Warum empfinde ich Schadenfreude, obwohl ich niemandem etwas Schlechtes wünsche?

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Da passiert es. Jemand macht einen Fehler, stolpert über die eigene große Ankündigung oder muss feststellen, dass sein Plan doch nicht so gut funktioniert hat wie gedacht. Eigentlich hast du diesem Menschen nichts Schlechtes gewünscht. Trotzdem ist da für einen kurzen Moment dieses kleine, kaum zu unterdrückende Grinsen. Ein inneres „Tja“. Eine Spur Genugtuung.

Und kaum hast du sie bemerkt, fühlt sie sich schon ein bisschen unangenehm an. Warum freue ich mich darüber? Ich möchte doch gar nicht, dass es diesem Menschen schlecht geht. Gerade wenn du dich selbst als mitfühlend und fair erlebst, kann Schadenfreude erstaunlich schlecht zu dem Bild passen, das du von dir hast.

Doch zwischen dem Wunsch, jemandem möge etwas Schlechtes passieren, und der Freude über ein Missgeschick, das bereits passiert ist, liegt ein wichtiger Unterschied. Schadenfreude kann spontan entstehen. Du hast den Fehler des anderen weder geplant noch verursacht und musst ihn dir vorher auch nicht gewünscht haben. Etwas geschieht – und deine erste Reaktion darauf ist für einen Augenblick angenehm.

Das ist auch etwas anderes als Rache. Wer sich rächen möchte, will selbst einen Ausgleich herbeiführen oder dem anderen etwas zurückgeben. Schadenfreude braucht dieses Handeln nicht. Sie kann vollkommen still bleiben und nach wenigen Sekunden wieder verschwunden sein.

Gerade deshalb kann die Scham darüber so schnell folgen. Bei einem Missgeschick eines anderen erwarten wir eher Mitgefühl als Freude. Wenn die eigene Reaktion davon abweicht, beurteilen wir nicht nur das Gefühl, sondern sehr schnell uns selbst. Aus einem kurzen Grinsen wird dann die Frage, ob es gemein war, überhaupt so empfunden zu haben.

Schadenfreude und Mitgefühl schließen sich trotzdem nicht automatisch aus. Du kannst einen Patzer komisch finden und dem anderen zugleich helfen, weil du merkst, dass ihm die Situation peinlich ist. Selbst bei einem Menschen, den du magst, kann kurz Genugtuung auftauchen, ohne dass deshalb deine Zuneigung verschwunden wäre. Die erste Regung erzählt nicht die ganze Geschichte darüber, wie du zu diesem Menschen stehst.

Interessanter wird deshalb die Frage, was sich durch sein Missgeschick für dich verändert hat. Denn häufig liegt genau dort der Grund, warum Schadenfreude überhaupt angenehm sein kann.

Das lässt sich gut beobachten, wenn wir uns mit anderen vergleichen. Da ist etwa der Kollege, bei dem scheinbar immer alles gelingt. Er bekommt Anerkennung, wirkt souverän und scheint Fehler höchstens aus Erzählungen anderer zu kennen. Dann geht ausgerechnet bei ihm etwas schief. Der kleine Moment der Schadenfreude kann weniger bedeuten: „Gut, dass du ein Problem hast“, als vielmehr: „Ach, bei dir läuft also auch nicht alles perfekt.“ Der Abstand zwischen euch fühlt sich für einen Augenblick kleiner an.

Gerade wenn sein Erfolg vorher am eigenen Selbstwert gekratzt hat oder Neid im Spiel war, kann diese Veränderung entlasten. Doch Neid ist nur eine mögliche Erklärung. Schadenfreude kann auch mit unserem Gefühl für Gerechtigkeit zusammenhängen. Wer sich ständig vordrängelt und anschließend ausgerechnet in der langsamsten Schlange landet, erntet innerlich womöglich ein zufriedenes „Geschieht dir recht“. Es fühlt sich an, als hätte sich etwas wieder ausgeglichen.

