Ich kann mich nicht entscheiden – warum fällt mir das so schwer?

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Du hast die Möglichkeiten längst vor dir. Du hast nachgedacht, verglichen und vielleicht schon jemanden gefragt. Eigentlich müsste jetzt nur noch die Entscheidung kommen. Stattdessen fängst du noch einmal von vorne an: Was spricht für die eine Möglichkeit, was gegen die andere? Übersehe ich etwas? Was, wenn ich mich falsch entscheide? Soll ich lieber noch eine Nacht darüber schlafen?

Dass Entscheidungen schwerfallen, bedeutet nicht automatisch, dass du nicht weißt, was du willst oder grundsätzlich unsicher bist. Nicht jede Entscheidung trägt dasselbe Gewicht. Einige haben Folgen, die sich vorher nicht vollständig einschätzen lassen. Und an einem Tag, an dem der Kopf ohnehin schon voll ist, kann selbst eine überschaubare Wahl plötzlich schwerer werden. Gründlich nachzudenken ist dabei nichts Schlechtes. Schwierig wird es erst, wenn Gründlichkeit keinen Endpunkt mehr findet.

Denn Entscheidungen fallen nicht immer deshalb schwer, weil wir zu wenig wissen. Sie können auch deshalb schwerfallen, weil wir von ihnen etwas erwarten, das sie uns oft nicht geben können: Gewissheit.

Du kannst dich informieren, Erfahrungen anderer anhören, Vor- und Nachteile abwägen und dir Zeit lassen. Trotzdem gibt es Entscheidungen, bei denen du erst hinterher erfährst, wie sie sich tatsächlich auswirken. Du kannst einen neuen Job sorgfältig prüfen und trotzdem nicht wissen, wie sich der Arbeitsalltag nach drei Monaten anfühlt. Du kannst lange über einen Umzug nachdenken und trotzdem nicht vorhersehen, ob du dich am neuen Ort wohlfühlst. Bei vielen echten Entscheidungen bleibt deshalb etwas offen, das du erst hinterher wissen kannst.

Gerade dieser Rest an Ungewissheit kann unangenehm sein. Dann suchst du nicht mehr nur nach einer guten Entscheidung, sondern nach dem Gefühl: Jetzt weiß ich sicher, dass ich die richtige treffe. Nur kommt dieses Gefühl nicht immer. Also liest du noch etwas, vergleichst noch einmal, fragst eine weitere Person – und jedes neue Argument bringt für kurze Zeit das Gefühl, der Entscheidung näherzukommen, bis das nächste Gegenargument auftaucht.

Dazu kommt die Vorstellung, es später zu bereuen: „Hätte ich doch die andere Möglichkeit genommen.“ Schon dieser Satz kann vor einer Entscheidung viel Gewicht bekommen. Denn mit einer Entscheidung legst du dich nicht nur auf etwas fest, du lässt gleichzeitig andere Möglichkeiten liegen. Wenn du dich für A entscheidest, erfährst du oft nie, wie B geworden wäre. Und die nicht gewählte Möglichkeit muss später nie beweisen, dass sie tatsächlich besser gewesen wäre.

Noch schwerer wird es, wenn eine falsche Entscheidung sich nicht nur wie ein normaler Irrtum anfühlen würde, sondern wie ein persönlicher Fehler. Dann geht es nicht mehr nur um die bessere Wahl. Es schwingt auch der Anspruch mit, du müsstest doch erkennen können, was richtig ist – und wärst selbst schuld, wenn es schiefgeht. So bekommt eine Entscheidung schnell viel mehr Gewicht, als sie eigentlich tragen müsste.

Nicht zu entscheiden kann sich kurzfristig sicherer anfühlen. Solange du dich nicht festlegst, hast du noch nichts Falsches gewählt. Du kannst die Entscheidung verschieben, beim bisherigen Zustand bleiben, noch jemanden um Rat fragen oder hoffen, dass sich die Sache von selbst klärt. Nur ist auch das nicht folgenlos.

