Warum ist die Vorfreude manchmal schöner als das Erlebnis selbst?

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Du freust dich seit Wochen auf einen Urlaub. Du hast Bilder vom Hotel angesehen, Ausflüge geplant und dir überlegt, was du mitnehmen möchtest. In Gedanken sitzt du längst am Meer oder abends mit einem Getränk auf der Terrasse. Dann ist es endlich so weit. Du bist da, das Hotel ist schön, das Wetter spielt mit und eigentlich gibt es keinen Grund, unzufrieden zu sein. Trotzdem stellst du irgendwann fest: Die Vorfreude darauf hat sich irgendwie größer angefühlt.

Das kann auch nach einem Konzert, einem Wiedersehen oder einem besonderen Fest passieren. Das Erlebnis war nicht schlecht. Du bist nicht einmal enttäuscht. Es war schön, nur anders als in den Wochen davor, in denen du dich darauf gefreut hast. Das ist gar nicht so widersprüchlich, wie es zunächst erscheint. Denn Vorfreude ist nicht nur eine Wartezeit, die wir überbrücken müssen, bis die eigentliche Freude endlich beginnt. Sie kann selbst schon ein Teil des schönen Erlebens sein.

Wenn etwas Angenehmes vor uns liegt, können wir uns lange vorher damit beschäftigen. Wir denken daran, erzählen davon, planen und stellen uns einzelne Situationen vor. Untersuchungen zur Vorfreude zeigen, dass schon die gedankliche Beschäftigung mit einem kommenden positiven Erlebnis angenehme Gefühle auslösen kann. Die Reise beginnt für unser Erleben also nicht unbedingt erst am Flughafen. Ein Teil von ihr kann Wochen vorher anfangen.

Dabei denken wir häufig nicht nur: Bald fahre ich in den Urlaub. Im Kopf entstehen kleine Szenen. Du packst ein Kleid oder ein Hemd in den Koffer und siehst dich darin schon abends an der Hotelbar. Du stellst dir vor, wie du morgens auf den Balkon trittst, am Pool liegst oder zum ersten Mal aufs Meer schaust. Je lebendiger solche Vorstellungen werden, desto stärker können sie auch das Gefühl beeinflussen, mit dem wir auf das Kommende blicken.

In diese inneren Bilder kann vieles einfließen, was wir bereits erlebt haben. Ein früherer Urlaub war besonders schön und wir hoffen, etwas davon wiederzufinden. Bei der letzten Reise hat uns etwas gestört und diesmal haben wir uns vorgenommen, es anders zu machen. Erinnerungen, Wünsche und neue Möglichkeiten verbinden sich miteinander. So entsteht nach und nach eine eigene Vorstellung davon, wie es werden könnte.

Das ist keine bewusste Täuschung. Wir können zukünftige Ereignisse schließlich genauso in die andere Richtung ausmalen. Wer ungern zum Zahnarzt geht, kann sich Tage vorher erstaunlich anschaulich auf diesem Stuhl sitzen sehen und gedanklich schon durchspielen, was dort alles passieren könnte. Bei der Vorfreude bekommt dieselbe Fähigkeit eine angenehmere Richtung. Wir beschäftigen uns mit etwas, das noch nicht da ist, und können trotzdem schon etwas dabei empfinden.

Die Vorstellung hat dabei einen besonderen Vorteil: Solange das Ereignis noch vor dir liegt, sind viele Möglichkeiten offen. Der Urlaub kann wunderbar werden. Das Konzert kann einer dieser Abende werden, von denen du noch lange erzählst. Das Wiedersehen kann genauso herzlich sein, wie du es dir erhoffst. Noch ist nichts entschieden. In Gedanken können mehrere schöne Möglichkeiten nebeneinander bestehen.

