Dinge vorbereiten. Nichts davon ist unüberwindbar. In diesem Moment erscheint es trotzdem leichter, einfach sitzen zu bleiben.

Dazu kommt, dass wir heute häufig nicht zu wenige, sondern unglaublich viele Möglichkeiten haben. Allein die Frage, was man am Abend anschauen möchte, kann zu einer kleinen Suche werden. Ein Fernsehsender ist längst nicht mehr die einzige Wahl. Da sind Mediatheken, Streamingdienste, Videos und Serien mit mehreren Staffeln. Du klickst dich durch Vorschläge, liest Beschreibungen, schaust Trailer an und stellst irgendwann fest, dass du seit zwanzig Minuten nach etwas suchst, ohne überhaupt etwas gesehen zu haben.

Ähnlich kann es mit der Freizeit insgesamt sein. Du könntest dies machen oder jenes, endlich damit anfangen, dich darum kümmern oder noch etwas ganz anderes ausprobieren. Viele Möglichkeiten sind eigentlich etwas Schönes. Sie nehmen dir aber nicht automatisch die Entscheidung ab, welche davon jetzt gerade zu dir passt.

Und während du noch überlegst, liegt meistens etwas in unmittelbarer Reichweite, bei dem du dich kaum entscheiden musst: dein Handy.

Du musst dafür nichts vorbereiten und dich auf keine längere Tätigkeit festlegen. Ein Griff genügt. Eine Nachricht, ein kurzes Video, ein Foto, die nächste Meldung, noch ein Beitrag. Wenn dich etwas nicht interessiert, wischst du weiter und bekommst innerhalb weniger Sekunden etwas Neues.

Gerade wenn du ohnehin nicht recht weißt, worauf du Lust hast, ist das verführerisch einfach. Das Handy füllt diesen Moment sofort. Es beschäftigt dich, ohne dass du vorher herausfinden musst, womit du dich eigentlich beschäftigen möchtest.

Nur sind beschäftigt sein und zufrieden sein nicht dasselbe.

Du kannst eine Stunde lang durch Beiträge und Videos scrollen und hinterher trotzdem das Gefühl haben, mit deiner Zeit eigentlich nichts angefangen zu haben. Nicht weil jede Minute am Handy sinnlos wäre oder Freizeit immer einen Zweck erfüllen müsste. Ein lustiges Video kann Spaß machen, eine Nachricht kann dich interessieren und ein Abend auf dem Sofa kann genau das Richtige sein. Entscheidend ist eher, ob du dich bewusst dafür entschieden hast und es dir tatsächlich guttut – oder ob du dort nur hängen geblieben bist, weil dir nichts anderes leicht genug erschien.

Das Gleiche gilt für das Nichtstun. Nicht jeder ruhige Abend ist Langeweile. Manchmal ist es wunderbar, keine Pläne zu haben, nichts leisten zu müssen und einfach dazusitzen. Wenn sich genau das gut anfühlt, fehlt dir keine Beschäftigung.

Langeweile fühlt sich meist anders an. In ihr steckt eher dieses unruhige „Ich möchte eigentlich etwas, aber nichts davon spricht mich gerade richtig an“.

Vielleicht ist deshalb die erste Frage gar nicht: Was kann ich jetzt machen?

Davon fallen dir wahrscheinlich ohnehin genügend Dinge ein. Interessanter ist vielleicht: Warum erreicht mich gerade keines davon?

Bin ich müde und brauche tatsächlich einen ruhigen Abend? Ist mein Kopf noch so voll, dass ich mich auf nichts konzentrieren möchte? Ist das, womit ich mich beschäftige, schlicht zu eintönig? Habe ich so viele Möglichkeiten, dass ich mich für keine entscheide? Oder warte ich darauf, dass die Lust von allein auftaucht, bevor ich überhaupt mit etwas beginne?

Nicht immer wirst du darauf sofort eine Antwort haben. Du musst deine Langeweile auch nicht jedes Mal analysieren. Aber sie kann dir einen kleinen Hinweis geben: So, wie meine Aufmerksamkeit gerade beschäftigt ist, möchte ich offenbar nicht weitermachen.

Dann muss die Lösung nicht darin bestehen, möglichst schnell irgendeine neue Ablenkung zu finden. Manchmal reicht es schon, einmal bewusst zu wechseln. Das Buch für zehn Minuten aufzuschlagen. Die Wolle und die Stricknadeln hervorzuholen. Musik anzumachen und etwas zu kochen. Vor die Tür zu gehen. Mit etwas anzufangen, auf das du eigentlich schon länger Lust hast. Nicht mit dem Anspruch, daraus einen besonders produktiven Abend machen zu müssen. Nur um herauszufinden, ob die Freude vielleicht erst kommt, wenn du einer Sache überhaupt erst die Gelegenheit dazu gibst.

Denn manchmal fehlt nicht die Lust auf alles. Manchmal ist nur der Weg zu dem, was uns eigentlich Freude machen würde, gerade ein bisschen weiter als der Weg zum nächsten schnellen Reiz.

Wenn dir also das nächste Mal langweilig ist und deine Hand schon fast automatisch zum Handy wandert, lass es für einen Moment liegen. Nicht weil du deine freie Zeit sinnvoller nutzen musst. Schau einfach, was dir einfällt, wenn der nächste Reiz nicht sofort zur Stelle ist.

Vielleicht entdeckst du dabei etwas, auf das du längst wieder einmal Lust gehabt hättest.




Wenn du der Langeweile noch einmal auf eine andere, persönlichere Weise begegnen möchtest, findest du sie unter anderem in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort kommt die Langeweile selbst zu Wort und erzählt, wie sie sich zeigen kann und welche Fragen sie mitbringen kann. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dich dazu ein, deine eigene Langeweile genauer anzuschauen: wie du gewöhnlich mit ihr umgehst, was vielleicht hinter ihr liegt und was entstehen könnte, wenn du sie nicht sofort mit Ablenkung füllst.

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