Warum schäme ich mich, wenn andere mich weinen sehen?

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Du merkst, wie deine Augen feucht werden. Noch versuchst du, die Tränen wegzublinzeln, schaust kurz zur Seite oder hoffst, dass niemand genauer hinsieht. Vielleicht verändert sich schon deine Stimme und du weißt: Gleich kann ich es nicht mehr verbergen.

Und fast gleichzeitig ist dieser Gedanke da: Hoffentlich sieht das niemand.

Dabei ist das Weinen selbst vielleicht gar nicht das, was dir in diesem Moment am meisten zu schaffen macht. Unangenehm wird plötzlich die Vorstellung, dass andere es bemerken.

Warum ist es mir eigentlich so unangenehm, wenn andere mich weinen sehen?

Oft beginnt in solchen Momenten sofort ein zweites Gespräch – eines, das nur im eigenen Kopf stattfindet.
Was denken die jetzt über mich?

Halten sie mich für schwach? Für überfordert? Für viel zu empfindlich? Finden sie meine Reaktion übertrieben? Wirke ich unprofessionell? Denken sie, ich hätte mich nicht im Griff?

Das Schwierige daran ist: Du weißt in diesem Moment gar nicht, was die anderen tatsächlich denken. Du kennst zunächst nur deine eigene Vorstellung davon.

Der Mensch gegenüber kann sich Sorgen machen. Er kann mitfühlen. Er kann unsicher sein und nicht wissen, ob er etwas sagen soll. Er kann deine Tränen völlig selbstverständlich finden. Vielleicht beschäftigt ihn etwas ganz anderes. Und ja, es kann auch Menschen geben, die abwertend reagieren oder mit sichtbaren Gefühlen schlecht umgehen können.

Aber die vermutete Bewertung eines anderen und seine tatsächlichen Gedanken sind nicht dasselbe.

Trotzdem kann allein die Vorstellung, wie man gerade wirken könnte, Scham auslösen. Nicht unbedingt, weil mit den Tränen selbst etwas nicht stimmt, sondern weil plötzlich ein Bild im Kopf entsteht, das man von sich vor anderen nicht zeigen möchte.

Schämst du dich gerade für deine Tränen – oder für das Bild, das andere jetzt von dir haben könnten?

Tränen haben außerdem eine Eigenschaft, die viele andere Gefühle nicht in dieser Deutlichkeit haben: Sie werden sichtbar.

Du kannst traurig sein, enttäuscht, wütend oder tief berührt, ohne dass jeder Mensch im Raum sofort erkennt, was in dir vorgeht. Sobald Tränen kommen, verändert sich das. Plötzlich können andere sehen, dass etwas passiert.

Damit kann auch Aufmerksamkeit entstehen, die du gar nicht möchtest.

Jemand schaut dich länger an. Jemand fragt: „Was ist los?“ Ein anderer legt dir die Hand auf den Arm. Vielleicht will jemand wissen, was passiert ist oder ob er etwas tun kann.

All das kann gut gemeint sein. Trotzdem möchtest du möglicherweise gerade überhaupt nicht darüber sprechen.

Du weißt selbst noch nicht genau, was dich so getroffen hat. Du möchtest den Grund nicht erzählen. Du möchtest erst einmal allein sein. Oder du willst schlicht nicht, dass ein persönlicher Moment plötzlich zum Mittelpunkt eines Gesprächs wird.

Manchmal ist deshalb nicht das Weinen selbst unangenehm, sondern die Aufmerksamkeit, die plötzlich darauf liegt.

Gerade wenn du normalerweise vieles mit dir selbst ausmachst, kann dieses Sichtbarwerden ungewohnt sein. Etwas, das eben noch dir allein gehörte, ist auf einmal auch für andere erkennbar.

Und dann kann noch etwas dazukommen: das eigene Bild von sich selbst.

Vielleicht kennst du dich als jemanden, der viel aushält. Du triffst Entscheidungen, regelst Dinge, funktionierst auch dann noch, wenn es anstrengend wird. Andere verlassen sich auf dich. Möglicherweise bist du oft der Mensch, der ruhig bleibt, Lösungen sucht oder für andere da ist.

Wenn ausgerechnet dir dann vor anderen die Tränen kommen, kann das irritieren.

