Warum weiß ich manchmal nicht, was ich eigentlich fühle?

Lesedauer: ca. 9 Minuten

„Was fühlst du gerade?“

Eigentlich eine einfache Frage. Bis man sie beantworten soll.

Du merkst, dass etwas in dir los ist. Du bist unruhiger als sonst, stiller, schneller gereizt oder mit den Gedanken immer wieder bei demselben Gespräch. Irgendetwas beschäftigt dich, aber du bekommst nicht richtig zu fassen, was genau.

Traurigkeit? Nicht ganz. Wut? Auch nicht richtig. Enttäuschung vielleicht. Unsicherheit? Überforderung?

Und irgendwann kommt die nächste Frage dazu: Warum weiß ich manchmal nicht, was ich fühle – und muss ich es überhaupt genau wissen?

Die Vorstellung, jedes Gefühl ließe sich sauber von allen anderen trennen und an eindeutigen Merkmalen erkennen, ist zu einfach. Gefühle entstehen nicht unabhängig von dem, was gerade um uns und in uns passiert. Eine Situation, Gedanken darüber, Erinnerungen, Erfahrungen und körperliche Reaktionen können ineinandergreifen. Auch in der Emotionsforschung gibt es deshalb unterschiedliche Modelle dafür, wie Gefühle entstehen und wie wir sie unterscheiden.

Noch bevor wir ein Wort für das haben, was gerade in uns passiert, kann der Körper längst reagiert haben. Das Herz schlägt schneller. Im Bauch macht sich ein eigenartiges Gefühl bemerkbar. Die Schultern sind angespannt, die Hände werden warm, man wird rastlos oder zieht sich plötzlich zurück.

Die Wahrnehmung solcher Vorgänge im eigenen Körper wird in der Forschung als Interozeption bezeichnet. Sie spielt auch beim emotionalen Erleben eine Rolle. Nur sagt ein schneller Herzschlag nicht automatisch: Das ist Angst. Ein flaues Gefühl im Bauch kann zu Unsicherheit gehören, aber genauso zu Vorfreude oder Aufregung.

Der Körper liefert Hinweise, aber keine Etiketten.

Deshalb kann sehr deutlich zu spüren sein, dass einen etwas bewegt, obwohl die genaue Bezeichnung fehlt. Dann entstehen Sätze wie: „Irgendwas ist heute.“ Oder: „Irgendetwas beschäftigt mich.“ „Ich bin irgendwie neben mir.“ „Ich weiß nicht genau, was los ist.“

Wir fühlen ständig. Nur lässt sich nicht alles, was wir gerade erleben, eindeutig benennen.

Und selbst wenn sich ein Gefühl überhaupt genauer benennen lässt, ist diese Klarheit nicht in jeder Situation gleich. An einem Tag weißt du sofort: Das hat mich enttäuscht. In einer anderen Situation merkst du nur, dass etwas für dich nicht stimmt.

Das hängt nicht einfach davon ab, ob jemand „gut mit Gefühlen“ umgehen kann. Müdigkeit, Belastung, viele Eindrücke, Gespräche, Erinnerungen oder die eigene körperliche Verfassung können mit hineinspielen. Manchmal ist ein Erlebnis vertraut und dadurch leichter einzuordnen. Ein anderes Mal kommen so viele Dinge zusammen, dass die Grenzen verschwimmen.

Das bedeutet auch, dass Menschen nicht einfach in zwei Gruppen zerfallen: diejenigen, die ihre Gefühle erkennen können, und diejenigen, die es nicht können. Auch bei derselben Person kann etwas einmal sehr klar und ein anderes Mal erstaunlich verschwommen sein.

Oft beginnt die Beschreibung deshalb sehr allgemein: „Mir geht es nicht gut.“ „Ich bin gestresst.“ „Irgendwie bin ich heute komisch drauf.“

Damit ist bereits etwas gesagt. „Mir geht es nicht gut“ kann eine vollkommen passende Beschreibung für diesen Moment sein. Manchmal lässt sich später genauer sagen, was dahintersteckt. Manchmal bleibt es bei diesem Eindruck.

In der Forschung wird in diesem Zusammenhang unter anderem von emotionaler Granularität oder Emotionsdifferenzierung gesprochen. Vereinfacht geht es darum, emotionale Erfahrungen feiner auseinanderzuhalten. Aus einem allgemeinen „Mir geht es schlecht“ kann zum Beispiel irgendwann „Ich bin enttäuscht“ oder „Ich bin frustriert“ werden.

