Warum bin ich auf einen Menschen stolz, obwohl es gar nicht meine Leistung ist?

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Ein Mensch, der dir wichtig ist, schafft etwas, auf das er lange hingearbeitet hat. Er besteht eine Prüfung, erreicht ein berufliches Ziel, wagt einen schwierigen Schritt oder bekommt endlich etwas hin, das ihm lange schwergefallen ist. Du hast diese Leistung nicht erbracht. Und trotzdem bist du richtig stolz auf ihn.

Das ist kein Widerspruch. Stolz muss sich nicht nur auf das beziehen, was wir selbst geschafft haben. Wir können auch stolz auf jemanden sein, dessen Weg uns etwas bedeutet. Die Leistung gehört diesem Menschen, aber sein Erfolg lässt uns nicht gleichgültig.

Bei Menschen, die uns nahestehen, kennen wir oft auch das Davor. Wir wissen, wie lange jemand gelernt hat, wie oft etwas nicht funktioniert hat oder wie viel Mut ein bestimmter Schritt gekostet hat. Deshalb kann uns ein Erfolg berühren, der für Außenstehende ganz gewöhnlich aussieht. Wir wissen, was dahintersteckt.

Noch stärker kann dieses Gefühl werden, wenn wir einen Menschen auf seinem Weg begleitet haben. Wir haben zugehört, ermutigt, praktisch geholfen oder einfach mitgefiebert. Das macht seine Leistung nicht zu unserer. Aber wir kennen die Zweifel, die Anstrengung und die kleinen Fortschritte, die zu diesem Ergebnis geführt haben.

Dafür braucht es keinen großen Erfolg. Wir können auf jemanden stolz sein, weil er einen Abschluss geschafft oder ein wichtiges berufliches Ziel erreicht hat. Genauso kann es ein kleiner Schritt sein, den kaum jemand sonst bemerkt: Ein Kind erledigt zum ersten Mal etwas allein. Ein Freund traut sich etwas, vor dem er lange zurückgeschreckt ist. Eine Kollegin übernimmt eine Aufgabe, die sie sich bisher nicht zugetraut hat. Entscheidend ist nicht, wie beeindruckend etwas von außen wirkt, sondern welche Bedeutung es für diesen Menschen hat.

Stolz kann sich außerdem auf Verhalten beziehen. Jemand hält ein Versprechen, obwohl es unbequem wird, steht für einen anderen Menschen ein, übernimmt Verantwortung für einen Fehler oder bleibt an etwas dran, obwohl es schwierig ist. Dann beeindruckt uns nicht nur, was jemand getan hat, sondern auch, wie er gehandelt hat.

Stolz, Freude, Wertschätzung und Bewunderung liegen dabei nah beieinander. Wir können uns für einen Menschen freuen, anerkennen, was er geleistet hat, oder etwas an ihm bewundern. Stolz bekommt häufig noch eine persönliche Note: Ich freue mich für dich. Ich sehe, was du geschafft hast. Und weil du mir wichtig bist, bedeutet mir dein Erfolg selbst etwas.

Gerade darin unterscheidet sich der Stolz auf einen anderen Menschen vom Stolz auf die eigene Leistung. Wir müssen nichts für uns beanspruchen. Auch wenn wir geholfen oder mitgefiebert haben, bleibt der entscheidende Schritt beim anderen. Wir können seinen Anteil vollständig bei ihm lassen und trotzdem stolz sein.

Unser Stolz erzählt deshalb auch etwas über die Beziehung. Wenn uns ein Mensch wichtig ist, berühren uns seine kleinen und großen Schritte. Das kann in Familien und Partnerschaften genauso geschehen wie unter Freunden oder Kollegen. Wer miterlebt, wie jemand wächst, sich etwas erarbeitet oder nach einem Rückschlag weitermacht, kann seinen Erfolg sehr persönlich empfinden, ohne ihn zum eigenen zu machen.

Und dann gibt es noch den Satz, mit dem wir dieses Gefühl ausdrücken können: „Ich bin stolz auf dich.“ Er kann einem Menschen zeigen, dass jemand gesehen hat, was hinter seinem Erfolg steckt. Nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Mühe, die Entwicklung oder den Mut auf dem Weg dorthin. Gut ausgesprochen lässt er die Leistung genau dort, wo sie hingehört: bei dem Menschen, der sie erbracht hat.

Auf einen anderen Menschen stolz zu sein heißt also nicht, sich mit fremden Federn zu schmücken. Es heißt: Ich sehe, was du geschafft hast, und es bedeutet mir etwas.

Wann hast du einem Menschen zuletzt gesagt, dass du stolz auf ihn bist? Und wie oft hört dieser Mensch solche Worte überhaupt? Was für dich selbstverständlich erscheint, kann für ihn eine Anerkennung sein, an die er sich noch lange erinnert.




Wenn du dem Stolz noch einmal auf eine andere Weise begegnen möchtest, findest du ihn in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort kommt der Stolz, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort und erzählt aus seiner eigenen Sicht, wie er sich zeigen und anfühlen kann. Die anschließenden Reflexionsseiten geben dir Zeit, auf deinen eigenen Stolz zu schauen – und greifen sogar die Frage auf, welche Person in deinem Leben dich besonders stolz macht.

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Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
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