Warum bin ich erleichtert, wenn eine Verabredung abgesagt wird, auf die ich mich gefreut habe?

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Du hast dich auf die Verabredung gefreut. Vielleicht schon seit ein paar Tagen. Du magst den Menschen, ihr habt euch länger nicht gesehen oder wolltet einfach einen schönen Abend miteinander verbringen. Dann kommt eine Nachricht: „Tut mir leid, ich muss für heute absagen.“ Und während du noch antwortest, merkst du etwas, das so gar nicht zu deiner Vorfreude zu passen scheint: Du bist erleichtert.

Eigentlich müsstest du doch enttäuscht sein. Schließlich wolltest du dieses Treffen. Warum fühlt es sich dann plötzlich so gut an, dass es nicht stattfindet? Die naheliegende Antwort wäre, die eigene Vorfreude infrage zu stellen. Offenbar wollte ich doch nicht hin. Offenbar war mir die Verabredung gar nicht so wichtig. Oder noch unangenehmer: Freue ich mich etwa darüber, diesen Menschen nicht sehen zu müssen?

So eindeutig muss deine Erleichterung aber gar nicht sein. Denn du kannst dich ehrlich auf einen Menschen freuen und gleichzeitig froh darüber sein, dass du heute nicht mehr losmusst. Diese Gefühle beziehen sich nicht unbedingt auf dasselbe. Die Freude kann dem Menschen gelten, dem Gespräch oder der gemeinsamen Zeit. Die Erleichterung kann sich dagegen auf all das beziehen, was mit der Verabredung verbunden gewesen wäre.

Du musst dich nicht mehr fertig machen, nicht mehr überlegen, wann du losfahren musst, nicht mehr ins Auto oder in die Bahn steigen und später wieder nach Hause fahren. Du musst nirgendwo pünktlich sein und den restlichen Abend nicht mehr um einen Termin herum planen. Zack, alles fällt weg.

Auch ein schönes Treffen kann etwas von dir verlangen. Du führst Gespräche, hörst zu, reagierst und bist mit deiner Aufmerksamkeit bei einem anderen Menschen. Das kann dir guttun und trotzdem anstrengend sein. Und ja, auch Bequemlichkeit kann eine Rolle spielen. Die Couch ist gemütlich, draußen ist es kalt oder nass und du hast es dir gerade bequem gemacht. Das sagt noch nichts darüber aus, ob du dich später über das Treffen gefreut hättest.

Hinzu kommt, dass du eine Verabredung in einer ganz anderen Verfassung treffen kannst, als du an dem Tag bist, an dem sie stattfinden soll. Am Dienstag hast du Lust, dich am Samstag mit jemandem zu treffen. Bis Samstag ist eine volle Arbeitswoche vergangen. Du hast schlecht geschlafen, viel erledigt, ständig mit Menschen gesprochen oder einfach das Gefühl, dass dein Kopf für heute genug hat.

Die Verabredung hat sich nicht verändert. Der Mensch hat sich nicht verändert. Aber dein Bedürfnis an diesem Abend kann ein anderes sein als an dem Tag, an dem ihr euch verabredet habt. Deshalb war auch die Vorfreude am Dienstag nicht unecht. Du konntest dich wirklich auf Samstag freuen und am Samstag trotzdem feststellen: Heute wäre mir ein ruhiger Abend lieber.

Es gibt Tage, an denen du dieses Bedürfnis selbst ernst nimmst und eine Verabredung absagst. An anderen Tagen würdest du vermutlich hingehen, obwohl du lieber zu Hause bleiben möchtest. Du willst den anderen nicht enttäuschen, ihr habt euch schließlich verabredet oder du findest dein Ruhebedürfnis allein nicht wichtig genug, um deshalb abzusagen. Kommt die Absage dann von der anderen Seite, musst du diese Entscheidung nicht mehr treffen. Du bekommst das, was du gerade brauchst, ohne jemanden enttäuschen zu müssen. Auch darin kann eine große Erleichterung liegen.

Gleichzeitig war der Abend in deinem Kopf längst verplant und steht dir nun wieder zur Verfügung. Angenehm kann dabei nicht nur die gewonnene Zeit sein, sondern auch das Gefühl, wieder selbst entscheiden zu können, was du mit ihr machst. Aus einem festen Termin ist plötzlich ein offener Abend geworden.

