Warum fällt es mir schwer, Dinge wegzugeben, die ich längst nicht mehr benutze?

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Du räumst einen Schrank auf und hältst plötzlich etwas in der Hand, das du seit Jahren nicht mehr benutzt hast. Eigentlich wäre die Entscheidung einfach. Du brauchst es nicht, hast es nicht vermisst und wahrscheinlich nicht einmal daran gedacht, solange es im Schrank lag. Trotzdem legst du es wieder zurück.

Bei Kleidung kann es ähnlich sein. Ein Kleid, eine Jacke oder ein Pullover hängt seit Jahren ungetragen im Schrank. Du probierst das Stück an und stellst fest: Es gefällt dir immer noch. Vielleicht passt es sogar noch wunderbar. Nur getragen hast du es trotzdem nicht. Also bleibt es erst einmal da.

Nicht mehr brauchen und nicht mehr haben wollen sind eben zwei verschiedene Dinge. Wir beurteilen unseren Besitz nicht ausschließlich danach, wie häufig wir ihn benutzen. Ein Gegenstand kann uns etwas bedeuten, obwohl er überhaupt keinen praktischen Zweck erfüllt.

Das ist bei vielen Dingen sogar selbstverständlich. Ein Bild hängt an der Wand, weil wir es schön finden. Eine alte Vase steht im Regal, obwohl seit Jahren keine Blumen darin standen. Ein besonderes Buch möchten wir behalten, obwohl wir ziemlich sicher sind, dass wir es kein zweites Mal lesen werden. Wir können Freude daran haben, etwas zu besitzen, anzusehen oder um uns zu haben.

Noch deutlicher wird dieser Unterschied bei Erinnerungsstücken. Die alte Uhr des Großvaters funktioniert womöglich längst nicht mehr. Eine Schale aus dem Elternhaus passt nicht besonders gut zur eigenen Einrichtung. Ein Schmuckstück entspricht nicht dem heutigen Geschmack. Trotzdem können uns solche Dinge wichtig sein, ganz unabhängig davon, ob sie noch benutzt werden.

Gegenstände können Erinnerungen an Menschen, Erlebnisse und bestimmte Zeiten unseres Lebens wachrufen. Das ist auch aus der psychologischen Forschung bekannt. Persönliche Dinge können Erinnerungen an die eigene Lebensgeschichte greifbar machen. Wir sehen nicht nur die alte Uhr. Wir erinnern uns an den Menschen, der sie getragen hat. Wir sehen nicht nur die Schale, sondern auch den Tisch, auf dem sie früher stand.

Ähnlich kann es mit Geschenken sein. Ein Gegenstand erinnert dann nicht nur an die Person, sondern auch daran, dass sie ihn einmal für uns ausgesucht hat. Ihn wegzugeben kann sich deshalb merkwürdig anfühlen, obwohl wir genau wissen, dass unsere Beziehung zu einem Menschen nicht davon abhängt, ob sein Geschenk noch in unserem Schrank steht.

Dabei muss hinter einem Gegenstand nicht immer eine große Geschichte stecken. Auch Dinge, die wir selbst gekauft haben, können uns ans Herz wachsen. Schließlich haben wir sie irgendwann ausgesucht, bezahlt und mit nach Hause genommen, weil uns etwas daran gefallen hat.

Auch die Verhaltensforschung zeigt, dass wir Dinge häufig anders bewerten, sobald sie uns gehören. Das bedeutet nicht, dass wir automatisch an allem hängen müssen, was wir irgendwann gekauft haben. Es erklärt aber einen Teil davon, warum eine Sache für uns mehr sein kann als irgendein austauschbarer Gegenstand.

Und nicht alles, was wir behalten, verweist auf die Vergangenheit. Einige Dinge stehen eher für etwas, das noch kommen könnte.

Die Hose passt im Moment nicht richtig, aber sie gefällt dir noch immer. Die Sachen für ein früheres Hobby liegen schon lange im Schrank, doch ganz ausgeschlossen ist nicht, dass du irgendwann wieder damit anfängst. Ein Möbelstück aus der alten Wohnung passt in die jetzige nicht hinein, könnte aber in einer anderen Wohnung wieder genau richtig sein.

Solange diese Dinge noch da sind, können wir jederzeit wieder auf sie zurückkommen. Das heißt nicht, dass wir deshalb alles vorsorglich für die nächsten zwanzig Jahre aufheben müssen. Es macht aber verständlich, warum die Entscheidung schwerer sein kann als die einfache Frage: Wann habe ich das zuletzt benutzt?

