Warum gönne ich jemandem seinen Erfolg nicht, obwohl er mir nichts weggenommen hat?

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Ein Kollege wird befördert. Eine Bekannte baut sich ein erfolgreiches Unternehmen auf. Jemand kauft ein Haus oder bekommt für seine Arbeit große Anerkennung. In deinem eigenen Leben wird dadurch nichts weniger. Und trotzdem merkst du, dass du dich nicht für diesen Menschen freuen kannst.

Vielleicht wünschst du dir sogar, sein Erfolg wäre nicht ganz so groß oder andere wären weniger beeindruckt davon. Solche Gedanken gestehen wir uns ungern ein. Missgunst gehört zu den Gefühlen, bei denen wir schnell anfangen, uns selbst zu beurteilen. Dabei ist zunächst eine andere Frage interessanter: Was genau gönnst du diesem Menschen eigentlich nicht? Seinen Erfolg, den Weg dorthin oder die Anerkennung, die er dafür bekommt?

Denn nicht jedes Nichtgönnen ist automatisch Missgunst. Stell dir vor, jemand übernimmt die Idee eines anderen, gibt sie als seine eigene aus und wird damit erfolgreich. Oder er verschafft sich durch Betrug, Täuschung oder auf Kosten anderer einen Vorteil. Wenn du ihm diesen Erfolg nicht gönnst, kann dahinter vor allem dein Gerechtigkeitsempfinden stehen. Dich stört dann weniger der Erfolg selbst als die Art, wie er entstanden ist.

Dabei bleibt eine wichtige Unterscheidung: Ein Erfolg kann tatsächlich unfair zustande gekommen sein, er kann sich für dich aber auch nur unverdient anfühlen. Von außen wissen wir nicht immer, wie viel Arbeit, Unterstützung, Glück oder welche Voraussetzungen hinter dem stehen, was wir am Ende sehen.

Das zeigt sich besonders bei Menschen, die mit einem großen Vorsprung starten. Jemand erbt ein erfolgreiches Familienunternehmen oder bekommt finanzielle Unterstützung, von der andere nur träumen können. Diese Ausgangslage hat er sich nicht erarbeitet, aber damit auch noch nichts Unrechtes getan. Wer ein Unternehmen übernimmt, trägt zudem Verantwortung dafür, es zu erhalten und weiterzuführen. Ein leichterer Start und eine eigene Leistung können nebeneinander bestehen.

Trotzdem kann ein solcher Vorsprung wehtun, wenn du selbst jahrelang für etwas kämpfen musstest, das einem anderen scheinbar in den Schoß gefallen ist. Der andere hat dir nichts weggenommen. Aber der Unterschied zwischen euren Möglichkeiten steht plötzlich deutlich vor dir.

Auch der Umgang mit Erfolg spielt eine Rolle. Es macht einen Unterschied, ob jemand zugewandt bleibt oder seinen Erfolg benutzt, um andere kleinzumachen und ihnen ständig die eigene Überlegenheit vorzuführen. Wohlstand oder ein teures Auto sagen für sich genommen nichts über den Charakter aus. Entscheidend ist, wie ein Mensch anderen begegnet.

Und es gibt Erfolge, deren Preis andere aus nächster Nähe miterlebt haben. Wenn ein Partner über Jahre fast jede Verantwortung zu Hause getragen hat oder Kinder immer wieder zurückstehen mussten, können sie eine glänzende Karriere anders betrachten als Außenstehende. Dann wurde ihnen der Erfolg nicht weggenommen, aber sie können das Gefühl haben, einen Teil des Preises dafür mitgetragen zu haben.

Doch was ist, wenn all diese Erklärungen nicht passen? Der andere hat fair gearbeitet, niemanden ausgenutzt und behandelt auch nach seinem Erfolg niemanden von oben herab. Eigentlich findest du keinen sachlichen Grund, warum du es ihm nicht gönnen solltest. Und trotzdem tust du es nicht.

