Wenn alles zu viel wird, warum fühle ich mich überfordert?

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Du sitzt an einer Aufgabe, die du eigentlich erledigen möchtest oder musst. Währenddessen kommt eine Nachricht herein, jemand braucht eine Entscheidung, eine zweite Sache sollte möglichst heute noch fertig werden und irgendwo im Hinterkopf wartet bereits das, was du selbst für diesen Tag geplant hattest. Für jede einzelne Aufgabe würdest du wahrscheinlich eine Lösung finden. Das Problem ist nur: Sie wollen alle gleichzeitig etwas von dir.

Zu Hause kann es ganz ähnlich aussehen. Jemand möchte Hilfe, ein Familienmitglied braucht eine Antwort, etwas im Haushalt muss erledigt werden und du hattest selbst längst etwas anderes vor. Auch hier ist nicht unbedingt eine einzelne Sache zu viel. Es ist die Gleichzeitigkeit.

Irgendwann weißt du nicht mehr, womit du anfangen sollst. Du fängst bei einer Sache an, wirst wegen der nächsten unterbrochen, erinnerst dich währenddessen an eine dritte und versuchst nebenbei noch zu entscheiden, was davon eigentlich am dringendsten ist. Genau dann kann dieses Gefühl entstehen: Mir wird gerade alles zu viel.

Dabei muss es gar nicht die eine große Belastung geben. Überforderung entsteht oft nicht allein durch die Menge dessen, was zu tun ist. Entscheidend ist auch, wie viele Dinge gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit beanspruchen und wie oft wir zwischen ihnen wechseln müssen.

Wenn du zehn Aufgaben in Ruhe nacheinander erledigen kannst, fühlen sie sich womöglich überschaubar an. Drei Aufgaben können dagegen anstrengender werden, wenn während der ersten bereits zweimal jemand etwas von dir möchte, du zwischendurch eine Entscheidung treffen sollst und danach erst wieder herausfinden musst, wo du eigentlich aufgehört hattest.

Auch Entscheidungen kosten Aufmerksamkeit. Solange klar ist, was als Nächstes kommt, kannst du einfach weitermachen. Schwieriger wird es, wenn alles wichtig erscheint. Dann erledigst du nicht nur Aufgaben. Du musst zusätzlich ständig bewerten: Was zuerst? Was ist dringender? Was passiert, wenn ich etwas verschiebe? Kann das warten? Muss ich mich darum überhaupt kümmern?

Zu all dem kommt deine eigene Tagesform. Nach einer ruhigen Nacht, an einem Tag ohne größere Sorgen, lassen sich Dinge oft leichter sortieren. Wenn du dagegen kaum geschlafen hast, dich selbst etwas beschäftigt oder du schon seit Stunden konzentriert arbeitest, bleibt weniger Spielraum. Dieselben Anforderungen können sich dann plötzlich wesentlich schwerer anfühlen. Das erklärt einen Teil davon, warum man an einem Tag erstaunlich viel schafft und an einem anderen schon bei wesentlich weniger denkt: Heute reicht es.

Es gibt allerdings noch einen anderen Grund, warum bei manchen Menschen besonders viel zusammenkommt: Sie sind die Menschen, zu denen andere gehen, wenn etwas nicht funktioniert.

Wer schnell einen Überblick bekommt, gut organisiert ist, viel weiß oder für Probleme rasch eine Lösung findet, wird oft genau deshalb immer wieder gefragt. Andere merken sich, bei wem sie schnell weiterkommen.

Jemand im Team weiß nicht weiter? Dann landet die Frage schnell bei der Person, die immer eine Idee hat. In der Familie gibt es etwas zu organisieren? Die kümmert sich schon. Irgendjemand hat ein Problem mit einem Formular, einer Entscheidung, einer technischen Sache oder einem Ablauf? Da gibt es doch jemanden, der so etwas immer hinkriegt.

Das ist zunächst einmal nichts Schlechtes. Es ist schön, etwas zu können und anderen damit zu helfen. Und wenn eine Frage in zwei Minuten beantwortet ist, muss daraus auch keine Grundsatzdiskussion über Grenzen entstehen.

Etwas anderes ist es, wenn aus einer kurzen Frage plötzlich eine halbe Stunde Arbeit wird. Oder wenn jemand eine Aufgabe bei dir ablegt, die er mit ein wenig Nachdenken durchaus selbst lösen könnte, während auf deinem eigenen Tisch bereits genug liegt.

Wer oft hilft, kann außerdem unbemerkt selbst dazu beitragen, dass diese Rolle immer größer wird. Es fühlt sich schließlich gut an, gebraucht zu werden. Kompetenz tut gut. Anerkennung auch. Es kann angenehm sein zu wissen: Auf mich kann man sich verlassen.

