Warum fühle ich mich bei manchen Menschen sofort geborgen?

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Es gibt Menschen, bei denen du schon nach kurzer Zeit merkst, dass sich ihre Nähe angenehm anfühlt. Ihr kennt euch kaum, und trotzdem ist da schnell eine Vertrautheit, die sich nur schwer erklären lässt. Das Gespräch läuft, ohne dass du ständig überlegen musst, was du als Nächstes sagen könntest. Du erzählst etwas von dir und stellst hinterher überrascht fest, dass du darüber sonst nicht so schnell gesprochen hättest.

Bei anderen Menschen kann es genau umgekehrt sein. Ihr begegnet euch immer wieder, seid freundlich miteinander, unterhaltet euch – und trotzdem bleibt eine gewisse Distanz. Nichts muss vorgefallen sein. Es fehlt nur dieses Gefühl, sich wirklich wohl und geborgen zu fühlen.

Geborgenheit braucht offenbar nicht immer Jahre, bis wir sie zum ersten Mal spüren. Ein erster Eindruck kann schon entstehen, bevor überhaupt ein Wort gefallen ist.

Wenn du einen Raum betrittst, in einem Café sitzt oder irgendwo mit mehreren Menschen zusammenkommst, nimmst du dein Gegenüber nicht erst in dem Moment wahr, in dem ihr miteinander redet. Du siehst, wie jemand dasitzt oder steht, wie er schaut, sich bewegt und auf seine Umgebung reagiert. All das ergibt einen ersten Eindruck.

Dabei gibt es nicht die eine Körperhaltung, die einen Menschen sympathisch oder zugänglich macht. Ein lebhafter Mensch kann Wärme ausstrahlen, genauso wie jemand, der eher ruhig und zurückhaltend ist. Auch Offenheit muss nicht laut sein. Angenehm kann eine Ausstrahlung gerade dann wirken, wenn sie nicht gemacht erscheint, sondern zu dem Menschen passt.

Körpersprache ist dabei kein Wörterbuch, in dem jede Haltung eine feste Bedeutung hat. Verschränkte Arme bedeuten nicht automatisch Ablehnung, und fehlender Blickkontakt nicht automatisch Desinteresse. Entscheidend ist der Gesamteindruck.

Ob dieser erste Eindruck trägt, zeigt sich ohnehin erst, wenn ihr miteinander zu tun habt. Und spätestens im Gespräch merkst du einen Unterschied, den man nur schwer vorspielen kann: ob jemand wirklich bei dir ist.

Echtes Zuhören bedeutet mehr, als still zu sein, während der andere spricht. Es zeigt sich darin, dass jemand dich ausreden lässt, bei deinem Thema bleibt und nicht nur darauf wartet, selbst wieder an der Reihe zu sein. Er stellt eine Frage, weil ihn deine Antwort interessiert. Er greift etwas auf, das du vorher gesagt hast. Und er zieht das Gespräch nicht bei jeder Gelegenheit zurück zu sich selbst.

Auch das kurze Wiederholen dessen, was du gesagt hast, kann zeigen, dass deine Worte angekommen sind. Nicht als einstudierte Gesprächstechnik, sondern ganz natürlich: „Du meinst also, dass dich gar nicht die Entscheidung geärgert hat, sondern dass vorher niemand mit dir gesprochen hat?“ So eine Rückfrage gibt dir zugleich die Möglichkeit zu sagen: Ja, genau das meine ich. Oder: Nein, eigentlich ist es etwas anderes.

Es geht also nicht darum, dass der andere sofort alles richtig versteht. Entscheidend ist, dass er wirklich wissen möchte, was du meinst.

Und selbst wer aufmerksam zuhört, kann nicht wissen, was du in jedem Moment brauchst. Du möchtest möglicherweise einfach erzählen und brauchst überhaupt keinen Rat. An einem anderen Tag möchtest du eine ehrliche Meinung hören. Du willst in den Arm genommen werden, brauchst Ruhe oder jemanden, der sich mit einer Tasse Tee zu dir setzt und eine Weile da bleibt.

Geborgenheit kann auch darin liegen, dass jemand nicht sofort weiß, was du brauchst – aber sich die Zeit nimmt, es herauszufinden.

Dazu gehört auch, nachzufragen. „Möchtest du darüber reden?“ kann hilfreicher sein als ein ungefragter Ratschlag. „Soll ich einfach zuhören oder möchtest du wissen, was ich darüber denke?“ lässt dir die Wahl. Auch ein „Möchtest du in den Arm genommen werden?“ kann mehr Nähe schaffen als eine Umarmung, von der der andere einfach angenommen hat, dass sie jetzt guttun müsste.

Es geht dabei nicht darum, jeden Wunsch zu erfüllen oder die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Es geht um diesen einen Moment, in dem jemand versucht wahrzunehmen, was gerade bei dir los ist, statt sofort von sich selbst auszugehen.

Und genau das kann etwas in dir verändern. Denn wenn du merkst, dass dein Gegenüber dir aufmerksam und zugewandt begegnet, musst du dich selbst weniger beobachten.