Nicht zu entscheiden fühlt sich manchmal sicherer an. Aber auch Nichtentscheiden kann eine Entscheidung sein – nämlich dafür, dass vorerst alles bleibt, wie es ist.

Was dir an dieser Stelle beim Entscheiden helfen kann: Eine erste Hilfe ist die Frage: Weiß ich tatsächlich noch zu wenig – oder warte ich gerade auf eine Gewissheit, die es vor dieser Entscheidung gar nicht geben kann? Fehlt eine Information, die deine Entscheidung wirklich verändern könnte, lohnt es sich, sie zu beschaffen. Hast du dagegen längst alles Wesentliche geprüft und hoffst nur noch darauf, keinerlei Zweifel mehr zu spüren, hilft weiteres Nachdenken nicht automatisch weiter. Dann geht es eher darum, einen gewissen Rest Unsicherheit auszuhalten.

Eine zweite Hilfe betrifft den Blick zurück: Beurteile eine Entscheidung nicht nur danach, wie sie später ausgegangen ist. Du kannst mit den Informationen, die du heute hast, vernünftig entscheiden und trotzdem Pech haben. Ebenso kann eine leichtfertige Entscheidung zufällig gut ausgehen. Eine gute Entscheidung ist deshalb nicht automatisch eine Entscheidung, die später das beste Ergebnis hat.

Wenn du eine frühere Entscheidung beurteilst, ist eine andere Frage oft fairer: War meine Entscheidung mit dem Wissen, das ich damals hatte, nachvollziehbar? Im Rückblick kennen wir Informationen, die uns beim Entscheiden noch gar nicht zur Verfügung standen. Was heute eindeutig erscheint, war es damals möglicherweise nicht.

Neben der Suche nach Sicherheit kann noch etwas anderes das Entscheiden zäh machen: Du möchtest nicht nur eine gute Möglichkeit finden, sondern die beste.

Eine Möglichkeit kann all deine wichtigen Anforderungen erfüllen. Aber was, wenn irgendwo noch eine bessere existiert – ein schöneres Hotel, ein langlebigeres Handy oder eine ruhigere Wohnung? Wer nach einer guten Lösung sucht, kann irgendwann sagen: Diese Möglichkeit erfüllt das, was mir wichtig ist. Wer nach der besten aller Möglichkeiten sucht, hat es schwerer.

Für „gut genug“ kann es einen Endpunkt geben. Für „die beste aller Möglichkeiten“ theoretisch nicht.

Das wird besonders deutlich, wenn die Auswahl groß ist. Drei Möglichkeiten lassen sich noch recht gut vergleichen, bei zwanzig wird es schwieriger – vor allem, wenn jede ihre eigenen Vor- und Nachteile hat. Bei größeren Entscheidungen lassen sich die Kriterien außerdem selten sauber gegeneinander aufrechnen. Ein neuer Job kann mehr Geld bieten, dafür aber einen längeren Arbeitsweg. Ein anderer bringt mehr Freiheit, aber weniger Sicherheit. Ein dritter klingt fachlich interessanter, passt jedoch schlechter zu deinem Alltag. Welche Zahl soll dafür stehen – acht Punkte für Gehalt, sechs für Freizeit und sieben für nette Kollegen? So funktioniert das Leben selten.

Viele Möglichkeiten sind deshalb nicht grundsätzlich schlecht. Sie werden anstrengend, wenn du zu viele Dinge gleichzeitig vergleichst oder selbst noch nicht weißt, was bei dieser Entscheidung für dich wirklich zählt. Dann wächst mit jeder neuen Information nicht unbedingt die Klarheit, sondern erst einmal die Menge dessen, was berücksichtigt werden könnte.

