Warum vergleiche ich mich mit anderen?

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„Vergleich dich nicht mit anderen“ klingt nach einem guten Rat. Nur ist er im wirklichen Leben kaum umzusetzen – und eigentlich auch gar nicht nötig.

Menschen vergleichen sich. Wir schauen, wie andere etwas machen, was sie erreicht haben und wo wir selbst im Verhältnis dazu stehen. Das hilft uns, Dinge einzuordnen, für die es keinen eindeutigen Maßstab gibt. Ob ein Tisch 1,80 Meter lang ist, können wir nachmessen. Ob wir mit einem Projekt gut vorankommen, beruflich ungefähr dort stehen, wo wir stehen möchten, oder ein bestimmtes Ziel überhaupt realistisch ist, lässt sich wesentlich schwerer beurteilen.

Sich mit anderen zu vergleichen hilft uns zunächst einmal, uns zu orientieren.

Besonders deutlich wird das beim Blick auf Menschen, die in einem Bereich schon weiter sind als wir. In der Psychologie wird das als Aufwärtsvergleich bezeichnet.

Der kann sehr motivierend sein. Jemand hat etwas erreicht, das du selbst gern erreichen möchtest. Er hat ein Unternehmen aufgebaut, ein Studium abgeschlossen, sich beruflich verändert, ein Buch veröffentlicht, einen sportlichen Erfolg geschafft oder sich ein Leben aufgebaut, das in irgendeinem Punkt deiner eigenen Vorstellung nahekommt.

Dann kann der erste Gedanke ganz einfach sein: Das ist also möglich.

Und unmittelbar danach wird häufig eine zweite Frage interessant: Wie hat dieser Mensch das geschafft?

Beides gehört zum selben Vergleich. Du siehst ein Ergebnis, das dich anspricht, und schaust dir anschließend den Weg dorthin an. Welche Entscheidungen hat der andere getroffen? Was hat funktioniert? Wo gab es Umwege? Was würde er heute anders machen? Welche Voraussetzungen hatte er, und was davon lässt sich überhaupt auf dein eigenes Leben übertragen?

Gerade dabei können Menschen hilfreich sein, deren Ausgangslage deiner eigenen einigermaßen ähnelt. Wer gerade sein erstes Buch schreibt, kann aus dem Weg eines Autors, der sich in den vergangenen fünf Jahren eine Leserschaft aufgebaut hat, für den eigenen Alltag womöglich mehr mitnehmen als aus der Karriere eines weltberühmten Schriftstellers mit dreißig Jahren Vorsprung.

Du musst den Weg eines anderen deshalb nicht kopieren. Gerade beim Vergleichen kann ebenso deutlich werden, was überhaupt nicht zu dir passt. Der andere hat es auf diese Weise geschafft. Du würdest drei Dinge übernehmen, zwei verändern und den Rest ganz anders machen.

Auch das ist Lernen.

Ein Aufwärtsvergleich muss also keineswegs bedeuten: Der andere ist besser als ich. Er kann genauso gut heißen: Der andere ist an einem Punkt, der mich interessiert.

Menschen schauen allerdings nicht nur auf diejenigen, die weiter sind.

Es gibt auch den Abwärtsvergleich. Dabei vergleichen wir uns mit jemandem, der in einem bestimmten Bereich weniger weit ist als wir.

Das klingt schnell unsympathischer, als es sein muss. Du beobachtest jemanden, der gerade etwas lernt, das dir inzwischen leichtfällt, und erinnerst dich daran, wie schwer du dich selbst einmal damit getan hast. Oder du siehst eine Situation und merkst erst dadurch, dass du mit deiner eigenen inzwischen wesentlich besser zurechtkommst, als du dachtest.

Ein solcher Vergleich kann einem schlicht vor Augen führen, was man selbst inzwischen erreicht oder gelernt hat. Nicht: Zum Glück geht es dem schlechter als mir. Sondern eher: Stimmt. Ich habe mich in diesem Punkt tatsächlich weiterentwickelt.

Davon unterscheidet sich eine andere Form, die im Alltag mindestens genauso interessant ist: der Vergleich mit dem eigenen früheren Ich. Fachlich ist das kein sozialer, sondern ein zeitlicher Vergleich.

Hier steht kein anderer Mensch neben dir. Du schaust zurück.

Wo war ich vor fünf Jahren? Was wollte ich damals erreichen? Was konnte ich noch nicht? Welche Entscheidung hatte ich noch nicht getroffen?

Solche Rückblicke können überraschend sein, weil Erreichtes im Alltag sehr schnell selbstverständlich wird. Jahrelang möchtest du einen Abschluss schaffen – und kurz nachdem du ihn hast, beschäftigt dich längst der nächste Schritt. Du willst in eine schönere Wohnung ziehen, irgendwann wohnst du dort, und nach einer Weile ist sie einfach dein Zuhause. Du möchtest ein Buch schreiben, beruflich etwas verändern oder dir etwas Eigenes aufbauen. Sobald es gelungen ist, verschiebt sich der Blick wieder auf das, was als Nächstes fehlt.

