Du magst einen Menschen sehr. Normalerweise freust du dich über seine Nähe, seine Umarmungen oder darüber, wenn ihr abends eng nebeneinanderliegt. Und dann gibt es einen Moment, in dem du genau das nicht möchtest. Du willst nicht umarmt oder gestreichelt werden und möchtest einfach ein bisschen Platz für dich.
Das kann sich merkwürdig anfühlen, weil sich an deinen Gefühlen für diesen Menschen nichts geändert hat. Doch Zuneigung und das Bedürfnis nach körperlicher Nähe sind nicht dasselbe. Du kannst jemanden lieben, mögen oder dich ihm sehr verbunden fühlen und trotzdem gerade nicht berührt werden wollen. Das eine widerspricht dem anderen nicht.
Wie viel Nähe sich gut anfühlt, ist keine feste Größe. Es gibt Menschen, die grundsätzlich viel Körperkontakt mögen, und andere, die damit zurückhaltender sind. Aber auch beim selben Menschen kann sich das Bedürfnis verändern. An einem Abend möchtest du dich an deinen Partner kuscheln, am nächsten lieber auf deiner Seite des Bettes liegen und deinen Körper ganz für dich haben.
Dabei spielt auch eine Rolle, wie es dir gerade geht. Nach einem anstrengenden Tag, vielen Gesprächen, Terminen oder Eindrücken kann der Wunsch nach Ruhe größer sein als der Wunsch nach Nähe. Eine Umarmung, die sonst wohltuend wäre, kann sich dann wie etwas Zusätzliches anfühlen. Der andere möchte dir womöglich etwas Gutes tun oder dich trösten, doch in diesem Augenblick brauchst du eher Ruhe und Platz für dich.
Das ist nicht bei jedem Menschen gleich. Der eine möchte gerade dann gehalten werden, wenn der Tag schwierig war, der andere braucht erst einmal Abstand. Und auch beim selben Menschen kann sich das von einem Tag zum nächsten ändern.
Auch die Art der Berührung macht einen Unterschied. Eine kurze Umarmung ist etwas anderes als langes Kuscheln, Händchenhalten oder Streicheln. Es gibt Abende, an denen du gern mit einem Menschen im selben Bett liegst, aber trotzdem keinen Hautkontakt möchtest. Ebenso können Dauer und Intensität darüber entscheiden, wann sich Nähe schön anfühlt und wann sie dir zu viel wird.
Hinzu kommt, ob du die Nähe selbst suchst oder ob sie von außen kommt. Wenn du dich selbst an jemanden lehnst, bestimmst du den Moment und kannst dich auch wieder lösen. Eine überraschende Umarmung oder eine Berührung, mit der du gerade nicht gerechnet hast, kann sich anders anfühlen. Nicht wegen des anderen, sondern weil du die Nähe in diesem Moment nicht selbst gewählt hast.
Und nicht jeder Wunsch nach Abstand braucht eine besondere Erklärung. Es kann einfach guttun, den eigenen Körper eine Weile für sich zu haben. Nähe ist etwas Schönes, aber sie muss nicht ständig stattfinden, damit die Zuneigung zu einem Menschen echt ist.
Schwierig wird es häufig erst durch die Bedeutung, die wir dem Abstand geben. Aus einem „Ich möchte gerade nicht umarmt werden“ kann im Kopf schnell ein „Ich möchte dich nicht“ werden. Doch das sind zwei sehr unterschiedliche Aussagen. Ein momentanes Bedürfnis nach körperlichem Abstand sagt für sich genommen wenig darüber aus, wie wichtig uns ein Mensch ist.
Trotzdem gibt es in solchen Situationen zwei Seiten. Wer gerade Abstand braucht, möchte damit womöglich überhaupt nichts über die Beziehung sagen. Für den anderen kann es sich trotzdem wie eine Zurückweisung anfühlen. Er wollte Nähe geben, trösten oder Zuneigung zeigen und fragt sich nun, ob er etwas falsch gemacht hat oder ob sich zwischen beiden etwas verändert hat.
Es treffen zwei unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander. Der eine möchte gerade Nähe, der andere Ruhe. Keines davon ist deshalb falsch. Das Gefühl des Zurückgewiesenen darf ernst genommen werden, ohne dass daraus ein Anspruch auf die gewünschte Berührung entsteht.
Deshalb kann es viel verändern, den eigenen Wunsch auszusprechen. Ein schlichtes „Ich brauche gerade ein bisschen Platz, nimm es bitte nicht persönlich“ kann dem anderen helfen zu verstehen, was gemeint ist. Und wenn der andere das sagt, sollte ein Nein zur Berührung auch ein Nein bleiben dürfen. Niemand sollte erst eine ausführliche Erklärung liefern müssen, damit sein Wunsch nach Abstand respektiert wird.
In einer Freundschaft oder Partnerschaft werden Bedürfnisse nicht immer zur selben Zeit zusammenpassen. Nähe kann auch bedeuten, dem anderen den Abstand zu lassen, den er gerade braucht. Und oft verändert sich das Bedürfnis von selbst wieder, sobald Ruhe eingekehrt ist.
Wie nah du einem Menschen sein möchtest, kann sich verändern. Was du für ihn empfindest, muss sich deshalb noch lange nicht verändert haben.
Wann wolltest du selbst schon einmal nicht umarmt oder berührt werden, obwohl du den Menschen gernhattest? Konntest du sagen, dass du gerade etwas Abstand brauchst – und wie hat der andere darauf reagiert? Vielleicht kennst du auch die andere Seite: Du wolltest jemandem nah sein und hast gemerkt, dass deine Nähe gerade nicht erwünscht war. Konntest du das stehen lassen, ohne es als Ablehnung zu verstehen?
Wenn du Zärtlichkeit noch aus einer anderen Perspektive betrachten möchtest, begegnet sie dir in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort bekommt die Zärtlichkeit, neben anderen Gefühlen, ihre eigene Stimme und erzählt selbst von Nähe, Berührung und leisen Formen der Verbundenheit. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dich dazu ein, auf deine eigenen Erfahrungen zu schauen: darauf, wann sich Zärtlichkeit für dich gut anfühlt, wie du sie gibst und welche Form von Nähe zu dir passt.
