Warum empfinde ich Hass auf einen Menschen, obwohl ich das gar nicht möchte?

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Hass ist ein großes Wort. Zu sagen „Ich bin wütend auf dich“ fühlt sich anders an als der Gedanke „Ich hasse dich“. Gerade deshalb kann es erschrecken, wenn man merkt, dass man einen Menschen tatsächlich hasst. Der Kontakt ist vielleicht längst beendet, und trotzdem reicht eine Erinnerung, ein Name oder ein Gedanke an das Geschehene, damit das Gefühl wieder da ist. Warum kann Hass auf einen Menschen so stark werden und so lange bleiben, obwohl man ihn selbst gar nicht mehr empfinden möchte?

Hass ist nicht einfach besonders starke Wut. Wut richtet sich häufig noch gegen etwas, das ein Mensch getan hat. Wir wollen widersprechen, eine Grenze setzen, eine Erklärung bekommen oder erreichen, dass sich etwas ändert. Beim Hass kann sich die Ablehnung stärker gegen den Menschen selbst richten. Aus „Was du getan hast, macht mich wütend“ wird irgendwann „Ich will dich nicht mehr in meinem Leben haben“. Das muss nicht nach jeder tiefen Verletzung geschehen. Aber es zeigt, warum jemanden zu hassen etwas anderes sein kann, als sehr wütend auf ihn zu sein.

Besonders tief können Verletzungen gehen, wenn sie von einem Menschen kommen, dem wir vertraut haben. Verrat, Demütigung, wiederholte Grenzüberschreitungen oder eine schwere Enttäuschung treffen dann nicht nur wegen dessen, was geschehen ist. Es spielt auch eine Rolle, wer es getan hat. Von einem Partner, einer Freundin oder einem Familienmitglied erwarten wir etwas anderes als von einem Fremden. Zur Verletzung kann deshalb der Gedanke kommen: Ausgerechnet du. Von dir hätte ich das nicht erwartet.

Noch schwerer kann es werden, wenn man den anderen mit der eigenen Verletzung nicht erreicht. Man erklärt, was passiert ist, doch er spielt es herunter, weist jede Verantwortung von sich oder macht einfach weiter. Irgendwann wird deutlich: Ich kann dich nicht dazu bringen, zu verstehen, was du mir angetan hast. Zur Wut kommt Ohnmacht. Das Geschehene lässt sich nicht rückgängig machen, und auch die Einsicht des anderen lässt sich nicht erzwingen.

Eine ehrliche Entschuldigung kann deshalb etwas verändern. Nicht weil ein „Tut mir leid“ die Verletzung ungeschehen macht, sondern weil der andere damit zeigen kann, dass er verstanden hat, was sein Verhalten ausgelöst hat, und Verantwortung dafür übernimmt. Ein Satz, der nur gesprochen wird, damit endlich Ruhe ist, leistet das nicht. Und selbst eine aufrichtige Entschuldigung verpflichtet niemanden dazu, zu vergeben oder eine Beziehung fortzusetzen.

Auch zu verstehen, warum jemand so gehandelt hat, kann helfen, das Geschehene einzuordnen. Verstehen bedeutet nicht, eine Rechtfertigung zu finden. Ein Mensch kann aus Angst, Egoismus, Überforderung oder anderen Gründen gehandelt haben, und sein Verhalten kann trotzdem falsch gewesen sein. Eine Erklärung macht die Verletzung nicht kleiner. Sie kann aber aus dem quälenden „Wie konntest du nur?“ irgendwann ein nüchterneres „Jetzt verstehe ich zumindest, wie es dazu kommen konnte“ machen.

Nicht immer gibt es eine solche Erklärung oder Entschuldigung. Dann kann die Auseinandersetzung innerlich weitergehen, obwohl der Kontakt längst beendet ist. Man denkt darüber nach, was man noch hätte sagen sollen, stellt sich Gespräche vor, die nie stattfinden werden, oder geht das Geschehene immer wieder durch. So bleibt ein Mensch in den eigenen Gedanken erstaunlich präsent, obwohl man ihn eigentlich längst aus seinem Leben gestrichen hat. Äußerer Abstand und innerer Abstand entstehen nicht immer gleichzeitig.

Gerade bei einem Menschen, der einmal sehr nah war, kann Hass außerdem neben anderen Gefühlen bestehen. Man kann jemanden hassen und trotzdem noch etwas von dem vermissen, was einmal schön war. Man kann verletzt und enttäuscht sein und zugleich noch Zuneigung empfinden. Das ist kein Beweis dafür, dass man zurückgehen sollte. Es zeigt nur, dass Gefühle nicht immer ordentlich nacheinander auftreten. Je wichtiger ein Mensch einmal war, desto größer kann auch die Enttäuschung darüber sein, was zwischen beiden geschehen ist.

Einen Menschen zu hassen und entsprechend zu handeln, sind ebenfalls zwei verschiedene Dinge. Ein starkes Gefühl ist noch keine Handlung und keine Entscheidung. Es kann da sein, ohne dass man ihm folgen muss.

Belastend kann es werden, wenn das eigene Leben immer weiter um diesen Menschen kreist: um seine fehlende Einsicht, die erhoffte Entschuldigung oder die Erklärung, die nie gekommen ist. Dann hängt das eigene Weitergehen noch immer von jemandem ab, auf dessen Verhalten man keinen Einfluss hat.

Irgendwann kann deshalb eine andere Frage wichtiger werden: Muss der andere noch etwas tun, damit ich selbst weitergehen kann? Das bedeutet nicht, das Geschehene kleinzureden oder vergeben zu müssen. Es kann auch heißen, nicht länger auf eine Einsicht zu warten, die möglicherweise niemals kommt. Was geschehen ist, darf falsch bleiben. Man darf den Kontakt beenden und trotzdem aufhören, innerlich immer wieder dieselbe Auseinandersetzung zu führen.

Der Hass muss dafür nicht von heute auf morgen verschwinden. Gefühle lassen sich nicht auf Befehl abstellen. Aber ein Mensch kann mit der Zeit an Bedeutung verlieren. Gedanken an ihn können seltener werden, und das Bedürfnis, ihm noch etwas erklären zu wollen, kann nachlassen. Dann ist nicht mehr entscheidend, ob er irgendwann verstanden hat, was er angerichtet hat. Wichtiger wird, dass das eigene Leben nicht dauerhaft um ihn kreist.

Wenn wir jemanden hassen, richtet sich sehr viel Aufmerksamkeit auf diesen Menschen: auf sein Verhalten, seine Entscheidungen, seine fehlende Einsicht und auf all das, was wir uns anders gewünscht hätten. Doch auf vieles davon haben wir keinen Einfluss. Was wieder in die eigene Hand zurückkehren kann, ist die Frage, wohin wir unsere Aufmerksamkeit und unsere Kraft künftig richten möchten. Was soll in deinem Leben wichtiger werden als dieser Mensch und das, was zwischen euch geschehen ist?




Wenn du den Hass noch aus einer anderen Perspektive betrachten möchtest, findest du ihn in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort kommt der Hass, neben vielen anderen Gefühlen, selbst zu Wort und erzählt davon, was sich hinter seiner Stärke verbergen kann und warum er gerade nach Verletzungen so viel Kraft entwickeln kann. Auf den anschließenden Reflexionsseiten kannst du deinen eigenen Gedanken nachgehen und für dich genauer betrachten, was dieses Gefühl mit deiner persönlichen Erfahrung zu tun hat.

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Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

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Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
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