Warum versuche ich es gar nicht mehr, obwohl es mir noch wichtig ist?

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Es gab eine Zeit, da hast du es versucht. Du hast Bewerbungen geschrieben, an einem Projekt gearbeitet, ein Gespräch gesucht, etwas gelernt oder immer wieder nach einer Lösung gesucht. Es war dir wichtig genug, um Zeit und Kraft hineinzustecken. Doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Einmal, zweimal oder noch öfter. Irgendwann hast du aufgehört. Nicht unbedingt, weil dir die Sache gleichgültig geworden ist. Wenn du daran denkst, merkst du sogar, dass sie dir noch immer etwas bedeutet. Trotzdem unternimmst du nichts mehr. Der Gedanke an einen neuen Versuch endet schon, bevor er richtig begonnen hat: Es bringt doch sowieso nichts.

Eine Enttäuschung allein verändert diesen Blick auf die Zukunft meist noch nicht. Wir wissen, dass nicht alles beim ersten Versuch gelingt. Schwieriger kann es werden, wenn wir uns wiederholt bemühen und immer wieder erleben, dass sich nichts ändert. Wir investieren Kraft und bekommen eine Absage. Wir versuchen es erneut und kommen wieder nicht weiter. Wir sprechen etwas an und erleben, dass alles bleibt wie zuvor. Mit jeder weiteren Erfahrung kann es schwerer werden, den nächsten Versuch noch unvoreingenommen zu betrachten.

Aus „Es hat bisher nicht funktioniert“ kann nach und nach „Es wird auch diesmal nicht funktionieren“ werden. Das klingt ähnlich, ist aber etwas völlig anderes. Der erste Satz beschreibt, was bisher geschehen ist. Der zweite sagt bereits voraus, was geschehen wird. Genau darin steckt die Schwierigkeit des Gedankens „Es bringt sowieso nichts“: Mehrere enttäuschende Erfahrungen können sich wie eine Gewissheit über die Zukunft anfühlen.

Drei Bewerbungen wurden abgelehnt, also scheint die vierte kaum noch eine Chance zu haben. Mehrere Versuche mit einem Projekt haben nicht den gewünschten Erfolg gebracht, also wirkt plötzlich die ganze Idee aussichtslos. Dabei gibt es einen großen Unterschied zwischen „Dieser Weg hat nicht funktioniert“ und „Es gibt keinen Weg, der funktionieren kann“. Die bisherigen Erfahrungen kennen wir. Was bei einem neuen Versuch geschehen würde, wissen wir noch nicht. Trotzdem kann die Vergangenheit irgendwann so überzeugend wirken, dass neue Möglichkeiten gar nicht mehr geprüft werden.

An diesem Punkt verändert sich auch das Gefühl dafür, ob das eigene Handeln überhaupt noch etwas bewirken kann. Wenn ich wieder und wieder erlebt habe, dass mein Einsatz scheinbar keinen Unterschied macht, kann sich der Eindruck festsetzen: Es liegt gar nicht mehr in meiner Hand. Was ich tue, ändert ohnehin nichts.

Für eine solche Entwicklung gibt es in der Psychologie den Begriff: erlernte Hilflosigkeit. Er beschreibt, vereinfacht gesagt, was geschehen kann, wenn ein Mensch wiederholt die Erfahrung macht, keinen Einfluss auf ein Ergebnis zu haben. Die Erwartung, nichts bewirken zu können, kann sich festsetzen. Unter Umständen bleibt dann auch in einer späteren Situation ein neuer Versuch aus, obwohl dort durchaus wieder Handlungsmöglichkeiten vorhanden wären. Das geschieht nicht bei jedem Menschen und nicht nach jedem Rückschlag. Einen Unterschied kann machen, welche Schlussfolgerung aus den Erfahrungen entsteht: „So hat es nicht geklappt, also muss ich etwas verändern“ lässt noch Möglichkeiten offen. „Egal was ich mache, es klappt sowieso nicht“ tut das kaum noch.

Genau dort können sich Hilflosigkeit und Resignation begegnen. Das Anliegen ist noch wichtig. Der Wunsch ist nicht verschwunden. Was verloren gegangen ist, ist die Erwartung, mit dem eigenen Handeln noch etwas verändern zu können. Man versucht es nicht mehr, weil man innerlich schon mit dem nächsten Misserfolg rechnet. Von außen kann das wie Desinteresse aussehen. Innerlich kann durchaus noch etwas da sein, das man gern erreicht, verändert oder verwirklicht hätte.