Mit der Zeit kann daraus sogar ein Teil des eigenen Selbstbildes werden. Ich bin die Person, die alles regelt. Ich finde Lösungen. Ich bin für andere da. Und solange diese Rolle funktioniert, bekommt man dafür häufig Dankbarkeit, Vertrauen oder das Gefühl, wichtig zu sein.

Schwierig wird es nicht dadurch, dass du anderen hilfst. Schwierig wird es, wenn das Helfen so selbstverständlich wird, dass du kaum noch unterscheiden kannst, ob du etwas übernehmen möchtest oder nur glaubst, es übernehmen zu müssen.

Dann wird ein Nein plötzlich unangenehm. Nicht unbedingt, weil die Aufgabe so wichtig ist, sondern weil du jemanden enttäuschen könntest. Oder weil du nicht plötzlich der Mensch sein möchtest, der diesmal keine Lösung liefert. Auch das kann dazu führen, dass immer noch etwas auf den Stapel kommt.

Und dann gibt es noch eine Form von Belastung, die auf keiner To-do-Liste steht.

Manche Menschen sind besonders gute Zuhörer. Bei ihnen kann man erzählen. Sie hören nicht nur mit halbem Ohr zu, sondern interessieren sich wirklich dafür, wie es dem anderen geht. Genau deshalb werden sie häufig zu Menschen, bei denen Sorgen landen.

Ein Freund hat Probleme in seiner Beziehung. Jemand aus der Familie macht sich große Sorgen. Eine Kollegin steckt in einer schwierigen Situation. Du hörst zu, versuchst zu verstehen, denkst möglicherweise noch Stunden später darüber nach und möchtest helfen. Auch das braucht Kraft.

Es gibt Menschen, bei denen sich über Jahre hinweg sehr viele Geschichten anderer sammeln, weil sie immer ein offenes Ohr haben. Mitgefühl ist dabei nicht das Problem. Schwierig wird es, wenn der nötige Abstand fehlt und fremde Sorgen dich noch lange beschäftigen, nachdem das Gespräch längst vorbei ist.

In helfenden Berufen gehört der bewusste Umgang mit belastenden Geschichten deshalb oft zur professionellen Arbeit. Dazu können klare Rollen, Austausch im Team, Supervision und Formen der Abgrenzung gehören – damit nicht jede Geschichte dauerhaft mit nach Hause genommen wird. Nicht, weil ihnen das Leid anderer egal wäre. Gerade weil es ihnen nicht egal ist.

Im privaten Leben bekommt man dafür keine Ausbildung. Wer schon immer der Mensch war, bei dem andere mit ihren Sorgen gelandet sind, merkt unter Umständen erst sehr spät, wie viel davon sich im eigenen Kopf angesammelt hat.

Belastbarkeit bedeutet deshalb nicht unbedingt, immer noch ein bisschen mehr tragen zu können. Ein Teil davon besteht darin, früher zu erkennen, was überhaupt bei dir bleiben sollte.

Das lässt sich lernen. Mit Erfahrung merkst du schneller, was wirklich dringend ist, welche Aufgabe warten kann und wo jemand gerade nur versucht, seine eigene Dringlichkeit zu deiner zu machen. Du bekommst ein besseres Gefühl dafür, was eine halbe Stunde dauert und was einen halben Tag frisst. Und irgendwann wird klarer, dass nicht jede Bitte automatisch eine eigene Aufgabe werden muss.

Der erste Schritt ist erstaunlich unspektakulär: eine Reihenfolge festlegen. Wenn alles zu viel wird, kann Priorisieren wieder Ordnung herstellen. Nicht, indem du schneller arbeitest, sondern indem du entscheidest, was überhaupt jetzt dran ist.

Was hat tatsächlich eine Frist? Was hängt von etwas anderem ab? Was kann warten? Was fühlt sich nur deshalb dringend an, weil gerade jemand vor dir steht und sehr deutlich macht, dass es für ihn dringend ist?

Im Privaten gilt dasselbe: Nicht jede Bitte muss in dem Moment erfüllt werden, in dem sie ausgesprochen wird. Ein Kind kann möglicherweise in einer Stunde Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen, ein Elternteil morgen Unterstützung bei einem Formular – und manches kann jemand auch selbst versuchen.

Das Schwierige am Priorisieren ist oft gar nicht die Entscheidung selbst. Es sind die Menschen dahinter.

Wenn du sagst, dass Aufgabe A zuerst kommt, bedeutet das automatisch, dass Aufgabe B warten muss. Und womöglich gehört B jemandem, der das nicht besonders gut findet.