Und damit beginnt leicht die nächste Schleife: noch eine Rezension, noch ein Vergleich, noch ein Gespräch, noch einmal die Vor- und Nachteile durchgehen. Das kann sinnvoll sein, solange neue Informationen die Entscheidung tatsächlich verändern können. Irgendwann liest du aber nicht mehr weiter, weil dir etwas Wichtiges fehlt, sondern weil du dich noch nicht festlegen möchtest.

Was dir in dieser Situation beim Entscheiden helfen kann: Eine erste Hilfe ist, vorher festzulegen, was eine gute Entscheidung für dich überhaupt erfüllen muss. Nicht alles, was an einer Möglichkeit bewertet werden könnte, ist gleich wichtig. Bei einer Wohnung können Lage, Preis und Größe entscheidend sein, während du mit einer Küchenfront leben könntest, die nicht genau deinem Geschmack entspricht. Bei einem Job wären es andere Kriterien. Die entscheidende Frage lautet: Was muss diese Möglichkeit unbedingt erfüllen, damit sie für mich gut genug ist? Drei oder vier klare Kriterien können hilfreicher sein als eine Liste mit zwanzig Punkten.

Eine zweite Hilfe ist, die Zahl der Möglichkeiten zu reduzieren. Nicht jede mögliche Alternative verdient gleich viel Aufmerksamkeit. Wenn eine Möglichkeit bereits bei einem für dich entscheidenden Kriterium ausscheidet, musst du sie nicht weiter analysieren. Das bedeutet nicht, vorschnell zu wählen. Es bedeutet nur, nicht zwanzig Möglichkeiten ausführlich zu prüfen, wenn nach deinen wichtigsten Kriterien ohnehin nur vier ernsthaft infrage kommen.

Eine dritte Hilfe ist, der Informationssuche einen Endpunkt zu geben. Dabei kann eine Frage helfen: Welche neue Information könnte meine Entscheidung jetzt tatsächlich noch verändern? Fällt dir etwas Konkretes ein, kannst du genau danach suchen. Fällt dir nichts mehr ein und du vergleichst trotzdem weiter, lohnt sich die Frage: Suche ich noch nach Information – oder schiebe ich nur den Moment hinaus, an dem ich mich entscheiden muss?

Entscheiden bedeutet am Ende immer, eine Möglichkeit zu wählen und andere nicht. Das gehört zum Entscheiden dazu. Du kannst sorgfältig prüfen, Informationen sammeln, herausfinden, was dir wichtig ist, dir Rat holen und eine Nacht darüber schlafen. Aber du kannst von einer Entscheidung nicht verlangen, dass sie dir heute schon beweist, dass du sie morgen niemals bereuen wirst.

Eine gute Entscheidung besteht deshalb nicht darin, jede Unsicherheit zu beseitigen. Sondern irgendwann sagen zu können: Ich habe geprüft, was ich prüfen konnte. Ich weiß, was mir wichtig ist. Den Rest kann ich erst erfahren, wenn ich mich entscheide.

Du musst nicht wissen, ob eine Entscheidung perfekt sein wird. Du musst nur irgendwann genug wissen, um sie treffen zu können.




Wenn Entscheidungen bei dir vor allem Unsicherheit, Zweifel oder die Sorge vor späterer Reue auslösen, findest du in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“ eigene Kapitel zu diesen Gefühlen. Die anschließenden Reflexionsseiten geben dir Raum, genauer hinzusehen: woher deine Unsicherheit kommt, was du gerade hinterfragst, welche Verantwortung wirklich bei dir liegt und was du deinem früheren Ich heute sagen würdest.