So möchte ich gerade nicht gesehen werden.

Nicht unbedingt, weil du andere Menschen für schwach hältst, wenn sie weinen. Bei dir selbst gelten manchmal strengere Maßstäbe.

Du kannst einen weinenden Freund ansehen und keinen Augenblick daran zweifeln, dass er ein starker Mensch ist. Bei den eigenen Tränen fühlt sich dieselbe Situation plötzlich ganz anders an.

Dabei verändert eine Träne nicht das, was vorher da war.

Alles, was du getragen, entschieden, ausgehalten, geschafft oder für andere getan hast, verschwindet nicht in dem Moment, in dem du weinst.

Weinen nimmt einem Menschen nichts von seiner Stärke.

Dass es sich trotzdem anders anfühlen kann, hat manchmal damit zu tun, welche Vorstellungen über Weinen uns schon in der Kindheit mitgegeben wurden.

Es kann sein, dass du als Kind hingefallen bist, geweint hast und jemand zu dir sagte: „Ist doch gar nicht so schlimm.“
Vielleicht warst du traurig und hast gehört:
„Jetzt wein doch nicht schon wieder.“
Oder:
„Nun reiß dich mal zusammen.“
„Du bist doch schon groß.“
„Sei stark.“

Manchmal fiel vielleicht sogar ein Satz wie:
„Schäm dich.“

Nicht jeder hat solche Sätze gehört. Und manches davon war womöglich gar nicht verletzend gemeint. Trotzdem kann eine Botschaft anders bei dir angekommen sein, als sie gemeint war.

Denn was für einen anderen Menschen klein oder schnell vorbei erschien, konnte sich für dich damals sehr groß anfühlen. Das aufgeschürfte Knie tat weh. Der Streit mit einem Freund beschäftigte dich. Der Abschied am Kindergartentor konnte schwer sein. Deine Tränen hatten in diesem Moment einen Grund, auch wenn jemand anderes diesen Grund anders bewertet hat.

Wenn deine Tränen damals immer wieder gebremst, kleingeredet oder kommentiert wurden, kann daraus mit der Zeit die Vorstellung entstehen, dass Weinen etwas ist, das man besser nicht zeigt.

Später braucht es dafür vielleicht gar niemanden mehr, der sagt: „Reiß dich zusammen.“
Der Satz ist längst im eigenen Kopf angekommen.
Dann wischt du als Erwachsener deine Tränen weg und denkst womöglich selbst:
Das ist doch jetzt wirklich nicht so schlimm.

Warum reagiere ich denn so?
Ich sollte mich besser im Griff haben.

Und manchmal merken wir gar nicht mehr, woher dieser Maßstab eigentlich kommt.

Wer hat festgelegt, dass Lachen selbstverständlich sein soll, Tränen aber möglichst schnell verschwinden müssen?
Menschen lachen. Menschen werden wütend. Sie erschrecken, freuen sich, sind enttäuscht, gerührt oder traurig. Und Menschen weinen.

Tränen gehören genauso zu unserem emotionalen Ausdruck.

Sie können auftauchen, weil etwas weh tut. Weil ein Moment berührt. Weil die Anspannung groß war. Weil Worte fehlen. Weil etwas Schönes überwältigt. Manchmal kommen sie an einem Ort, an dem man lieber nicht geweint hätte. Manchmal vor einem Menschen, vor dem man sie eigentlich verbergen wollte.

Und nicht jede Träne braucht sofort eine Erklärung.

Du kannst lieber allein weinen. Du kannst vor einem Menschen weinen, dem du vertraust. Es kann dir mitten in einem Gespräch passieren. Keines davon sagt für sich genommen etwas darüber aus, wie stark, souverän oder belastbar du bist.

Weinen macht dich nicht weniger zu dem Menschen, der du vorher warst.

Wie hast du dich gefühlt, als andere dich das letzte Mal weinen gesehen haben?




Im Buch „Ich bin dein Gefühl – Band I: Ursprünge – Die Grundgefühle“ kommt unter anderem die Scham selbst zu Wort und erzählt, wie sie sich anfühlen kann, wie sie sich zeigt und warum sie nicht für jeden Menschen dasselbe bedeutet.

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