Allerdings ist nicht jedes Aufhören Resignation. Ein Ziel kann mit der Zeit an Bedeutung verlieren, etwas anderes kann wichtiger geworden sein oder der notwendige Einsatz steht nicht mehr in einem vernünftigen Verhältnis zu dem, was man erreichen würde. Auch eine Pause ist kein Aufgeben. Wer etwas zurückstellt, weil Zeit, Geld oder Kraft im Augenblick für etwas anderes gebraucht werden, kann sehr klar entschieden haben: Jetzt nicht. Später wieder. Ebenso kann jemand feststellen, dass etwas weiterhin schön oder wichtig wäre, aber nicht wichtig genug, um dafür einen hohen Preis zu zahlen.

Und es gibt Ziele, die tatsächlich nicht mehr erreichbar sind. Eine Möglichkeit kann endgültig verschwunden sein, die Voraussetzungen können sich verändert haben oder der Weg dorthin würde verlangen, etwas aufzugeben, das einem wichtiger ist. Dann kann Loslassen die vernünftigere Entscheidung sein. „Ich habe geprüft, was möglich ist, und möchte diesen Preis nicht zahlen“ ist etwas anderes als „Es hat ein paarmal nicht geklappt, also kann ich sowieso nichts bewirken“. Im ersten Fall wird eine Grenze erkannt und eine Entscheidung getroffen. Im zweiten kann eine Grenze angenommen werden, ohne noch zu prüfen, ob sie tatsächlich besteht.

Zwischen Aufgeben und Weitermachen gibt es deshalb mehr als zwei Möglichkeiten. Man kann pausieren, ein Ziel verändern, ihm einen anderen Platz im eigenen Leben geben, Unterstützung suchen oder es bewusst loslassen. Man kann sich ebenso entscheiden, weiterzumachen. Entscheidend ist nicht, um jeden Preis durchzuhalten. Entscheidend ist, möglichst klar zu erkennen, warum man nicht mehr weitergeht.

Wenn das Ziel noch wichtig ist und grundsätzlich erreichbar sein könnte, lohnt sich ein anderer Blick: Ist wirklich das Ziel gescheitert oder nur mein bisheriger Weg? Dranbleiben muss nicht bedeuten, nach jeder Enttäuschung mit noch mehr Kraft dasselbe zu tun. Es kann heißen, genauer hinzusehen, etwas anders vorzubereiten, einen neuen Zugang zu suchen, Unterstützung anzunehmen oder zu einem späteren Zeitpunkt neu anzufangen. Ein veränderter Versuch ist nicht einfach die Wiederholung des alten.

Ein bisher erfolgloser Weg entscheidet nicht darüber, wie alle anderen Wege enden werden. Er entscheidet auch nicht automatisch darüber, was du grundsätzlich kannst. Dass etwas bisher nicht gelungen ist, bleibt eine Erfahrung, die ernst genommen werden darf. Sie muss nur nicht zur Vorhersage für alles werden, was danach kommt. Solange noch Handlungsspielraum besteht, kann aus „Es bringt sowieso nichts“ wieder die offenere Frage werden: Was könnte ich diesmal anders machen?

Die Antwort muss nicht lauten, dass du weiterkämpfen sollst. Sie kann genauso gut darin liegen, etwas bewusst zu beenden und deine Kraft an anderer Stelle einzusetzen. Aber wenn dir etwas noch wichtig ist und du lediglich aufgehört hast, an deinen Einfluss zu glauben, kann es einen Unterschied machen, das eine vom anderen zu trennen. Nicht jeder neue Weg führt ans Ziel. Doch ein Weg, der nicht funktioniert hat, muss nicht schon das Ende aller Möglichkeiten sein.

Wann hast du zuletzt aufgehört, etwas zu versuchen – weil du dich bewusst dagegen entschieden hattest oder weil du nicht mehr daran geglaubt hast, noch etwas bewirken zu können?




Wenn du der Resignation noch auf eine andere Weise begegnen möchtest, findest du sie in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort kommt die Resignation selbst zu Wort und erzählt aus ihrer eigenen Perspektive von Rückschlägen, Müdigkeit und dem leisen Gedanken, dass weiteres Bemühen keinen Sinn mehr habe. Danach öffnen die Reflexionsseiten Raum, das eigene Erleben in Ruhe anzuschauen. Resignation ist dabei nur eines von vielen Gefühlen dieses Bandes: Auch Hilflosigkeit, Enttäuschung, Frustration, Erschöpfung, Zweifel, Sehnsucht und Leere erklären sich dort selbst und werden von eigenen Reflexionsseiten begleitet.

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