Warum bin ich so emotional und muss immer weinen?

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Vor kurzem las ich im Internet nur die Überschrift eines Artikels über einen Wal, der sich in einem Netz verfangen hatte, erstickte und starb. Sofort standen mir die Tränen in den Augen. Den Artikel selbst habe ich bewusst nicht gelesen. Ich wusste, dass mir das, was diesem Tier passiert war, viel zu nahegehen würde.

Mir selbst war nichts passiert. Ich kannte dieses Tier nicht. Und trotzdem genügte ein einziger Satz. Solche Momente gibt es in ganz unterschiedlichen Situationen. Du liest etwas, hörst einen Satz, siehst eine Szene in einem Film oder jemand sagt etwas zu dir – und plötzlich sind die Tränen da. Manchmal so schnell, dass du selbst darüber überrascht bist.

Und dann kommt leicht die Frage: Warum bin ich so emotional? Warum muss ich immer gleich weinen?

Dass dir schnell die Tränen kommen, bedeutet nicht automatisch, dass du „zu emotional“ bist. Es kann viele Gründe dafür geben. Einer davon wird leicht übersehen: Du bist gerade dünnhäutiger als sonst.

Dünnhäutig ist ein gutes Wort dafür, weil es etwas beschreibt, das wahrscheinlich viele Menschen kennen. Es gibt Zeiten, in denen Dinge leichter an einem abprallen. Und es gibt Zeiten, in denen sie sehr viel schneller treffen.

Eine kurze Nacht kann eine Rolle spielen. Sorgen können seit Tagen im Kopf kreisen. Es können zu viele Dinge gleichzeitig anstehen oder ein Problem lässt dich nicht richtig los. Dazu kommen Termine, Entscheidungen, Erwartungen und all die kleinen Dinge, die erledigt werden müssen. Man organisiert, regelt und funktioniert.

Was uns belastet, hängt nicht nur davon ab, was passiert. Es hängt auch davon ab, wie wir eine Situation erleben, was wir erwartet haben und was uns zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon beschäftigt.

Und diese Dinge verschwinden nicht einfach über Nacht. Es gibt keinen Reset-Schalter, der morgens alles wieder auf null setzt. Sorgen, offene Fragen und Gedanken nehmen wir mit in den nächsten Tag. Dann passiert Neues. Manches davon ist schön, manches belanglos, manches anstrengend. Wenn ohnehin schon sehr viel im Kopf ist, kann irgendwann etwas erstaunlich Kleines reichen.

Den ganzen Tag läuft alles. Du organisierst, reagierst, erledigst, funktionierst. Und dann fällt dir am Abend die Kaffeetasse aus der Hand. Eigentlich nichts Dramatisches. Trotzdem stehst du plötzlich in der Küche und weinst.

Nicht unbedingt wegen der Kaffeetasse. Sie war womöglich nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Gerade deshalb kann die Frage „Warum muss ich immer weinen?“ in die falsche Richtung führen. Sie richtet den Blick nur auf die Tränen. Interessanter ist auch die Frage, warum die eigene Haut gerade so dünn geworden ist.

Auch wenig Schlaf kann dabei eine Rolle spielen. Schlafmangel kann unser emotionales Erleben und unsere Reaktion auf Situationen verändern. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch nach einer schlechten Nacht sofort weint. Aber wir erleben unsere Tage nicht immer unter denselben Voraussetzungen.

Und dann passiert etwas, das uns berührt.

Aber warum reagiert der Körper darauf überhaupt mit Tränen?

Wenn uns etwas emotional stark berührt, verarbeitet unser Gehirn das, was gerade passiert. Gleichzeitig werden körperliche Reaktionen angestoßen. Dabei spielt auch das autonome Nervensystem eine Rolle – also der Teil unseres Nervensystems, der viele Vorgänge regelt, ohne dass wir sie bewusst in Gang setzen müssen.

Über Nervenbahnen wird schließlich auch die Tränendrüse angeregt, mehr Tränenflüssigkeit zu bilden. Beim emotionalen Weinen greifen dabei mehrere Vorgänge ineinander, die bis heute nicht in jedem Detail verstanden sind. Klar ist aber: Der Beginn dieser körperlichen Reaktion lässt sich nicht einfach nach Belieben an- und ausschalten. Deshalb können deine Augen feucht werden, obwohl du in diesem Moment überhaupt nicht weinen möchtest.

Ganz ausgeliefert sind wir der Reaktion trotzdem nicht immer. Wenn die Tränen kommen, kannst du versuchen, bewusst gegenzusteuern. Du kannst deine Gedanken auf etwas anderes lenken, ruhiger atmen, ein Gespräch unterbrechen oder dich bei einem traurigen Film daran erinnern, dass das Gezeigte erfunden ist. Manchmal funktioniert das. Manchmal nicht.