So eine Unterscheidung kann helfen, das eigene Erleben besser zu verstehen. Sie ist aber kein Ziel, das immer erreicht werden müsste.

Denn manchmal lässt sich schon deshalb kein einzelnes Gefühl finden, weil mehrere gleichzeitig vorhanden sind.

Du kannst dich über etwas freuen und trotzdem unsicher sein. Nach einem schwierigen Gespräch kann neben Ärger auch Enttäuschung stehen. Ein Abschied kann traurig machen und gleichzeitig Erleichterung auslösen. Und Gefühle können sich während einer einzigen Situation verändern, sodass am Ende nur noch der Eindruck bleibt: Ich bin völlig durcheinander.

Das gilt genauso für angenehme Momente. Auch dort muss nicht immer klar sein, ob gerade Freude, Erleichterung, Zufriedenheit oder etwas anderes im Vordergrund steht. Manchmal fühlt es sich einfach gut an.

Hinzu kommt, dass wir auf die Frage „Was fühlst du?“ häufig zunächst beschreiben, wie wir eine Situation erleben.

„Ich fühle mich übergangen.“ „Ich fühle mich ausgeschlossen.“ „Ich fühle mich nicht ernst genommen.“

Hinter solchen Sätzen können ganz unterschiedliche Gefühle stehen. Ärger, Enttäuschung, Unsicherheit oder mehrere davon gleichzeitig. Das heißt aber nicht, dass man nun anfangen müsste, jedes dieser Worte sprachlich auseinanderzunehmen. Manchmal sagt der Satz schon genug: Diese Situation beschäftigt mich.

Besonders interessant wird es, wenn das Gefühl, das tatsächlich da ist, nicht zu dem passt, mit dem wir gerechnet haben.

Du hast einen Urlaub gebucht, auf den du dich lange gefreut hast. Eigentlich müsste jetzt Vorfreude da sein. Stattdessen merkst du Anspannung. Die letzten gemeinsamen Reisen waren möglicherweise voller Streit und irgendwo sitzt die Sorge, dass es diesmal wieder so werden könnte.

Oder du hast eine Prüfung bestanden, ein berufliches Ziel erreicht oder etwas geschafft, auf das du lange hingearbeitet hast. Wochenlang hast du dir vorgestellt, wie sehr du dich darüber freuen wirst. Dann ist es endlich soweit – und als Erstes kommt gar keine große Freude, sondern Erleichterung. Oder Erschöpfung.

Genau dann taucht häufig dieses kleine Wort „eigentlich“ auf.

Eigentlich müsste ich mich doch freuen. Eigentlich sollte ich erleichtert sein. Eigentlich habe ich doch alles, was ich wollte.

Darin steckt eine Erwartung – nicht nur an die Situation, sondern auch daran, wie sie sich anfühlen sollte. Mit solchen Überzeugungen über Gefühle beschäftigt sich ebenfalls die Forschung. Menschen haben Vorstellungen davon, welche Gefühle in bestimmten Situationen passend oder erwartbar sind. Das tatsächliche Erleben hält sich jedoch nicht immer daran. Manchmal wirkt es sogar so, als wäre überhaupt kein Gefühl da.

Sprache kann trotzdem dabei helfen, etwas klarer zu sehen. Aus einem diffusen „Irgendetwas stimmt nicht“ wird möglicherweise irgendwann „Ich bin enttäuscht“, und plötzlich lässt sich ein Teil dessen, was vorher unscharf war, genauer beschreiben.

In der Forschung gibt es dafür unter anderem den Begriff Affect Labeling. Vereinfacht bezeichnet er das sprachliche Benennen eines emotionalen Erlebens. Untersuchungen zeigen, dass dieses Benennen bestimmte körperliche oder verhaltensbezogene Reaktionen beeinflussen kann. Beim subjektiv empfundenen Gefühl selbst sind die Ergebnisse weniger eindeutig.

Ein Wort kann beim Einordnen helfen. Es führt aber nicht automatisch dazu, dass das Gefühl schwächer wird oder sich verändert.

Manche Menschen möchten einzelne Gefühle deshalb einfach näher kennenlernen und besser verstehen, wie unterschiedlich sie sich zeigen können. Genau daran knüpft auch die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ an: Dort erzählen die Gefühle selbst, wie sie einem begegnen können, und Reflexionsfragen laden dazu ein, die eigenen Erfahrungen mit ihnen näher zu betrachten.