Dann beginnt der nächste Stress: Hoffentlich ist der andere nicht enttäuscht. Hätte ich es doch lieber andersherum machen sollen? War seine Sache vielleicht wichtiger? Sollte ich schnell beides versuchen?

Und schon gerät die eben gefundene Reihenfolge wieder ins Wanken.

Eine Reihenfolge funktioniert nur, wenn du akzeptierst, dass nicht alles gleichzeitig an erster Stelle stehen kann. Wer zuerst kommt, bekommt nicht automatisch die höchste Priorität. Wer am lautesten fragt, ebenfalls nicht.

Und deshalb gibt es mehr Möglichkeiten als ein hartes Ja oder Nein.

„Ja, ich kann das machen. Aber nicht jetzt.“

„Ich kümmere mich darum, sobald ich mit dieser Sache fertig bin.“

„Heute schaffe ich es nicht mehr, aber morgen kann ich mich darum kümmern.“

Oder tatsächlich:

„Nein, das kann ich nicht übernehmen.“

Das gilt übrigens nicht nur für Aufgaben. Auch bei einem belastenden Gespräch kann eine Grenze heißen: „Heute habe ich dafür keinen Kopf. Lass uns morgen in Ruhe reden.“

Das ist kein besonders kompliziertes System. Trotzdem kann es erstaunlich viel verändern, wenn man beginnt, zwischen jetzt, später und nein zu unterscheiden.

Und selbst wenn du jemandem helfen möchtest, musst du ihm nicht automatisch die komplette Lösung liefern.

In der Forschung zum Hilfeverhalten wird unter anderem zwischen abhängigkeitsorientierter und autonomieorientierter Hilfe unterschieden. Hinter den komplizierten Begriffen steckt ein ziemlich einfacher Unterschied.

Bei der einen Form löst du das Problem für die andere Person. Bei der anderen gibst du ihr so viel Unterstützung, dass sie selbst weiterkommen kann.

Du kannst einen ersten Hinweis geben, zeigen, wo du anfangen würdest, einen möglichen Weg vorschlagen, eine Quelle nennen oder genau bei dem Schritt helfen, an dem jemand tatsächlich festhängt. Danach kann die andere Person selbst weitermachen.

Statt eine komplette Aufgabe zu übernehmen, könntest du zum Beispiel sagen: „Schau dir zuerst diesen Punkt an. Wenn du danach wirklich nicht weiterkommst, frag mich noch einmal.“ Oder: „Ich würde mit diesem Schritt anfangen. Probier das einmal aus.“

Das ist ebenfalls Hilfe. Nur bleibt die Verantwortung dort, wo sie hingehört.

Und bei Dingen, die ein anderer durchaus selbst lösen könnte, darf der Gedanke gelegentlich auch etwas deutlicher ausfallen:

„Sie sind herzlich eingeladen, Ihr eigenes Gehirn zu benutzen.“

Natürlich sagt man das nicht jedem Menschen in jeder Situation genauso. Aber der Gedanke dahinter ist wichtig. Nicht jede Frage erfordert, dass du die vollständige Denkarbeit übernimmst. Wer helfen möchte, kann auch einen Denkanstoß geben, ohne das Problem anschließend selbst zu übernehmen.

Wenn du merkst, dass dir alles über den Kopf wächst, helfen deshalb drei Fragen oft mehr als der Versuch, noch schneller zu werden: Was muss wirklich jetzt passieren? Was kann warten? Und was muss überhaupt ich übernehmen?

Und wenn du schon dabei bist, kannst du die Frage einmal umdrehen. Wie oft gehst du selbst mit einem Problem zu jemand anderem, obwohl du noch gar nicht versucht hast, eine eigene Lösung zu finden?

Natürlich müssen wir nicht jedes Problem allein lösen. Dafür sind andere Menschen da, und Hilfe anzunehmen gehört genauso zum Leben wie Hilfe zu geben. Aber zwischen „Ich komme wirklich nicht weiter“ und „Es ist bequemer, wenn jemand anderes darüber nachdenkt“ liegt ein Unterschied.

Beim nächsten Mal könntest du deshalb kurz überlegen: Brauche ich gerade wirklich Hilfe – oder brauche ich eigentlich nur einen ersten Denkanstoß, um selbst weiterzukommen?


Wenn du das Gefühl der Überforderung noch genauer für dich betrachten möchtest, findest du in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“ ein eigenes Kapitel dazu. Auf den anschließenden Reflexionsseiten findest du Fragen und Platz für deine eigenen Gedanken – etwa dazu, wodurch du dich besonders überfordert fühlst, wo dir Grenzen schwerfallen, was du abgeben könntest und was du gerade wirklich brauchst.

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Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
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