Passend zu diesem Thema

Genau deshalb können Freude und Wehmut gleichzeitig auftauchen. Du freust dich darüber, wo du bist und was du gerade erlebst. Und du bist wehmütig, weil du weißt, dass es zeitlich begrenzt ist. Das widerspricht sich nicht.
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Wer lange gewohnt ist, vieles allein zu regeln, denkt darüber oft gar nicht mehr nach. Du organisierst, entscheidest, kümmerst dich und findest einen Weg. Diese Selbstständigkeit kann dir Sicherheit geben, denn du weißt aus Erfahrung, dass du dich auf dich selbst verlassen kannst.
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Freundlichkeit und Sympathie sind nicht dasselbe. Du kannst wahrnehmen, dass jemand höflich, hilfsbereit oder zugewandt ist, ohne dich deshalb automatisch zu ihm hingezogen zu fühlen. Ein Mensch kann vieles mitbringen, was du grundsätzlich positiv findest, und trotzdem nicht dein Mensch sein.
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Über Sorgen und Probleme zu reden kann entlasten, Gedanken sortieren und Nähe schaffen. Ein Gespräch kann sich aber auch im Kreis drehen. Ihr besprecht wieder dieselbe Situation, geht Ursachen und mögliche Folgen durch und landet schließlich dort, wo ihr schon vorher wart.
Lesedauer: ca. 8 Minuten

Finde das Gefühl, das dich gerade beschäftigt

Suche direkt nach einem Gefühl oder öffne die Übersicht mit allen 79 Gefühlen.

Hier kannst du weiterlesen

Dieses Gefühl kennen viele als Fremdschämen. Dabei empfindest du Scham wegen des Verhaltens eines anderen Menschen, obwohl du selbst keinen Grund hättest, dich zu schämen. Das kann so stark sein, dass du wegsehen möchtest, innerlich zusammenzuckst oder nur noch hoffst, dass die Situation schnell vorbei ist.

Dieses Gefühl kennen viele als Fremdschämen. Dabei empfindest du Scham wegen des Verhaltens eines anderen Menschen, obwohl du selbst keinen Grund hättest, dich zu schämen. Das kann so stark sein, dass du wegsehen möchtest, innerlich zusammenzuckst oder nur noch hoffst, dass die Situation schnell vorbei ist.

Lesedauer: ca. 8 Minuten
Es macht einen Unterschied, ob du sagst: ‚Diese Eigenschaft an mir mag ich nicht‘ oder ob daraus wird: ‚Deshalb mag ich mich nicht.‘ Im ersten Fall schaust du auf einen Teil von dir. Im zweiten wird daraus ein Urteil über deine ganze Person.

Es macht einen Unterschied, ob du sagst: ‚Diese Eigenschaft an mir mag ich nicht‘ oder ob daraus wird: ‚Deshalb mag ich mich nicht.‘ Im ersten Fall schaust du auf einen Teil von dir. Im zweiten wird daraus ein Urteil über deine ganze Person.

Lesedauer: ca. 8 Minuten
Genau deshalb können Freude und Wehmut gleichzeitig auftauchen. Du freust dich darüber, wo du bist und was du gerade erlebst. Und du bist wehmütig, weil du weißt, dass es zeitlich begrenzt ist. Das widerspricht sich nicht.

Genau deshalb können Freude und Wehmut gleichzeitig auftauchen. Du freust dich darüber, wo du bist und was du gerade erlebst. Und du bist wehmütig, weil du weißt, dass es zeitlich begrenzt ist. Das widerspricht sich nicht.

Lesedauer: ca. 8 Minuten
Wer lange gewohnt ist, vieles allein zu regeln, denkt darüber oft gar nicht mehr nach. Du organisierst, entscheidest, kümmerst dich und findest einen Weg. Diese Selbstständigkeit kann dir Sicherheit geben, denn du weißt aus Erfahrung, dass du dich auf dich selbst verlassen kannst.

Wer lange gewohnt ist, vieles allein zu regeln, denkt darüber oft gar nicht mehr nach. Du organisierst, entscheidest, kümmerst dich und findest einen Weg. Diese Selbstständigkeit kann dir Sicherheit geben, denn du weißt aus Erfahrung, dass du dich auf dich selbst verlassen kannst.

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
Nach oben scrollen

Möchtest du neue Artikel nicht verpassen?

Wenn du über neue Beiträge, Bücher und Ratgeber von mir informiert werden möchtest, kannst du dich hier zu meinem Newsletter anmelden.