Du musst nicht jeden Satz im Kopf prüfen, bevor du ihn aussprichst. Du musst nicht besonders interessant, schlagfertig oder gut gelaunt sein. Du kannst etwas nicht wissen, eine andere Meinung haben, albern sein oder eine Weile schweigen. Du musst nicht nach jedem persönlichen Satz überlegen, ob du gerade zu viel von dir erzählt hast.

Bei diesem Menschen musst du gerade nicht so sehr darauf achten, wie du wirkst. Du kannst ein bisschen mehr du selbst sein.

Dieses Gefühl kann zusätzlich dadurch erleichtert werden, dass euch etwas verbindet. Das kann ein ähnlicher Humor sein, gemeinsame Interessen oder eine ähnliche Sicht auf bestimmte Dinge.

Wer selbst schon einmal in einer vergleichbaren Situation war, erkennt möglicherweise Gedanken oder Gefühle wieder, die ihm aus der eigenen Erfahrung vertraut sind. Er kennt möglicherweise Fragen, die Außenstehenden gar nicht in den Sinn kommen würden. Und manches muss nicht erst ausführlich erklärt werden, weil der andere eine Ahnung davon hat, was damit verbunden sein kann.

Das bedeutet allerdings nicht, dass zwei Menschen dasselbe fühlen, nur weil sie etwas Ähnliches erlebt haben. Der Satz „Ich weiß genau, wie du dich fühlst“ kann deshalb schnell mehr behaupten, als ein Mensch über einen anderen wissen kann.

„Ich habe etwas Ähnliches erlebt. Bei mir war es so – aber wie ist es für dich?“ lässt dagegen Raum für beides: für die Gemeinsamkeit und für den Unterschied.

Die eigene Erfahrung wird dann nicht zum Anlass, das Gespräch an sich zu ziehen. Sie kann eine Brücke sein, über die man sich leichter versteht. Manchmal fühlt sich ein Gespräch leicht an, weil man nicht bei jedem zweiten Satz erklären muss, wie man etwas meint.

Trotzdem braucht Geborgenheit keine zwei Menschen, die möglichst gleich sind. Auch sehr unterschiedliche Menschen können sich nahe sein. Gemeinsamkeiten können das Verstehen erleichtern. Entscheidend ist nicht, dass zwei Menschen dieselben Erfahrungen, Ansichten oder Interessen haben, sondern auch, wie sie mit ihren Unterschieden umgehen.

Und Geborgenheit entsteht nicht allein dadurch, dass einer besonders aufmerksam ist und der andere sich daraufhin automatisch wohlfühlt. Nähe entwickelt sich zwischen zwei Menschen.

Du erzählst etwas Persönliches und beobachtest, was damit geschieht. Du zeigst eine Unsicherheit, äußerst eine Meinung oder sprichst über etwas, das dir wichtig ist. Dein Gegenüber macht sich nicht darüber lustig, wertet es nicht sofort und wischt es nicht beiseite. Du erlebst: Das, was ich gerade von mir gezeigt habe, war hier in Ordnung.

So kann beim nächsten Gespräch etwas mehr Offenheit entstehen. Du zeigst ein Stück von dir, der andere geht achtsam damit um, und dadurch kann sich die Verbindung vertiefen. So wächst Nähe nicht unbedingt in einem einzigen besonderen Moment, sondern oft in vielen kleinen Erfahrungen miteinander.

Gerade deshalb ist das erste Gefühl von Geborgenheit noch nicht dasselbe wie Vertrauen, das erst mit der Zeit wachsen kann.

Du kannst nach einem einzigen langen Gespräch nach Hause gehen und denken: Bei diesem Menschen habe ich mich unglaublich wohlgefühlt. Dieses Gefühl ist nicht weniger echt, nur weil ihr euch erst seit wenigen Stunden kennt.

Aber nach diesen wenigen Stunden weißt du noch nicht, wie dieser Mensch mit einem Nein umgeht. Du weißt nicht, ob er eine Zusage einhält, Persönliches für sich behält oder respektvoll bleibt, wenn ihr einmal völlig unterschiedlicher Meinung seid. Du kennst noch nicht die Seiten von ihm, die erst sichtbar werden, wenn etwas schwierig, unbequem oder enttäuschend wird.

Das gute Gefühl kann sofort da sein. Verlässlichkeit zeigt sich erst mit der Zeit.

Beides muss sich nicht widersprechen. Du kannst die Wärme einer Begegnung genießen, ohne aus ihr schon mehr abzuleiten, als du über den anderen wissen kannst. Und wenn aus dem ersten guten Gefühl mit der Zeit die Erfahrung wird, dass du dich zeigen kannst, ernst genommen wirst und auch mit deinen Eigenheiten Platz hast, kann aus einem angenehmen Kontakt etwas entstehen, das trägt.

Geborgenheit zeigt sich dann nicht nur darin, dass jemand für dich da ist. Sie kann auch in dem stillen Wissen liegen, dass du in seiner Nähe nicht erst jemand anderes werden musst, um dich wohlzufühlen.