All das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass die Verabredung unangenehm geworden wäre. Wahrscheinlich kennst du auch die andere Seite: Vorher hält sich deine Lust in Grenzen, und sobald ihr zusammensitzt, ist davon kaum noch etwas zu merken. Ihr redet, lacht, es wird später als gedacht und hinterher bist du froh, dass das Treffen stattgefunden hat.

Genau deshalb sollte man die Erleichterung über eine Absage nicht mit einer Vorhersage darüber verwechseln, wie das Treffen geworden wäre. Untersuchungen zu sozialen Begegnungen zeigen, dass Menschen deren angenehme Seiten im Vorfeld durchaus unterschätzen können. Das Gefühl „Gut, dass ich heute nicht mehr losmuss“ bedeutet also nicht automatisch: „Gut, dass ich diesen Menschen heute nicht gesehen habe.“

Natürlich gibt es auch Verabredungen, bei denen eine Absage ganz anders ankommt. Wenn du frisch verliebt bist und seit Tagen darauf wartest, einen Menschen wiederzusehen, wirst du die Absage vermutlich vor allem bedauern. Das Gleiche kann gelten, wenn du dringend mit jemandem sprechen möchtest, etwas klären musst oder dich darauf verlassen hast, an diesem Abend endlich erzählen zu können, was dich beschäftigt.

Dann fällt durch die Absage nicht nur ein Termin weg. Es fällt auch etwas aus, das dir wichtig war. Wie du auf eine Absage reagierst, hängt deshalb nicht allein davon ab, ob dein Tag anstrengend war oder ob du gern zu Hause bist. Es spielt ebenso eine Rolle, wen du treffen wolltest und was dieses Treffen gerade für dich bedeutet hat. Enttäuschung und Erleichterung können sogar nebeneinander auftauchen: Du findest es schade, dass ihr euch nicht seht, und bist gleichzeitig froh darüber, dass die Verabredung heute nicht stattfindet.

Irritierend wird es häufig erst, wenn du deine eigene Erleichterung bewertest. Du merkst, wie gut sich die Absage gerade anfühlt, und bekommst ein schlechtes Gewissen. Schließlich magst du den anderen. Müsstest du dann nicht bedauern, dass ihr euch nicht seht? Doch deine erste Reaktion beantwortet nicht automatisch die Frage, wie wichtig dir dieser Mensch ist. Interessanter ist zunächst, worüber du eigentlich erleichtert bist: darüber, ihn nicht sehen zu müssen, oder darüber, dass mit der Absage etwas weggefallen ist, das dir an diesem Tag zu viel geworden wäre?

Dass unterschiedliche Gefühle zur selben Situation gehören können, ist kein Widerspruch. Eine Verabredung kann dir etwas Schönes versprechen und gleichzeitig etwas von dir verlangen. Bei einer einzelnen Absage muss daraus deshalb keine große Erkenntnis über eure Beziehung werden. Wenn du dagegen bei Treffen mit einem bestimmten Menschen regelmäßig hoffst, dass etwas dazwischenkommt, lohnt sich ein genauerer Blick.

Auch dann muss die Antwort nicht sofort lauten, dass dieser Mensch keinen Platz mehr in deinem Leben haben sollte. Es kann ebenso die Art eurer Treffen sein, die nicht mehr zu dir passt. Sie dauern dir inzwischen zu lange, ihr unternehmt Dinge, die dir wenig geben, oder du merkst, dass du dich hinterher kaum verbunden fühlst.

Dann kann die Erleichterung über eine Absage tatsächlich etwas sichtbar machen, das bei einem einzelnen müden Abend keine Rolle gespielt hätte. Nicht als fertiges Urteil über den anderen, sondern als Anlass, genauer hinzusehen: Freue ich mich noch auf unsere gemeinsame Zeit? Würde sich eine andere Art von Treffen besser anfühlen? Oder hat sich dieser Kontakt für mich verändert?

Denk einmal an die letzte Verabredung zurück, die abgesagt wurde. Vielleicht warst du enttäuscht. Vielleicht erleichtert. Oder du hast tatsächlich beides gespürt.

Was hat dir deine erste Reaktion darüber erzählt, was dir an diesem Tag gerade wichtiger war?




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