Noch deutlicher kann das bei jemandem werden, der andere ständig belehrt, unterbricht und kaum eine Gelegenheit auslässt zu zeigen, dass er es besser weiß. Wenn ausgerechnet dieser Mensch sich gründlich irrt, zeigt sich plötzlich: Auch er weiß nicht alles. Auch ihm misslingt etwas. Für einen Moment verliert die Überlegenheit, die vorher so anstrengend war, etwas von ihrer Wirkung.

Ähnlich ist es mit dem berühmten „Ich hab’s dir doch gesagt“. Du hast jemandem geraten, etwas auf eine bestimmte Weise zu machen. Er wollte nicht hören, war überzeugt, dass sein Weg genauso gut oder sogar besser sei – und genau damit geht es schief. Die Genugtuung kann dann auch darin liegen, dass sich deine eigene Einschätzung bestätigt hat. Nicht sein Ärger ist unbedingt das Angenehme daran, sondern die Erkenntnis: Ich lag richtig.

Schadenfreude kann sogar dort auftauchen, wo gar kein wirklicher Gegensatz zwischen zwei Menschen besteht. Du hast selbst einen peinlichen Fehler gemacht und dachtest bisher, nur dir könne so etwas passieren. Dann macht ein anderer genau denselben Fehler. Das kurze Grinsen kann sich mit Erleichterung mischen: Offenbar bin ich nicht der Einzige.

Deshalb lohnt es sich, bei Schadenfreude nicht nur zu fragen, worüber du dich gerade freust. Aufschlussreicher kann sein, was das Geschehen für dich verändert hat. Fühlst du dich weniger unterlegen? Bestätigt? Entlastet? Erscheint dir etwas gerechter? Ist ein Mensch, der bisher unerreichbar oder überlegen wirkte, plötzlich einfach ein bisschen menschlicher geworden?

Auch wer das Missgeschick erlebt, spielt dabei eine Rolle. Über einen kleinen Patzer eines engen Freundes können wir herzlich lachen und ihm gleichzeitig die Hand hinhalten. Bei jemandem, mit dem wir ständig konkurrieren, bekommt dasselbe Missgeschick eine andere Bedeutung. Und bei einer Person, die wir als arrogant oder unfair erleben, fällt das innere „Tja“ womöglich kräftiger aus.

Neben der Beziehung entscheidet auch die Schwere dessen, was passiert. Ein umgekippter Kaffeebecher, eine groß angekündigte Idee, die nicht funktioniert, oder ein peinlicher Versprecher haben ein anderes Gewicht als eine schwere Verletzung, Krankheit oder ein Unfall. Je ernster die Folgen werden, desto stärker kann Mitgefühl die kleine Genugtuung in den Hintergrund drängen.

Eine feste Grenze lässt sich daraus nicht ableiten. Entscheidend ist eher, woran sich die Freude festmacht. Es macht einen Unterschied, ob du über eine harmlose Panne grinst oder ob gerade das Leiden eines anderen das ist, was dir Freude bereitet. Schadenfreude kann etwas Verschmitztes haben. Das bedeutet nicht, dass jede Freude über jedes Unglück damit gleichzusetzen wäre.

Bis hierhin kann all das vollkommen unsichtbar bleiben. Du denkst dir deinen Teil, unterdrückst ein Grinsen und der andere erfährt nie, dass für eine Sekunde Schadenfreude da war. In diesem Fall bleibt sie zunächst deine eigene Reaktion.

Das ändert sich, sobald du sie zeigst. Ein Grinsen kann schon reichen. Deutlicher wird es, wenn du lachst, einen spitzen Kommentar machst oder dir ein „Ich hab’s dir doch gesagt“ nicht verkneifen möchtest. In diesem Moment wird aus deinem Gefühl etwas, das zwischen euch geschieht. Der andere merkt nun nicht nur, dass ihm etwas misslungen ist, sondern auch, dass du dich darüber amüsierst.