Erst wenn wir weiter zurückschauen, merken wir, wie viel sich inzwischen verändert hat.

Der Vergleich mit dem eigenen früheren Leben kann deshalb etwas zeigen, das man im täglichen Vorwärtsgehen leicht übersieht: die Strecke, die längst hinter einem liegt.

Natürlich kann daraus auch die Frage entstehen, wo man in einigen Jahren stehen möchte. Dann verlassen wir den eigentlichen Vergleich allerdings schon ein Stück und sprechen eher über Ziele. Für unseren Blick hier reicht der Rückweg: Was war damals – und was ist daraus geworden?

All das kann hilfreich sein. Schwierig wird ein Vergleich dort, wo aus einem Unterschied ein Urteil über dich selbst wird.

Es ist zunächst nur eine Information, dass eine andere Person mehr verdient, beruflich weiter ist, ein größeres Haus besitzt oder etwas kann, was du noch nicht kannst.

Etwas anderes passiert, wenn daraus wird: Also bin ich erfolglos. Also habe ich zu wenig erreicht. Also stimmt mit mir etwas nicht.

Dann vergleichst du nicht mehr nur zwei Situationen. Du bewertest dich selbst anhand dieses Unterschieds.

Und gerade an diesem Punkt kann der Vergleich ziemlich unfair werden, weil wir von unserem eigenen Leben sehr viel mehr wissen als vom Leben anderer.

Von deinem eigenen Leben weißt du, welche Umwege du genommen hast, wo Geld oder Zeit fehlten, welche Entscheidungen nicht funktioniert haben und in welchen Phasen schlicht nichts voranging. Vom anderen siehst du womöglich nur das fertige Ergebnis.

Das neue Haus erzählt nicht, wie es finanziert wurde. Eine erfolgreiche Karriere zeigt nicht, welche Voraussetzungen oder Unterstützung dahinterstanden. Und ein veröffentlichtes Buch verrät nichts über die Entwürfe, die vorher verworfen wurden.

Das heißt nicht, dass hinter jedem sichtbaren Erfolg heimlich eine Katastrophe steckt. Es bedeutet nur: Wir wissen es nicht.

Jemand hatte womöglich andere Voraussetzungen: mehr Unterstützung, weniger Verpflichtungen, andere Kontakte oder schlicht Glück im richtigen Moment. Auch gescheiterte Versuche bleiben für Außenstehende oft unsichtbar.

Nichts davon schmälert den Erfolg des anderen. Aber es gehört zu einem fairen Vergleich dazu.

Besonders deutlich wird diese Schieflage in sozialen Medien. Das Vergleichen ist nicht neu. Neu ist, wie viele fremde Lebensausschnitte uns innerhalb weniger Minuten begegnen.

Wir sehen Wohnungen, Reisen, Karrieren, Beziehungen, Körper oder Projekte – meist in Momenten, die jemand gern zeigen möchte. Daran ist nichts verkehrt. Problematisch wird nur der Maßstab, wenn wir diese Auswahl mit unserem vollständigen Alltag vergleichen.

Wenn daraus irgendwann der Eindruck entsteht, alle anderen seien schöner, glücklicher, erfolgreicher und weiter, lohnt sich deshalb eine nüchterne Frage: Wie viel weiß ich eigentlich wirklich über das Leben, mit dem ich meines gerade vergleiche?

Ein Vergleich kann auch Neid auslösen, besonders wenn jemand genau das besitzt oder erreicht hat, was man selbst gern hätte. Auch darin kann eine Information stecken: Offenbar ist einem genau dieser Punkt besonders wichtig.

Wenn der Blick auf andere allerdings fast nur noch dazu führt, das eigene Leben kleiner zu machen, verliert der Vergleich seinen Nutzen. Denn für nahezu jeden Bereich lässt sich jemand finden, der weiter ist, mehr hat, früher angefangen hat oder etwas besser kann.

Vergleiche können zeigen, was möglich ist. Wir können von anderen lernen, uns anspornen lassen und erkennen, wie weit wir selbst schon gekommen sind. Schief werden sie dort, wo wir einen Ausschnitt für ein ganzes Leben halten oder aus einem Unterschied ableiten, was wir selbst wert sind.

Die Frage ist also nicht nur, wie wir uns vergleichen. Entscheidend ist, was wir aus dem Vergleich machen.




Wenn du merkst, dass Vergleiche dich eher klein machen als orientieren, kannst du in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“ noch weitergehen. Dort hat das Vergleichen ein eigenes Kapitel. Auf den anschließenden Reflexionsseiten geht es unter anderem darum, mit wem du dich häufig vergleichst, welche Maßstäbe du dabei anlegst und was sich verändert, wenn du den Blick wieder stärker auf deinen eigenen Weg richtest.

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