Dann lohnt sich der Blick auf das eigene Leben. Der Erfolg eines anderen kann etwas sichtbar machen, das vorher nicht so deutlich vor dir lag. Er hat genau das erreicht, was du selbst gern erreicht hättest. Er bekommt Anerkennung in einem Bereich, in dem du dich übersehen fühlst. Oder er ist an einem Punkt angekommen, den du für dich selbst einmal erwartet hattest.

Nicht jeder erfolgreiche Mensch löst das in uns aus. Der Erfolg eines völlig Fremden kann uns gleichgültig sein. Anders kann es sich anfühlen, wenn eine Kollegin, ein Freund oder ein Geschwister genau dort weiterkommt, wo du selbst gern weitergekommen wärst. Je näher der Vergleich an deinem eigenen Leben liegt, desto stärker kann er etwas berühren, das dir wichtig ist.

Dabei geht es nicht immer um Geld, Besitz oder die konkrete Leistung. Es kann die Anerkennung sein, die der andere bekommt. Menschen hören ihm zu, bewundern seine Arbeit oder fragen nach seiner Meinung. Möglicherweise möchtest du gar nicht sein Unternehmen oder sein Einkommen. Was dich trifft, ist, dass er gesehen und gewürdigt wird.

Hier wird der Unterschied zwischen Neid und Missgunst wichtig. Neid kann bedeuten: Das möchte ich auch haben oder erreichen. Missgunst geht weiter: Du möchtest nicht nur selbst etwas haben, sondern wünschst dir zugleich, dass der andere seinen Vorteil nicht hätte. Du wärst deinem eigenen Ziel dadurch keinen Schritt näher. Trotzdem könnte es sich besser anfühlen, wenn er nicht mehr so weit vor dir wäre.

Missgunst ist auch nicht dasselbe wie Schadenfreude. Bei Missgunst stört dich ein Vorteil, den der andere hat. Schadenfreude entsteht dagegen, wenn ihm bereits etwas misslungen oder etwas Unangenehmes passiert ist und genau diese Veränderung für einen Moment Genugtuung auslöst.

Eine unbequeme, aber hilfreiche Frage lautet deshalb: Würdest du dich besser fühlen, wenn du selbst ebenfalls erfolgreich wärst – oder schon dann, wenn der andere weniger Erfolg hätte? Die Antwort darauf gefällt dir möglicherweise nicht. Trotzdem kann sie dir helfen, das eigene Gefühl besser zu verstehen.

Missgunst kann auf einen unerfüllten Wunsch, fehlende Anerkennung oder eine empfundene Ungerechtigkeit hinweisen. Es kann aber auch sein, dass du einem bestimmten Menschen seinen Vorsprung schlicht nicht gönnst. Auch das kannst du dir eingestehen, ohne daraus eine schönere Erklärung machen zu müssen. Dass du etwas empfindest, bedeutet noch nicht, dass du danach handeln musst.

Vielleicht lohnt es sich, beim nächsten Anflug von Missgunst nicht sofort gegen das Gefühl anzukämpfen. Interessanter ist, genauer hinzusehen, was dich am Erfolg dieses Menschen eigentlich stört. Denn es macht einen Unterschied, ob du seinen Weg unfair findest oder ob sein Erfolg etwas berührt, das du selbst gern hättest. Was genau gönnst du ihm in diesem Moment nicht?




Wenn du der Missgunst noch einmal auf eine andere, persönlichere Weise begegnen möchtest, findest du sie in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort bekommt die Missgunst, neben vielen anderen Gefühlen, ihre eigene Stimme und erzählt selbst davon, was geschehen kann, wenn der Blick auf das fällt, was andere haben und einem selbst zu fehlen scheint. Danach kannst du auf den Reflexionsseiten bei deinen eigenen Erfahrungen bleiben: bei Situationen, in denen Missgunst auftaucht, bei unerfüllten Wünschen und bei der Frage, was dieses Gefühl dir über dich selbst zeigen kann.

Ich habe das diesmal direkt am tatsächlichen Band II geprüft: Missgunst beginnt dort auf Seite 120; anschließend folgen die Reflexionsseiten mit konkreten Fragen zur eigenen Missgunst und zu unerfüllten Wünschen.

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