Gerade diese begrenzte Kontrolle kann Tränen in bestimmten Situationen so unangenehm machen. Ein Gefühl kann man eine Weile für sich behalten. Tränen sind irgendwann sichtbar. Du kannst traurig sein und trotzdem ruhig dasitzen. Du kannst gekränkt sein und weiterreden. Du kannst innerlich aufgewühlt sein, ohne dass dein Gegenüber etwas davon merkt. Wenn dir aber Tränen über das Gesicht laufen, lässt sich schwerer verbergen, dass dich etwas berührt.

Und genau das kann sich verletzlich anfühlen. Besonders dann, wenn du eigentlich souverän bleiben möchtest. Im Gespräch mit dem Chef. Während eines Streits. Wenn du Kritik bekommst. Oder wenn andere Menschen dabei sind, vor denen du deine Gefühle normalerweise nicht so offen zeigst.

Dann kommt zum eigentlichen Gefühl manchmal noch etwas hinzu: die Scham darüber, dass andere sehen können, was gerade mit dir passiert.

„Jetzt bloß nicht weinen.“
„Reiß dich zusammen.“
„Warum passiert mir das ausgerechnet jetzt?“

Plötzlich beschäftigt dich nicht mehr nur das Gespräch. Du versuchst gleichzeitig, deine Stimme ruhig zu halten, die Tränen zurückzudrängen und möglichst so auszusehen, als wäre alles in Ordnung.

Dabei ist Weinen keineswegs nur eine Reaktion auf Traurigkeit. Menschen weinen aus Rührung. Aus Erleichterung. Vor Wut. Weil sie sich gekränkt fühlen. Weil sie etwas Schönes erleben. Weil sie mit einem anderen Menschen oder einem Tier mitfühlen. Weil eine Erinnerung zurückkommt. Oder weil sie so sehr lachen müssen, dass ihnen irgendwann die Tränen übers Gesicht laufen.

Tränen sind sichtbar. Das Gefühl dahinter ist es nicht unbedingt. Und eine Träne erzählt nicht automatisch, warum sie gekommen ist.

Das macht auch unsere Bewertung von Tränen interessant. Wir können über einen Witz oder eine völlig absurde Situation so lachen, dass uns die Tränen kommen. Bei einer Hochzeit dürfen die Augen feucht werden. Bei einem Wiedersehen nach langer Zeit finden wir Tränen oft sogar schön.

Niemand sagt dem Menschen, der vor Lachen weint: „Du bist aber ganz schön emotional.“

Bei Tränen nach einem verletzenden Satz, bei Kritik oder in einem Streit sieht das plötzlich anders aus. Offenbar bewerten wir also nicht nur die Tränen. Wir bewerten auch die Situation und das Gefühl, das wir dahinter vermuten.

Ähnlich ist es bei Menschen, die wir fast ausschließlich souverän, kontrolliert oder unerschütterlich erleben. Wenn ihnen plötzlich die Tränen kommen, kann uns das überraschen. Nicht weil Weinen nicht zu ihnen passen würde, sondern weil wir diese Seite von ihnen bisher kaum gesehen haben.

Der Mensch, der sonst immer weiß, was zu tun ist, ist in diesem Augenblick berührt, traurig oder verletzlich. Das muss unser Bild von ihm nicht kleiner machen. Manchmal geschieht sogar das Gegenteil: Er wird nahbarer.

Auch das zeigt, wie wenig Tränen darüber aussagen, ob jemand insgesamt „zu emotional“ ist. Ein Mensch kann sehr viel fühlen und kaum weinen. Ein anderer bekommt schnell feuchte Augen. Und ein und derselbe Mensch kann in einer Situation völlig ruhig bleiben und wenige Tage später wegen etwas scheinbar Kleinem in Tränen ausbrechen.

Tränen sind kein Messgerät dafür, wie emotional ein Mensch ist.

Entscheidend ist nicht nur, was gerade passiert. Es spielt auch eine Rolle, in welcher Verfassung wir in diesen Moment hineingehen.

Und wir können nicht immer entscheiden, was auf uns zukommt. Aber wir können manchmal beeinflussen, wie viel Raum wir bestimmten Dingen geben, welche Erwartungen wir loslassen und wo wir eine Grenze ziehen.

Wenn dir also immer wieder die Frage durch den Kopf geht: „Warum bin ich so emotional und muss ständig weinen?“, lohnt es sich, nicht nur auf den Moment zu schauen, in dem die Tränen kommen.

Wie waren die vergangenen Tage? Was beschäftigt dich gerade? Machst du dir Sorgen? Hast du wenig geschlafen, viel organisiert, viel ausgehalten oder lange einfach funktioniert? Gibt es Dinge, die immer wieder in deinem Kopf auftauchen?

Nicht alles davon lässt sich sofort verändern. Aber manches können wir anders einordnen, manches weniger nah an uns heranlassen und an manchen Stellen können wir eine Grenze ziehen. Vor allem aber können wir überhaupt erst einmal bemerken, was uns schon seit Tagen oder Wochen beschäftigt.

Denn Dünnhäutigkeit entsteht nicht unbedingt in dem Augenblick, in dem die Tränen kommen. Manchmal hat sie sich längst vorher aufgebaut.

Was macht dich gerade so dünnhäutig?

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