Warum vermisse ich einen Menschen, zu dem ich keinen Kontakt mehr möchte?

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Du hast dich entschieden, keinen Kontakt mehr zu einem Menschen zu haben. Nicht aus einer Laune heraus, sondern weil es Gründe dafür gab. Die Beziehung hat dir nicht mehr gutgetan, eine Freundschaft ist zerbrochen oder du hast gemerkt, dass du diesen Menschen nicht mehr in deinem Leben haben möchtest. Und trotzdem gibt es Tage, an denen er dir fehlt.

Das kann irritieren. Schließlich warst du es womöglich selbst, der gegangen ist oder eine Tür geschlossen hat. Du möchtest nicht zurück, willst keine Nachricht schreiben und auch keinen neuen Versuch starten. Und trotzdem fehlt er dir. Wie passt das zusammen?

Besser, als es zunächst scheint. Denn jemanden zu vermissen bedeutet nicht automatisch, ihn wieder in seinem Leben haben zu wollen. Ein Gefühl und eine Entscheidung müssen nicht dasselbe sagen.

Eine Entscheidung entsteht häufig aus dem Gesamtbild. Du weißt, was zwischen euch passiert ist, wie du dich in dieser Verbindung gefühlt hast und weshalb du Abstand wolltest. Das Vermissen dagegen kann sich an etwas ganz anderem festhalten. An einer Erinnerung, einem vertrauten Gefühl oder einer Seite dieses Menschen, die du mochtest. Dass dir etwas davon fehlt, macht die Gründe für deinen Abstand nicht plötzlich unwichtig.

Deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf die Frage, was du eigentlich vermisst. Denn hinter dem Satz „Ich vermisse dich“ können sehr unterschiedliche Dinge stecken.

Es kann tatsächlich der Mensch sein. Seine Stimme, sein Humor, die Art, wie er dich zum Lachen gebracht hat, eure Gespräche oder die Vertrautheit zwischen euch. Ein Mensch, mit dem du lange verbunden warst, bestand schließlich nicht nur aus den Eigenschaften oder Verhaltensweisen, wegen derer du irgendwann keinen Kontakt mehr wolltest. Es kann vieles an ihm gegeben haben, das du gern mochtest und das dir heute noch fehlt.

Genauso kann es sein, dass du weniger den Menschen als das gemeinsame Leben vermisst. Denn mit einer Beziehung oder Freundschaft entsteht oft ein ganzes Geflecht aus Gewohnheiten, Menschen, Orten und gemeinsamen Erlebnissen. Mit dem Ende dieser Verbindung kann deshalb weit mehr verschwinden als der regelmäßige Kontakt zu einer einzelnen Person.

Das wird besonders deutlich, wenn sich nach einer Trennung das ganze Drumherum verändert. Du ziehst aus einem gemeinsamen Zuhause aus, obwohl du dort gerne gelebt hast. Ein Freundeskreis teilt sich auf. Bestimmte Einladungen bleiben aus. Reisen, Feste oder Sonntage, die früher selbstverständlich waren, gibt es in dieser Form nicht mehr. Dann kannst du all das vermissen, ohne deshalb den Menschen zurückzuwollen, mit dem dieses Leben verbunden war.

Selbst einzelne Dinge lassen sich nicht immer ohne Weiteres zurückholen. Ein besonderer Urlaubsort gehörte zum Umfeld des anderen. Eine Gruppe von Menschen kam nur durch diese Verbindung zusammen. Ein gemeinsames Ritual funktioniert allein nicht auf dieselbe Weise. Anderes kannst du dagegen irgendwann für dich neu entdecken. Du kannst an einen Ort zurückkehren, den ihr beide geliebt habt, und feststellen, dass er nicht für immer zu eurer gemeinsamen Geschichte gehören muss.

Und noch etwas kann fehlen: die Person, die du selbst in dieser Zeit gewesen bist. Wenn du an jemanden zurückdenkst, erinnerst du dich schließlich auch an dein eigenes damaliges Leben. Vielleicht warst du viel unterwegs, hast mehr unternommen, hattest andere Menschen um dich oder einen Alltag, der heute nicht mehr existiert. Dann vermischt sich die Erinnerung an den anderen mit der Erinnerung an eine frühere Lebensphase.

Ein Satz wie „Ich vermisse ihn“ kann deshalb auch etwas von „Ich vermisse diese Zeit“ enthalten. Oder: „Ich vermisse, wie mein Leben damals war.“ Das macht die Erinnerung an den Menschen nicht unwahr. Es erklärt nur, warum Vermissen viel mehr umfassen kann als den Wunsch nach seiner Nähe.

Dabei muss eine vergangene Beziehung oder Freundschaft im Rückblick auch nicht vollständig schlecht werden, nur weil du sie beendet hast. Wenn ihr schöne Urlaube hattet, waren diese Urlaube schön. Wenn ihr viel miteinander gelacht habt, musst du das nicht nachträglich kleinreden. Wenn dieser Mensch dir einmal sehr nah war oder dir in bestimmten Zeiten viel bedeutet hat, gehört auch das zu eurer Geschichte.