Wenn du Geborgenheit noch einmal auf eine ruhigere, persönlichere Weise betrachten möchtest, findest du sie auch in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort bekommt die Geborgenheit selbst eine Stimme und erzählt davon, wie es sich anfühlen kann, nicht funktionieren oder sich anpassen zu müssen, sondern einfach sein zu können. Auf den anschließenden Reflexionsseiten kannst du deinen eigenen Orten, Menschen und Momenten von Geborgenheit nachspüren und überlegen, was dir Halt und Sicherheit gibt. Geborgenheit ist dabei nur eines von vielen Gefühlen in diesem Band: Auch Vertrauen, Liebe, Frieden, Leichtigkeit, Sicherheit, Mitgefühl und weitere helle Gefühle kommen selbst zu Wort und laden dich anschließend zu deinen eigenen Gedanken ein.

Passend zu diesem Thema

Dass dir die Trauer eines anderen zu viel werden kann, sagt nichts darüber aus, wie wichtig dir dieser Mensch ist. Es zeigt zunächst nur, dass auch deine Kraft begrenzt ist. Diese Grenze wahrzunehmen ist oft hilfreicher, als so lange weiterzumachen, bis du nur noch erschöpft oder widerwillig reagierst.
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Trotzdem muss der andere nicht dieselbe Begeisterung empfinden, damit ein schöner Austausch entsteht. Zwischen „Ich finde das genauso großartig wie du“ und völliger Gleichgültigkeit liegt eine Menge.
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Schwierig wird es häufig erst durch die Bedeutung, die wir dem Abstand geben. Aus einem „Ich möchte gerade nicht umarmt werden“ kann im Kopf schnell ein „Ich möchte dich nicht“ werden. Doch das sind zwei sehr unterschiedliche Aussagen.
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Stolz bekommt häufig noch eine persönliche Note: Ich freue mich für dich. Ich sehe, was du geschafft hast. Und weil du mir wichtig bist, bedeutet mir dein Erfolg selbst etwas.
Lesedauer: ca. 8 Minuten

Finde das Gefühl, das dich gerade beschäftigt

Suche direkt nach einem Gefühl oder öffne die Übersicht mit allen 79 Gefühlen.

Hier kannst du weiterlesen

Nur ist dieser Abstand nicht unbedingt Härte. Vieles von dem, was wir so nennen, sind eigentlich andere Fähigkeiten: unterscheiden, was zu dir gehört und was nicht, Nein sagen, eine eigene Meinung vertreten, etwas einfordern und bei einer Entscheidung bleiben. Dafür musst du nicht kälter oder gefühlloser werden.

Nur ist dieser Abstand nicht unbedingt Härte. Vieles von dem, was wir so nennen, sind eigentlich andere Fähigkeiten: unterscheiden, was zu dir gehört und was nicht, Nein sagen, eine eigene Meinung vertreten, etwas einfordern und bei einer Entscheidung bleiben. Dafür musst du nicht kälter oder gefühlloser werden.

Lesedauer: ca. 8 Minuten
Du bekommst zwei unterschiedliche Botschaften von demselben Menschen. Seine Worte sagen das eine, sein Verhalten vermittelt dir etwas anderes. Und irgendwann fragst du dich: Was davon stimmt denn nun?

Du bekommst zwei unterschiedliche Botschaften von demselben Menschen. Seine Worte sagen das eine, sein Verhalten vermittelt dir etwas anderes. Und irgendwann fragst du dich: Was davon stimmt denn nun?

Lesedauer: ca. 8 Minuten
Es gibt diese Augenblicke, in denen eigentlich gar nichts Besonderes passiert. Du sitzt beim Frühstück, gehst eine vertraute Straße entlang, räumst in der Küche herum oder schaust aus dem Fenster. Und plötzlich merkst du: Mir geht es gerade richtig gut.

Es gibt diese Augenblicke, in denen eigentlich gar nichts Besonderes passiert. Du sitzt beim Frühstück, gehst eine vertraute Straße entlang, räumst in der Küche herum oder schaust aus dem Fenster. Und plötzlich merkst du: Mir geht es gerade richtig gut.

Lesedauer: ca. 8 Minuten
Wenn es dir ohnehin schon schlecht geht, kann eine zweite Enttäuschung besonders wehtun: Ein Mensch, mit dem du fest gerechnet hast, ist nicht da. Er meldet sich kaum, fragt nicht nach, bietet keine Hilfe an oder zieht sich gerade dann zurück, wenn du Unterstützung gebraucht hättest.

Wenn es dir ohnehin schon schlecht geht, kann eine zweite Enttäuschung besonders wehtun: Ein Mensch, mit dem du fest gerechnet hast, ist nicht da. Er meldet sich kaum, fragt nicht nach, bietet keine Hilfe an oder zieht sich gerade dann zurück, wenn du Unterstützung gebraucht hättest.

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
Nach oben scrollen

Möchtest du neue Artikel nicht verpassen?

Wenn du über neue Beiträge, Bücher und Ratgeber von mir informiert werden möchtest, kannst du dich hier zu meinem Newsletter anmelden.