Warum werde ich wehmütig, obwohl der schöne Moment noch gar nicht vorbei ist?

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Eigentlich ist noch alles schön. Du sitzt im Urlaub am Meer, genießt die Wärme und hast noch ein paar freie Tage vor dir. Doch plötzlich denkst du: Nur noch drei Tage. Kurz darauf sind es nur noch zwei. Und obwohl du noch genau dort bist, wo du dich so wohlfühlst, kommt Wehmut auf.

Das kann auch an einem gemeinsamen Wochenende passieren, bei einem Besuch, auf einer Veranstaltung oder an einem Abend, den du am liebsten verlängern würdest. Niemand ist gegangen, nichts ist vorbei und es ist auch nichts Schlechtes passiert. Trotzdem fühlt es sich schon ein wenig nach Abschied an.

Die Wehmut hat dabei weniger mit dem zu tun, was gerade geschieht, als mit dem Ende, das du bereits kommen siehst. Eben hast du noch den Urlaub genossen. Jetzt stellst du dir vor, wie du den Koffer packst, zum Flughafen fährst oder am Montag wieder zur Arbeit gehst. Bei einem Besuch weißt du, dass morgen die Heimfahrt ansteht. Während du noch mit einem Menschen zusammensitzt, denkst du schon daran, dass ihr euch bald verabschieden werdet.

So kann der Abschied innerlich beginnen, bevor er tatsächlich stattfindet: Du bist noch mittendrin, mit deinen Gedanken aber schon ein Stück weiter. Und plötzlich betrachtest du etwas, das noch da ist, bereits aus der Sicht dessen, der es bald vermissen wird.

Das geschieht gerade bei schönen Erlebnissen nicht ohne Grund. Wenn du dich irgendwo besonders wohlfühlst, möchtest du dieses Gefühl verständlicherweise gern behalten. Oft möchtest du weniger den Ort oder das Ereignis festhalten als das Gefühl, das du dort hast.

Im Urlaub kann das die Ruhe sein, die Wärme, das Ausschlafen, die Freiheit von Terminen oder dieses herrliche Gefühl, morgens noch nicht zu wissen, was du mit dem Tag anfangen wirst. Bei einem Menschen kann es die Nähe sein, das gemeinsame Lachen oder die seltene Zeit füreinander. Ein schöner Abend kann dir guttun, weil du dich leicht und unbeschwert fühlst. Wenn sein Ende näher rückt, weißt du zugleich, dass auch dieses besondere Lebensgefühl nicht einfach genauso weitergehen wird.

Genau deshalb können Freude und Wehmut gleichzeitig auftauchen. Du freust dich darüber, wo du bist und was du gerade erlebst. Und du bist wehmütig, weil du weißt, dass es zeitlich begrenzt ist. Das widerspricht sich nicht.

Schwierig wird es, wenn das kommende Ende immer mehr von der Zeit beansprucht, die eigentlich noch vor dir liegt. Aus drei Urlaubstagen werden in Gedanken schnell „nur noch drei Tage“. Am nächsten Morgen sind es nur noch zwei. Irgendwann kommt das letzte Abendessen, die letzte Nacht, das letzte Frühstück. Je öfter du innerlich mitzählst, desto stärker kann sich der Abschied in den Vordergrund schieben.

Dann kann etwas Merkwürdiges passieren: Du vermisst bereits, was du noch hast.

Gerade dann ist es gar nicht so einfach, die Wehmut wieder abzuschütteln. Auch der Gedanke „Jetzt genieß doch einfach die letzten Tage“ hilft nicht unbedingt. Denn Gefühle lassen sich nicht auf Zuruf abschalten. Im Gegenteil: Wenn du dir zusätzlich vorwirfst, dass du ausgerechnet jetzt wehmütig bist, entsteht noch ein zweites Problem. Dann beschäftigt dich nicht nur der bevorstehende Abschied, sondern auch die Frage, warum du die verbleibende Zeit nicht einfach unbeschwert genießen kannst.

Du musst die Wehmut aber nicht erst loswerden, bevor es wieder schön sein darf. Sie kann da sein, ohne dass sie den ganzen verbleibenden Moment bekommen muss. Du kannst traurig darüber sein, dass der Urlaub bald endet, und trotzdem noch schwimmen gehen. Du kannst wissen, dass ihr euch morgen verabschiedet, und heute noch miteinander lachen.

Es geht also nicht darum, so zu tun, als gäbe es den Abschied nicht. Er kommt. Aber er ist noch nicht da. Aus „In zwei Tagen muss ich nach Hause“ kann auch der Gedanke werden: „Heute bin ich noch hier.“ Das ändert nichts am Ende, aber es richtet den Blick wieder auf die Zeit, die noch da ist.

Und womöglich erzählt dir die Wehmut auch etwas darüber, was dir gerade besonders guttut. Wenn du am liebsten noch bleiben würdest, lohnt sich die Frage, was genau du nicht verlieren möchtest. Ist es die Ruhe? Die Nähe zu einem Menschen? Mehr Zeit? Weniger Verpflichtungen? Das Gefühl von Freiheit oder Unbeschwertheit? Nicht alles davon lässt sich mit nach Hause nehmen. Aber manches muss vielleicht auch nicht vollständig an diesem einen Ort oder diesem einen Erlebnis zurückbleiben.

Und bis der Abschied tatsächlich da ist, gehört dir noch die Zeit davor.

Vielleicht gibt es beim nächsten schönen Moment einen Augenblick, in dem du merkst, dass die Wehmut schon anklopft. Was könnte dir dann helfen, noch einmal zu sehen, was gerade noch da ist – und es ein kleines bisschen länger zu genießen?




Wenn du der Wehmut noch etwas länger nachspüren möchtest, findest du sie auch in „Ich bin … dein Gefühl – Band III: Übergänge – Gefühle im Wandel“. Dort kommt die Wehmut, neben vielen anderen Gefühlen, selbst zu Wort und erzählt von Erinnerungen, Vergänglichkeit und dem leisen Ziehen, das Schönes und Vergangenes hinterlassen kann. Anschließend laden dich Reflexionsseiten dazu ein, deine eigenen wehmütigen Erinnerungen, Menschen und Momente anzuschauen und zu erkunden, was davon in dir weiterlebt.

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Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

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