Du kannst einen Menschen aus deinem Leben verabschieden, ohne sämtliche guten Erinnerungen gleich mit hinauswerfen zu müssen. Das Schöne anzuerkennen bedeutet nicht, die schwierigen Seiten zu vergessen. Umgekehrt werden die Gründe für deinen Abstand nicht weniger berechtigt, nur weil du dich an etwas Gutes erinnerst.

Solche Erinnerungen halten sich ohnehin nicht an einen Zeitplan. Du kannst monatelang kaum an jemanden denken und plötzlich läuft ein Lied, das ihr oft gehört habt. Du kommst an einem Restaurant vorbei, siehst einen Urlaubsort auf einem Foto oder hörst einen Satz, über den der andere genauso gelacht hätte wie du. Für einen Augenblick ist die gemeinsame Zeit wieder erstaunlich nah.

Dass du den Menschen in diesem Moment vermisst, muss nicht bedeuten, dass du mit der Vergangenheit noch nicht abgeschlossen hast. Erinnerungen verschwinden nicht, nur weil eine Verbindung beendet wurde. Ein Mensch kann lange nicht mehr zu deinem Alltag gehören und trotzdem Teil deiner Lebensgeschichte bleiben.

Schwieriger wird es oft dann, wenn aus dem Vermissen eine Frage entsteht: Wenn mir dieser Mensch noch fehlt, möchte ich ihn dann womöglich doch zurück?

Auch hier hilft es, nicht nur auf den einzelnen schönen Ausschnitt zu schauen. Du kannst die Gespräche mit jemandem vermissen und nicht die ständigen Konflikte. Du kannst seinen Humor vermissen und nicht die Art, wie er mit dir umgegangen ist. Du kannst die Nähe vermissen und trotzdem wissen, dass dir die Beziehung als Ganzes nicht mehr gutgetan hat. Du kannst sogar einen Menschen vermissen und dennoch froh darüber sein, dass er nicht mehr Teil deines Lebens ist.

Denn einen Menschen gibt es nicht in Einzelteilen. Du kannst nicht nur die Seite zurückholen, die du vermisst, und alles andere draußen lassen. Wenn du erneut Kontakt aufnimmst, kommt nicht nur der gemeinsame Humor zurück. Auch die Eigenschaften, Verhaltensweisen und Schwierigkeiten, die zu deinem Abstand geführt haben, gehören zu diesem Menschen und zu eurer Verbindung.

Deshalb ist Vermissen auch keine Aufforderung, etwas zu tun. Es ist zunächst ein Gefühl. Kontakt aufzunehmen dagegen ist eine Entscheidung.

Zwischen beidem darf Platz sein. Du kannst jemanden vermissen, ohne ihm zu schreiben. Du kannst Sehnsucht nach einem gemeinsamen Moment empfinden, ohne ihn wiederholen zu wollen. Du kannst traurig darüber sein, dass etwas vorbei ist, und gleichzeitig wissen, dass du es nicht zurückhaben möchtest.

Das gilt auch dann, wenn du nicht nur das gemeinsame Leben, sondern tatsächlich den Menschen vermisst. Du musst nicht gleichgültig gegenüber jemandem geworden sein, damit dein Wunsch nach Abstand Bestand haben kann.

Mit der Zeit kann sich auch verändern, was eine Erinnerung in dir auslöst. Ein bestimmter Ort, ein Lied oder ein gemeinsamer Witz kann dich noch Jahre später an jemanden erinnern, ohne dass daraus mehr entstehen muss als der Gedanke an eine Zeit, die einmal zu deinem Leben gehört hat.

Nicht alles, was einmal schön war, muss zurückkommen, um schön gewesen zu sein. Manches darf in guter Erinnerung bleiben, während an anderer Stelle längst Neues entstanden ist.




Wenn du diesem Nebeneinander aus Vermissen und Abstand noch auf eine andere, persönlichere Weise begegnen möchtest, findest du die Ambivalenz in „Ich bin dein Gefühl – Band III: Übergänge – Gefühle im Wandel“. Dort kommt die Ambivalenz selbst zu Wort und erzählt von dem Erleben, wenn unterschiedliche Gefühle und Richtungen gleichzeitig in uns vorhanden sind. Auf den anschließenden Reflexionsseiten kannst du deinen eigenen widersprüchlichen Empfindungen Raum geben und genauer hinsehen, was für dich nebeneinander bestehen darf. Ambivalenz ist dabei nur eines der Gefühle dieses Bandes: Neben ihr kommen unter anderem Stillstand, Wachsamkeit, Nervosität, Unruhe, Wandlung, Loslassen, Erleichterung, Wehmut, Nostalgie, Aufbruch, Staunen, Trost und Zufriedenheit selbst zu Wort und werden jeweils von Reflexionsseiten begleitet.

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