Warum habe ich das Gefühl, nirgendwo richtig dazuzugehören?

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Du kannst Menschen um dich haben, mit Kolleginnen und Kollegen gut auskommen, Freunde treffen, eingeladen werden und trotzdem dieses Gefühl kennen: Ich bin überall irgendwie dabei – aber nirgends wirklich angekommen. Niemand schließt dich bewusst aus. Du bist nicht allein. Und trotzdem fehlt etwas.

Sich nicht zugehörig zu fühlen bedeutet nicht automatisch, dass man tatsächlich außen steht. Man kann längst Teil einer Gruppe sein und innerlich trotzdem das Gefühl haben, nicht richtig hineinzupassen. Denn dazugehören heißt mehr, als anwesend zu sein oder offiziell Teil einer Gruppe zu sein. Es hat damit zu tun, sich verbunden, willkommen und selbstverständlich als Teil eines Miteinanders zu erleben.

Man kann zu einer Gruppe gehören und sich trotzdem nicht zugehörig fühlen.

Wie viel Zugehörigkeit jemand braucht und wie sie aussehen soll, ist allerdings sehr unterschiedlich. Für den einen ist eine feste Freundesgruppe wichtig, ein anderer fühlt sich mit zwei oder drei engen Menschen vollkommen verbunden. Manche erleben Zugehörigkeit über gemeinsame Interessen, über ihre Arbeit, einen Verein, ein gemeinsames Projekt oder Menschen, mit denen sie regelmäßig etwas teilen. Es muss nicht die eine Gruppe geben, in der alles zusammenkommt. Entscheidend ist eher, ob es irgendwo dieses Gefühl gibt: Hier fühle ich mich verbunden.

Ein Grund kann ganz einfach sein, dass die Menschen oder das Umfeld, in dem du dich bewegst, nicht besonders gut zu dir passen. Werte, Humor, Interessen, Lebensentwürfe oder die Art, miteinander umzugehen, können so unterschiedlich sein, dass zwar ein freundlicher Kontakt entsteht, aber wenig tiefere Verbundenheit. Das ist kein persönliches Defizit. Nicht jeder Mensch passt zu jeder Gruppe, und nicht aus jedem guten Kontakt muss ein Gefühl von Zugehörigkeit entstehen.

Es kann aber auch genau das Gegenteil passieren: Man versucht so sehr hineinzupassen, dass man irgendwann kaum noch merkt, wo die eigene Anpassung eigentlich beginnt.

Natürlich verhalten wir uns nicht überall gleich. Bei der Arbeit sprechen wir anders als mit einem engen Freund, bei einem Familienessen anders als in einer lockeren Runde. Rücksicht auf andere zu nehmen und sich auf eine Situation einzustellen gehört zum Zusammenleben. Schwierig wird es erst, wenn aus dieser normalen Anpassung ein ständiges Prüfen wird: Was sollte ich hier lieber nicht sagen? Welche Meinung kommt gut an? Wie müsste ich mich verhalten, damit die anderen mich mögen? Welche Seite von mir ist hier erwünscht?

Wer sich lange so bewegt, kann sich in vielen Gruppen zurechtfinden und sich trotzdem in keiner wirklich zu Hause fühlen. Denn die anderen lernen dann immer nur die Seite kennen, die gerade gut in die jeweilige Umgebung passt. Irgendwann kann daraus eine merkwürdige Frage entstehen: Alle kennen irgendeine Seite von mir – aber wo kann ich eigentlich einfach ich sein?

Auch Veränderungen im eigenen Leben können das Gefühl von Zugehörigkeit verschieben. Menschen entwickeln sich weiter. Interessen verändern sich, Prioritäten werden andere, Lebenswege gehen auseinander. Eine Freundschaft, die jahrelang selbstverständlich war, kann sich irgendwann anders anfühlen, ohne dass jemand etwas falsch gemacht hat.

Ein Umzug, eine neue Arbeit, eine Trennung, eine neue Lebensphase oder veränderte eigene Vorstellungen können dazu führen, dass vertraute Beziehungen an Nähe verlieren. Gleichzeitig ist noch nichts Neues entstanden. Diese Zwischenzeit kann sich erstaunlich fremd anfühlen.

Man kann aus etwas herausgewachsen sein, ohne schon zu wissen, wo man als Nächstes hingehört.

Und dann gibt es noch Erfahrungen, die man unbemerkt mitnimmt. Wer häufig erlebt hat, irgendwie anders zu sein oder in Gruppen nicht richtig Anschluss zu finden, geht nicht jedes Mal vollkommen unbelastet in eine neue Begegnung. Der Gedanke „Passe ich hier überhaupt hinein?“ kann schneller auftauchen. Kleine Unterschiede fallen früher auf, Zurückhaltung wird stärker bemerkt und man beginnt möglicherweise schon zu prüfen, ob es wieder so werden könnte wie früher.