Wie das ankommt, hängt stark von eurem Verhältnis ab. Zwei Freunde, die sich seit Jahren gegenseitig aufziehen, können über ihre Missgeschicke lachen und genau wissen, dass keiner den anderen ernsthaft verletzen will. Einer teilt aus, der andere gibt zurück, und beide haben ihren Spaß daran. Das gemeinsame Lachen kann sogar zur Vertrautheit gehören.

Zwischen zwei Kollegen, die um Anerkennung konkurrieren, kann derselbe Satz ganz anders wirken. Ein öffentliches „Na, das hast du ja toll hingekriegt“ vor versammelter Mannschaft ist nicht dasselbe wie das Grinsen eines guten Freundes, der dir fünf Minuten später beim Aufräumen hilft. Wer ohnehin das Gefühl hat, vom anderen nicht respektiert zu werden, kann die gezeigte Schadenfreude als Herabsetzung erleben.

Noch einmal verändert sich die Situation, wenn weitere Menschen hineingezogen werden. Wer ein Missgeschick weitererzählt, um zusätzliche Lacher zu bekommen, vergrößert die Bühne. Aus dem Fehler selbst kann dann eine Geschichte werden, mit der jemand vor anderen bloßgestellt wird. Derjenige, um den es geht, kann darauf mit Scham oder Wut reagieren – und sich nicht nur an seinen Fehler erinnern, sondern auch daran, wer sich daran erfreut hat.

Damit kann eine kleine Schadenfreude eine Gegenreaktion auslösen. Wer heute ausgelacht wurde, wartet beim nächsten Patzer des anderen womöglich nicht mehr ganz so großzügig ab. „Du hast dich damals über mich lustig gemacht – jetzt bist du dran.“ Unter Freunden kann ein solches Hin und Her ein Spiel bleiben, bei dem beide die Grenzen kennen. Wo Konkurrenz, Kränkung oder Feindseligkeit im Hintergrund stehen, kann daraus dagegen ein Muster werden, bei dem beide zunehmend darauf achten, wann der andere wieder angreifbar ist.

Spätestens wenn jemand einem Missgeschick absichtlich nachhilft, verändert sich die Sache grundlegend. Wer Informationen zurückhält oder jemanden bewusst auflaufen lässt, damit er scheitert, empfindet nicht mehr nur Schadenfreude über etwas, das ohnehin geschehen ist. Er greift selbst in das Geschehen ein. Aus einer spontanen Regung ist bewusstes Verhalten geworden.

Schadenfreude kann ein erstaunlich aufschlussreicher kleiner Moment sein. Nicht unbedingt, weil sie dir zeigt, was du einem anderen Menschen wünschst, sondern weil sie etwas darüber verraten kann, was sich gerade für dich verändert hat: ein Vergleich wird kleiner, etwas fühlt sich gerechter an, du fühlst dich bestätigt oder merkst einfach, dass auch anderen nicht immer alles gelingt. Aus einem kurzen inneren „Tja“ lässt sich deshalb manchmal mehr über die eigene Reaktion erfahren, als man zunächst denkt.Wann hast du zuletzt Schadenfreude gespürt – und was hat sich in diesem Moment für dich verändert?

Wenn du den Anteil von Neid hinter Schadenfreude noch etwas genauer kennenlernen möchtest, findest du ihn in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort kommt der Neid selbst zu Wort – neben anderen herausfordernden Gefühlen – und erzählt aus seiner eigenen Perspektive, wie er sich anfühlen und worauf er aufmerksam machen kann. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dazu ein, den Blick auf die eigenen Vergleiche, Wünsche und Reaktionen zu richten. Gerade bei Schadenfreude kann das spannend sein, wenn hinter dem kurzen inneren „Tja“ auch ein Vergleich oder das Gefühl steckt, dem anderen für einen Moment nicht mehr so weit unterlegen zu sein.

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