Denn mit dem Weggeben wird etwas endgültig. Solange die Jacke im Schrank hängt, kannst du sie morgen wieder anziehen. Ist sie verkauft oder verschenkt, ist diese Möglichkeit vorbei. Selbst wenn du ziemlich sicher bist, dass du sie nie wieder getragen hättest, triffst du beim Weggeben eine Entscheidung, die du vorher jahrelang offenlassen konntest.

Genau deshalb kann derselbe Gegenstand bei mehreren Aufräumaktionen immer wieder in der Hand landen. Für das Weggeben spricht, dass du ihn nicht benutzt. Für das Behalten spricht, dass er dir gefällt, etwas bedeutet oder noch einmal nützlich sein könnte. Beides kann gleichzeitig stimmen.

Dann kann es helfen, den Gegenstand noch einmal mit den Augen von heute anzusehen. Ein Kleidungsstück anzuprobieren, statt nur festzustellen, dass es seit drei Jahren auf demselben Bügel hängt. Oder einen Gegenstand aus dem Schrank zu holen und zu überlegen: Gefällt mir das eigentlich noch? Möchte ich es wirklich noch haben?

Dabei muss nicht zwangsläufig herauskommen, dass etwas weg kann. Es kann genauso gut passieren, dass du die alte Jacke anziehst und denkst: Die gefällt mir immer noch viel zu gut. Dann hast du ebenfalls etwas geklärt. Du behältst sie nicht mehr nur deshalb, weil sie eben schon immer im Schrank hing, sondern weil du sie noch haben möchtest.

Wenn die Entscheidung fürs Weggeben gefallen ist, macht es außerdem einen Unterschied, was anschließend mit einer Sache geschieht. Weggeben muss schließlich nicht Wegwerfen bedeuten.

Kleidung, Möbel, Bücher, Geschirr und viele andere Dinge können verkauft, verschenkt oder gespendet werden. Auch die Forschung zum Umgang mit persönlichem Besitz zeigt, dass es für Menschen eine Rolle spielen kann, ob ihre Sachen anschließend von anderen weiterbenutzt und geschätzt werden.

Das ist leicht nachzuvollziehen. Eine Teekanne, die du selbst nicht mehr brauchst, kann genau die sein, die jemand anderes gern mit nach Hause nimmt. Ein Möbelstück, für das in deiner Wohnung kein Platz mehr ist, steht einige Tage später bei jemand anderem, der sich darüber freut. Etwas verlässt dein Leben, ohne deshalb wertlos geworden zu sein.

Gerade bei Dingen, die noch völlig in Ordnung sind, kann dieser Gedanke das Weggeben erleichtern. Jemand anderes hat sich bewusst dafür entschieden, sie haben und weiterbenutzen zu wollen.

Trotzdem muss nicht alles, was du nicht mehr benutzt, dein Zuhause verlassen. Wenn du genügend Platz hast und einen Gegenstand gern besitzt, braucht es keinen künstlichen Grund, ihn auszusortieren. Ein Erinnerungsstück muss keine Aufgabe erfüllen. Etwas Schönes muss nicht nützlich sein. Und auch eine Sache, die du seit Jahren nicht angerührt hast, darf bleiben, wenn du sie behalten möchtest.

Loslassen bedeutet deshalb nicht, möglichst wenig zu besitzen oder besonders konsequent auszusortieren. Interessanter ist die Unterscheidung zwischen Dingen, die du noch bewusst in deinem Leben haben möchtest, und solchen, von denen du dich eigentlich längst trennen könntest.

Wenn du dich von Dingen trennst, kannst du einmal darauf achten, was dir dabei wichtig ist. Möchtest du einfach Platz schaffen oder spielt es für dich eine Rolle, was anschließend mit dem Gegenstand geschieht? Vielleicht macht es einen Unterschied, ob etwas im Müll landet oder bei einem Menschen, der sich darüber freut und es weiterbenutzt.




Wenn du dem Loslassen noch auf eine andere Weise nachgehen möchtest, findest du es auch in „Ich bin dein Gefühl – Band III: Übergänge – Gefühle im Wandel“. Dort bekommt das Loslassen, neben anderen Gefühlen, eine eigene Stimme und erzählt aus seiner Sicht davon, was geschieht, wenn etwas nicht länger festgehalten werden soll oder kann. Auf den anschließenden Reflexionsseiten kannst du für dich weiterdenken, was du bewahren möchtest, wovon du dich trennen kannst und was ein Abschied für dich bedeutet.

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