Das macht die eigene Wahrnehmung nicht falsch. Frühere Erfahrungen können aber beeinflussen, worauf wir besonders achten und was wir von einer neuen Situation erwarten. Wer sich über längere Zeit immer wieder fremd oder nicht richtig zugehörig gefühlt hat, achtet in neuen Gruppen oft schneller darauf, ob er dort wirklich dazugehört.

Damit stellt sich allerdings noch eine andere Frage: Muss dazugehören eigentlich bedeuten, dass man sich anpasst?

Es gibt einen zugespitzten Gedanken dazu: „Nicht das schwarze Schaf ist anders, sondern die weißen sind alle gleich. Denn wer anders denkt, anders fühlt und den Mut hat, nicht der Masse zu folgen, wird fast immer zum Außenseiter gemacht.“

Als Bild trifft das etwas Wichtiges: Anders zu sein kann es schwieriger machen, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Als allgemeine Wahrheit wäre der Satz allerdings zu einfach. Nicht jeder, der anders denkt, wird zum Außenseiter. Und nicht jeder, der gern zu einer Gruppe gehört, passt sich deshalb blind an. Die spannendere Frage ist: Wie unterschiedlich können Menschen sein und sich trotzdem miteinander verbunden fühlen?

Eine gute Gruppe kann sehr viel geben. Sie kann Rückhalt schaffen, Sicherheit vermitteln, helfen, wenn etwas schwierig wird, und dieses angenehme Gefühl erzeugen, nicht alles allein tragen zu müssen. Ein gemeinsames „Wir“ kann Menschen stärken. Gerade deshalb ist Zugehörigkeit für viele so wichtig.

Dieses „Wir“ funktioniert aber nur dann wirklich gut, wenn darin auch Platz für ein „Ich“ bleibt. Wenn Zugehörigkeit davon abhängt, dass bestimmte Gedanken besser verschwiegen werden, eigene Wünsche ständig zurückstehen oder man sich immer wieder kleiner macht, um nicht aus dem Rahmen zu fallen, hat diese Zugehörigkeit einen Preis. Dann gehört man nach außen vielleicht eindeutig dazu und fühlt sich innerlich trotzdem fremd.

Dass Unterschiede Platz haben, bedeutet nicht, dass Rücksicht, Kompromisse und Grenzen unwichtig werden. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Rücksicht auf andere und dem Gefühl, sich ständig verändern zu müssen, damit der eigene Platz nicht gefährdet ist.

Dazuzugehören heißt deshalb nicht, genauso zu sein wie die anderen. Eine gute Gemeinschaft hält auch Unterschiede aus.

Wenn du das Gefühl hast, nirgendwo richtig dazuzugehören, hilft deshalb nicht unbedingt die Suche nach der einen perfekten Gruppe, die in jedem Punkt zu dir passt. Interessanter kann die Frage sein, welche Form von Zugehörigkeit dir überhaupt fehlt.

Suchst du wirklich eine feste Gruppe? Oder fehlen dir eher einzelne Menschen, bei denen du dich nicht erklären musst? Wünschst du dir mehr Verbindung über ein gemeinsames Interesse? Oder gibt es bereits Menschen in deinem Leben, bei denen du dich grundsätzlich wohlfühlst, aber noch vieles von dir zurückhältst?

Auch ein genauer Blick auf dein Umfeld kann helfen. Gibt es Umgebungen, in denen du dich immer wieder fehl am Platz fühlst, weil dir dort etwas Wesentliches fehlt? Oder entsteht ein Teil dieses Gefühls dadurch, dass du so sehr versuchst hineinzupassen, dass andere kaum Gelegenheit bekommen, dich wirklich kennenzulernen?

All diese Fragen laufen am Ende auf etwas sehr Persönliches hinaus:

Wie müsste Zugehörigkeit für mich aussehen, damit ich mich darin nicht selbst verliere?

Darauf muss keine große Antwort folgen. Es kann schon hilfreich sein zu bemerken, welche Menschen, Orte und Formen von Gemeinschaft dir wirklich guttun. Ob das eine feste Gruppe ist, einzelne Menschen, gemeinsame Interessen oder Gespräche, in denen du dich besonders wohlfühlst, kann ganz unterschiedlich sein. Oft wird dabei schon etwas klarer, was dir eigentlich gefehlt hat.