Irgendwann kommt jedoch der Tag, auf den du gewartet hast. Und aus all diesen Möglichkeiten wird eine einzige Wirklichkeit. Die hat deutlich mehr Einzelheiten als der Film im Kopf. Der Flieger hat Verspätung. Das Zimmer sieht etwas anders aus als auf den Fotos. Am Pool ist es lauter als gedacht. Beim Konzert steht ausgerechnet vor dir jemand, der einen Kopf größer ist. Oder es geschieht überhaupt nichts Ärgerliches. Du bist nur müde von der Anreise, suchst erst einmal den richtigen Weg und musst dich orientieren.

Die Wirklichkeit bringt eben alles mit. Wetter, Geräusche, Wartezeiten, Hunger, Müdigkeit, Tagesform und Dinge, die niemand vorhersehen konnte. Während du in Gedanken auswählen konntest, worauf du dich konzentrierst, bekommst du das tatsächliche Erlebnis nur im Gesamtpaket. Das macht es nicht schlechter. Es macht es vollständiger und weniger formbar.

Und dann sind da häufig noch andere Menschen. Wenn du dir einen gemeinsamen Urlaub ausmalst, denkst du wahrscheinlich nicht wochenlang darüber nach, dass dein Partner am dritten Morgen ausschlafen möchte, während du längst zum Markt fahren willst. Du planst nicht mit ein, dass jemand schlechte Laune bekommt, weil er Hunger hat, oder dass drei Menschen gleichzeitig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie der Nachmittag aussehen soll.

In der Wirklichkeit bringen alle Beteiligten ihre eigenen Wünsche, Stimmungen und Erwartungen mit. Daraus können Augenblicke entstehen, die viel schöner sind als alles, was vorher geplant war. Es bedeutet aber auch, dass aus deiner persönlichen Vorstellung nun ein gemeinsames Erlebnis wird. Nicht mehr alles folgt dem inneren Drehbuch, das vorher nur in deinem Kopf existiert hat.

Selbst wenn all das gut funktioniert, kann noch etwas anderes auffallen: Du fühlst dich im eigentlichen Moment erstaunlich normal. Nicht traurig, nicht enttäuscht, nicht unzufrieden. Nur längst nicht so aufgeregt und voller Vorfreude wie vorher.

Auch das lässt sich erklären. In der Zeit davor konnte sich deine Aufmerksamkeit immer wieder auf das kommende Schöne richten. Jetzt bist du mittendrin und musst gleichzeitig wahrnehmen, reagieren und entscheiden. Du suchst den richtigen Eingang, führst Gespräche, schaust auf die Uhr, bestellst etwas, hörst Musik, orientierst dich in einer fremden Umgebung oder überlegst, was als Nächstes passiert. Der wirkliche Moment verlangt mehr von deiner Aufmerksamkeit als die Vorstellung davon.

Deshalb muss eine weniger intensive Freude während des Erlebnisses noch keine Enttäuschung sein. Ein Urlaub kann wunderschön sein, ohne dass du sieben Tage lang von morgens bis abends Glück empfindest. Ein Konzert kann großartig gewesen sein, obwohl du zwischendurch an etwas völlig Alltägliches gedacht hast. Die Vorstellung war auf einen besonderen Moment gerichtet. Im wirklichen Leben bleibt auch ein besonderer Moment Teil eines ganz normalen Tages.

Enttäuschung kommt stärker ins Spiel, wenn aus der schönen Vorstellung eine feste Erwartung geworden ist. Vorfreude und Erwartung sind nämlich nicht dasselbe. Du kannst dich sehr auf etwas freuen und trotzdem offen dafür bleiben, wie es tatsächlich wird. Schwieriger wird es, wenn sich im Kopf eine genaue Messlatte bildet: So muss der Urlaub werden. So muss sich das Wiedersehen anfühlen. So schön muss dieser Abend sein.