Aber auch wer viele Gefühlswörter kennt, wird nicht jedes eigene Erleben eindeutig benennen können. Und genau das führt zu einer anderen Frage:

Muss ich überhaupt genau wissen, wie es heißt?

Man kann sehr deutlich merken, dass etwas guttut, ohne festzulegen, ob es Freude, Zufriedenheit, Erleichterung oder Geborgenheit ist. Genauso kann man wissen, dass eine Situation belastet, ohne genau sagen zu können, welches Gefühl dahintersteht.

Damit ist eigentlich schon viel verstanden.

Schwierig kann es eher werden, wenn aus einem Gefühlswort irgendwann mehr gemacht wird, als dieses Wort überhaupt aussagt.

Ein Gefühl zu erkennen ist etwas anderes, als sich selbst eine Erklärung oder sogar eine Diagnose dafür zu geben.

Du kannst feststellen, dass du dich gerade unruhig, traurig, gereizt oder einfach nicht gut fühlst, ohne daraus sofort ableiten zu müssen, was mit dir „los“ ist. Manchmal gibt es einen klaren Grund. Manchmal mehrere. Manchmal erkennt man ihn später. Und manchmal bleibt er unklar.

Ein Gefühlsbegriff kann dabei schnell zu einer Schublade werden, wenn anschließend nur noch nach Erklärungen gesucht wird, die genau dazu passen.

Denn genau hier kann aus einem ganz normalen „Ich weiß gerade nicht, was mit mir los ist“ irgendwann ein sehr festes Selbstbild entstehen, obwohl die Ausgangslage vielleicht viel offener war.

Du bemerkst zum Beispiel, dass du seit einigen Tagen ungewöhnlich unruhig bist, und beginnst nach einer Erklärung zu suchen. Aus „Warum bin ich gerade so unruhig?“ wird irgendwann „Was habe ich?“ Je länger die Suche dauert, desto leichter findet sich etwas, das zur bereits vermuteten Erklärung passt.

Online-Recherche kann Orientierung geben. Sie kann aber auch dazu führen, dass einzelne Empfindungen vorschnell einer festen Erklärung zugeordnet werden.

Suchmaschinen und soziale Medien liefern innerhalb kürzester Zeit Symptomlisten, Selbsttests, Videos, Erfahrungsberichte und mögliche Diagnosen. Manche Beschreibungen klingen erstaunlich vertraut. Das allein erklärt jedoch noch nicht die eigene Situation.

Eine Beschreibung kann vertraut klingen, ohne dass sie die eigene Situation vollständig erklärt. Einzelne Gemeinsamkeiten machen aus einer Vermutung noch keine Diagnose.

Für ausgeprägtere Schwierigkeiten beim Erkennen und Beschreiben eigener Gefühle gibt es in der Forschung unter anderem den Begriff Alexithymie. Dass man gelegentlich nicht weiß, was man gerade fühlt, bedeutet jedoch nicht, dass dieser Begriff auf einen selbst zutrifft. Ob dahinter überhaupt etwas Besonderes steckt, lässt sich aus einzelnen Situationen oder einer eigenen Internetrecherche nicht ableiten.

Wenn gerade keine passende Bezeichnung auftaucht, kann die Frage deshalb auch viel kleiner sein: Fühlt sich das, was gerade da ist, angenehm oder unangenehm an? Bin ich eher ruhig oder aufgewühlt? Geht es um etwas, das passiert ist, um einen anderen Menschen oder um etwas, das mich selbst beschäftigt?

Kommt dabei ein Wort in den Sinn und passt es, ist das in Ordnung.

Und wenn nicht: dann eben nicht.

Manchmal spürst du einfach, dass dich etwas beschäftigt, bewegt oder aufwühlt, ohne genau sagen zu können, was es ist. Manchmal ergibt sich später ein passendes Wort dafür. Manchmal bleibt es bei diesem Eindruck.

Wenn sich das, was du fühlst, nicht gut anfühlt, kann eine andere Frage hilfreicher sein als die Suche nach dem richtigen Gefühlsnamen: Was würde mir jetzt guttun? Was könnte die Situation etwas leichter machen oder verändern?

Und wenn sich das, was du fühlst, gut anfühlt – genieß es. Es ist egal, ob es gerade Freude, Erleichterung, Zufriedenheit, Geborgenheit oder etwas anderes ist.

Gefühle brauchen keinen Namen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray

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