Eigentlich weißt du, dass du dich auf diesen Menschen verlassen kannst. Er hält sich an Absprachen, ist da, wenn er es versprochen hat, und hat dir keinen Grund gegeben, an seiner Zuverlässigkeit zu zweifeln. Trotzdem kümmerst du dich lieber selbst, suchst vorsichtshalber nach einer eigenen Lösung oder fragst gar nicht erst nach Unterstützung.
Das wirkt zunächst widersprüchlich. Aber einen Menschen für verlässlich zu halten und sich tatsächlich auf ihn zu verlassen, sind zwei verschiedene Dinge. Du kannst wissen, dass jemand zuverlässig ist, und trotzdem Schwierigkeiten damit haben, wirklich mit seiner Hilfe zu rechnen.
Wer lange gewohnt ist, vieles allein zu regeln, denkt darüber oft gar nicht mehr nach. Du organisierst, entscheidest, kümmerst dich und findest einen Weg. Diese Selbstständigkeit kann dir Sicherheit geben, denn du weißt aus Erfahrung, dass du dich auf dich selbst verlassen kannst. Schwierig wird es erst, wenn du auch dort automatisch alles allein übernimmst, wo jemand da wäre, der dich unterstützen könnte.
Das kann mit früheren Erfahrungen zu tun haben. Vielleicht wurden dir Dinge versprochen und nicht eingehalten. Jemand wollte sich kümmern und tat es nicht. Du hast um Unterstützung gebeten und standest am Ende doch allein da. Oder du warst für andere selbstverständlich da, während umgekehrt wenig zurückkam. Dafür braucht es nicht den einen großen Vertrauensbruch. Auch viele kleinere Erfahrungen können dazu führen, dass du irgendwann denkst: Bevor ich darauf warte, mache ich es lieber selbst.
So eine Haltung kann lange gut funktionieren. Sie schützt davor, warten zu müssen oder im entscheidenden Moment ohne Lösung dazustehen. Gleichzeitig kann sie bestehen bleiben, obwohl der Mensch, der heute vor dir steht, ganz anders mit dir umgeht.
Denn sich auf jemanden zu verlassen hat auch eine verletzliche Seite. Sobald du mit der Unterstützung eines anderen rechnest, liegt nicht mehr alles bei dir. Er könnte absagen, etwas vergessen oder dich enttäuschen. Genau das kann ungewohnt sein, wenn du dich bisher vor allem damit sicher gefühlt hast, selbst für eine Lösung zu sorgen.
Auch das Annehmen selbst kann schwerfallen. Unterstützung kann sich nicht nur nach Entlastung anfühlen, sondern auch nach Abhängigkeit oder Verpflichtung: Wenn du heute etwas für mich tust, muss ich dir dann etwas zurückgeben? Wer solche Gedanken kennt, macht vieles lieber selbst, obwohl Hilfe eigentlich guttun würde.
Wenn du sehr schnell selbst handelst, bekommen andere außerdem weniger Gelegenheit, dir zu zeigen, dass auf sie Verlass ist. Das bedeutet nicht, dass du dafür verantwortlich bist, wenn andere dich nicht unterstützen. Es kann aber sein, dass du Hilfe selten einforderst oder bereits eine Lösung gefunden hast, bevor jemand überhaupt etwas übernehmen kann.
Auch hohe eigene Ansprüche können hineinspielen. Wenn du genau weißt, wie du etwas machen würdest, erscheint es oft einfacher, es selbst zu erledigen. Geht ein anderer anders vor, kann das schnell wie eine Bestätigung wirken. Dabei bedeutet anders nicht automatisch schlechter. Gerade hier lohnt sich die Frage, ob du dem anderen zutraust, auf seine Weise zuverlässig zu sein.
Frühere Erfahrungen erklären, warum du vorsichtig geworden bist. Sie sagen aber noch nicht, wie sich dieser konkrete Mensch heute verhalten wird. Vielleicht hast du längst jemanden an deiner Seite, der wiederholt gezeigt hat, dass seine Zusagen etwas bedeuten. Dann können kleine Erfahrungen wichtiger werden als ein großer Vorsatz: Du bittest um Unterstützung und sie kommt. Jemand sagt, dass er sich kümmert, und du kümmerst dich diesmal nicht zusätzlich selbst.
Wenn du solche Erfahrungen wiederholt machst, kann es leichter werden, dich auf diesen Menschen zu verlassen. Du weißt dann nicht mehr nur, dass er zuverlässig ist. Du hast erlebt, wie es sich anfühlt, dich auf ihn zu verlassen. Das heißt nicht, dass du deine Selbstständigkeit aufgeben sollst oder künftig jedem vertrauen musst. Sie bleibt eine Stärke. Aber neben dem vertrauten Gedanken „Ich bekomme das allein hin“ kann langsam ein weiterer entstehen: „Ich könnte es allein – aber bei dir muss ich es nicht immer.“
Wann hast du dich zuletzt auf jemanden verlassen und warst anschließend positiv überrascht, weil er wirklich da war oder sein Versprechen gehalten hat? Hat diese Erfahrung etwas daran verändert, wie du diesen Menschen siehst – oder wie leicht es dir beim nächsten Mal fiel, ihm zu vertrauen?
Wenn du dem Vertrauen noch ein wenig weiter nachspüren möchtest, findest du es auch in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort bekommt das Vertrauen, neben vielen anderen Gefühlen, eine eigene Stimme und erzählt selbst davon, wie es sich anfühlen kann, Kontrolle zu lockern, sich einzulassen und trotz früherer Erfahrungen offen zu bleiben. Danach führen dich Reflexionsseiten zu deinem eigenen Erleben: zu den Menschen, denen du leicht vertraust, zu den Stellen, an denen es schwerfällt, und zu der Frage, was du brauchst, um Vertrauen wachsen zu lassen.