Wenn sich das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören, für dich auch wie Einsamkeit anfühlt, begegnet dir dieses Gefühl in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“ als eigene Stimme. Das Kapitel schaut auf fehlende Verbindung, das Gefühl, nicht gesehen oder verstanden zu werden, und die Sehnsucht nach Nähe und Echtheit. Die anschließenden Reflexionsseiten geben dir Raum, deine eigenen Erfahrungen und Bedürfnisse in Ruhe zu betrachten.

Passend zu diesem Thema

Der äußere Anlass ist vorbei, aber innerlich läuft der Tag noch ein Stück weiter. Gedanken springen zu dem, was morgen ansteht, zu einem Gespräch oder zu etwas, das du nicht vergessen möchtest.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Hier wird der Unterschied zwischen Neid und Missgunst wichtig. Neid kann bedeuten: Das möchte ich auch haben oder erreichen. Missgunst geht weiter: Du möchtest nicht nur selbst etwas haben, sondern wünschst dir zugleich, dass der andere seinen Vorteil nicht hätte.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Nur ist dieser Abstand nicht unbedingt Härte. Vieles von dem, was wir so nennen, sind eigentlich andere Fähigkeiten: unterscheiden, was zu dir gehört und was nicht, Nein sagen, eine eigene Meinung vertreten, etwas einfordern und bei einer Entscheidung bleiben. Dafür musst du nicht kälter oder gefühlloser werden.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Du bekommst zwei unterschiedliche Botschaften von demselben Menschen. Seine Worte sagen das eine, sein Verhalten vermittelt dir etwas anderes. Und irgendwann fragst du dich: Was davon stimmt denn nun?
Lesedauer: ca. 7 Minuten

Finde das Gefühl, das dich gerade beschäftigt

Suche direkt nach einem Gefühl oder öffne die Übersicht mit allen 79 Gefühlen.

Hier kannst du weiterlesen

Nur ist dieser Abstand nicht unbedingt Härte. Vieles von dem, was wir so nennen, sind eigentlich andere Fähigkeiten: unterscheiden, was zu dir gehört und was nicht, Nein sagen, eine eigene Meinung vertreten, etwas einfordern und bei einer Entscheidung bleiben. Dafür musst du nicht kälter oder gefühlloser werden.

Nur ist dieser Abstand nicht unbedingt Härte. Vieles von dem, was wir so nennen, sind eigentlich andere Fähigkeiten: unterscheiden, was zu dir gehört und was nicht, Nein sagen, eine eigene Meinung vertreten, etwas einfordern und bei einer Entscheidung bleiben. Dafür musst du nicht kälter oder gefühlloser werden.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Du bekommst zwei unterschiedliche Botschaften von demselben Menschen. Seine Worte sagen das eine, sein Verhalten vermittelt dir etwas anderes. Und irgendwann fragst du dich: Was davon stimmt denn nun?

Du bekommst zwei unterschiedliche Botschaften von demselben Menschen. Seine Worte sagen das eine, sein Verhalten vermittelt dir etwas anderes. Und irgendwann fragst du dich: Was davon stimmt denn nun?

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Es gibt diese Augenblicke, in denen eigentlich gar nichts Besonderes passiert. Du sitzt beim Frühstück, gehst eine vertraute Straße entlang, räumst in der Küche herum oder schaust aus dem Fenster. Und plötzlich merkst du: Mir geht es gerade richtig gut.

Es gibt diese Augenblicke, in denen eigentlich gar nichts Besonderes passiert. Du sitzt beim Frühstück, gehst eine vertraute Straße entlang, räumst in der Küche herum oder schaust aus dem Fenster. Und plötzlich merkst du: Mir geht es gerade richtig gut.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wenn es dir ohnehin schon schlecht geht, kann eine zweite Enttäuschung besonders wehtun: Ein Mensch, mit dem du fest gerechnet hast, ist nicht da. Er meldet sich kaum, fragt nicht nach, bietet keine Hilfe an oder zieht sich gerade dann zurück, wenn du Unterstützung gebraucht hättest.

Wenn es dir ohnehin schon schlecht geht, kann eine zweite Enttäuschung besonders wehtun: Ein Mensch, mit dem du fest gerechnet hast, ist nicht da. Er meldet sich kaum, fragt nicht nach, bietet keine Hilfe an oder zieht sich gerade dann zurück, wenn du Unterstützung gebraucht hättest.

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
Nach oben scrollen

Möchtest du neue Artikel nicht verpassen?

Wenn du über neue Beiträge, Bücher und Ratgeber von mir informiert werden möchtest, kannst du dich hier zu meinem Newsletter anmelden.