Dann wird die Wirklichkeit nicht mehr nur erlebt, sondern zugleich mit dieser Erwartung verglichen. Forschung zu Erwartungen zeigt, dass für unsere Bewertung eines Erlebnisses auch eine Rolle spielt, wie es im Verhältnis zu dem ausfällt, womit wir gerechnet haben. Ein schöner Abend kann dadurch weniger besonders erscheinen, wenn du einen außergewöhnlichen erwartet hast. Er wird dann an einer inneren Version gemessen, die noch ein Stück größer war.

Das bedeutet allerdings nicht, dass hohe Erwartungen grundsätzlich schlecht sind oder dass wir uns lieber weniger freuen sollten. Die Wirklichkeit kann unsere Vorstellungen genauso gut übertreffen. Der ungeplante Abend im Urlaub, der plötzlich zum schönsten der ganzen Reise wird. Das Lied beim Konzert, das live viel stärker wirkt als erwartet. Ein Gespräch beim Wiedersehen, mit dem du überhaupt nicht gerechnet hattest. Auch das gehört zu einem echten Erlebnis: Es kann etwas hervorbringen, das in unserem inneren Film nie vorkam.

Und noch etwas unterscheidet die Vorfreude vom Ereignis selbst: ihre Dauer. Auf ein Konzert freust du dich unter Umständen ein halbes Jahr, obwohl es nur wenige Stunden dauert. Eine Reise wird gebucht und ist von diesem Moment an immer wieder Thema. Du schaust nach dem Hotel, liest etwas über den Ort, überlegst, was du unternehmen möchtest, erzählst anderen davon und packst irgendwann den Koffer. Das eigentliche Erlebnis hat einen Anfang und ein Ende. Die Vorfreude konnte dich sehr viel länger begleiten.

Das zeigt sich auch in Untersuchungen zu Urlaubsreisen. Schon vor einer Reise kann das Wohlbefinden steigen. Das Darauf-Freuen gehört damit zum positiven Erleben dazu und ist nicht bloß die ungeduldige Zeit vor dem Abflug. Wenn der Urlaub schließlich beginnt, endet gleichzeitig etwas, das vorher lange vorhanden war: Es gibt diesen Urlaub nun nicht mehr als etwas, das noch vor dir liegt.

Nach dem Konzert kannst du sagen, dass es wunderschön war. Trotzdem kannst du ein wenig bedauern, dass du dich nicht mehr darauf freuen kannst. Nach Monaten des Wartens ist der besondere Abend plötzlich Vergangenheit.

Wenn dir die Vorfreude einmal schöner erscheint als das Erlebnis selbst, sagt das deshalb noch wenig darüber aus, wie gut dieses Erlebnis tatsächlich war. Du hast dir nicht zwingend zu viel davon versprochen und musst dir deine Vorfreude beim nächsten Mal auch nicht vorsichtshalber kleiner machen.

Vielleicht gehört sie viel stärker zum Ganzen, als wir im Alltag denken. Der Urlaub besteht dann nicht nur aus den Tagen, an denen du tatsächlich dort bist. Ein Teil der Freude lag schon im Aussuchen, Planen, Erzählen, Kofferpacken und in all den Bildern, die vorher in deinem Kopf entstanden sind. Und wenn die Wirklichkeit schließlich anders aussieht, muss sie diesen inneren Film gar nicht übertreffen, um trotzdem schön zu sein.




Wenn du die Vorfreude noch einmal auf eine ganz andere Weise kennenlernen möchtest, begegnet sie dir in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort darf die Vorfreude selbst erzählen, wie sich dieses besondere Davor anfühlen kann – neben vielen anderen hellen Gefühlen wie Hoffnung, Vertrauen, Liebe, Leichtigkeit, Begeisterung und Stolz, die ebenfalls ihre eigene Stimme bekommen. Im Anschluss öffnen sich Reflexionsseiten für deine eigene Vorfreude: für das, worauf du dich gerade freust, für den Unterschied zwischen Vorfreude und Erwartungsdruck und für die Frage, wie sich dieses Gefühl bei dir zeigt.

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