Während des Gesprächs hat es sich noch ganz selbstverständlich angefühlt. Ihr habt euch gut verstanden, seid von einem Thema zum nächsten gekommen, und irgendwann hast du etwas erzählt, das du normalerweise für dich behältst. Eine Erfahrung, einen Gedanken, eine Unsicherheit oder etwas aus deinem Privatleben. Der andere hat zugehört, das Gespräch ging weiter, und zunächst war alles in Ordnung.
Erst später kommt dieser eine Gedanke: Warum habe ich das eigentlich erzählt? Plötzlich gehst du das Gespräch noch einmal durch. War das zu persönlich? Hätte ich das lieber für mich behalten sollen? Obwohl der andere nichts getan hat, was dein Unbehagen erklären würde, fühlst du dich auf einmal verletzlich.
Das kann damit zusammenhängen, dass sich durch das Erzählen tatsächlich etwas verändert hat. Solange du etwas nur für dich weißt, entscheidest allein du darüber, wer davon erfährt. Jetzt kennt ein anderer Mensch diese Seite von dir, und du kannst deine Worte nicht zurückholen. Je persönlicher das Erzählte für dich ist, desto stärker kann sich dieser Unterschied anfühlen. Es ist etwas anderes, vom letzten Urlaub zu berichten, als über eine Erfahrung, einen Wunsch oder eine Unsicherheit zu sprechen, die nur wenige Menschen von dir kennen.
Dann beginnt leicht das Kopfkino: Was denkt der andere jetzt über mich? Sieht er mich anders? Wird er es jemandem erzählen? Dabei hilft eine einfache Unterscheidung: Was ist tatsächlich passiert, und was stellst du dir gerade vor? Wenn dein Gegenüber aufmerksam zugehört und respektvoll reagiert hat, weißt du zunächst nur das. Was dieser Mensch später über dich denken könnte, kannst du nicht wissen. Ein befürchtetes Urteil wird nicht dadurch wahr, dass du es dir sehr genau vorstellen kannst.
Anders sieht es aus, wenn es einen konkreten Grund für dein ungutes Gefühl gibt. Jemand macht eine abfällige Bemerkung, erzählt Vertrauliches weiter, zieht das Gesagte später ins Lächerliche oder verwendet es in einem Streit gegen dich. Dann geht es nicht nur um deine Unsicherheit nach einem offenen Gespräch. Du hast etwas darüber erfahren, wie dieser Mensch mit persönlichen Informationen umgeht.
Die Reaktion des anderen kann deshalb viel verändern. Persönliche Offenheit kann Nähe schaffen, wenn das, was du erzählst, respektvoll aufgenommen wird und der andere im Laufe des Gesprächs auch etwas von sich zeigt. Das bedeutet nicht, dass Offenheit ein Tauschgeschäft ist. Niemand schuldet dir ein eigenes Geheimnis, nur weil du etwas Persönliches erzählt hast. Wenn über längere Zeit allerdings immer nur einer sehr viel von sich preisgibt und über den anderen kaum etwas erfährt, kann sich das einseitig anfühlen.
Nähe bedeutet ohnehin nicht, dass du einem Menschen alles erzählen musst. Du kannst einem Freund sehr verbunden sein oder deinem Partner vertrauen und trotzdem Dinge für dich behalten. Privatsphäre ist nicht automatisch ein Zeichen für mangelndes Vertrauen. Deshalb darfst du selbst entscheiden, welche persönlichen Fragen du beantwortest und was nur dir gehört. Dabei kann eine Frage hilfreich sein: Möchte ich, dass genau dieser Mensch genau das über mich weiß?
Ganz sicher lässt sich das vorher nicht immer einschätzen. Vertrauen entsteht auch dadurch, dass Menschen nach und nach etwas voneinander erfahren und erleben, wie der andere damit umgeht. Würden wir erst etwas Persönliches erzählen, wenn jedes Risiko ausgeschlossen wäre, könnten viele vertraute Gespräche gar nicht entstehen.
Wenn du nach einem solchen Gespräch denkst, du hättest zu viel erzählt, lohnt sich deshalb ein genauerer Blick. Bereust du den Inhalt wirklich? Hat dein Gegenüber etwas getan, das dein Vertrauen infrage stellt? Oder fühlt es sich nur deshalb so groß an, weil diese Art von Offenheit für dich ungewohnt ist? Gerade wenn du sonst wenig aus deinem Privatleben erzählst, kann eine Information für dich sehr persönlich sein, die ein anderer ganz selbstverständlich teilen würde. Entscheidend ist, wo deine eigene Grenze liegt.
Und wenn du tatsächlich zu dem Schluss kommst: Das hätte ich lieber nicht erzählt, kannst du das Gesagte trotzdem nicht zurücknehmen. Du kannst daraus mitnehmen, bei diesem Menschen oder bei diesem Thema künftig zurückhaltender zu sein. Was du nicht tun musst, ist aus jeder denkbaren Reaktion des anderen eine Tatsache zu machen. Solange du nicht weißt, was er denkt, weißt du es eben nicht.
Persönliches zu erzählen kann guttun und gleichzeitig verletzlich machen. Du kannst dich einem Menschen näher fühlen und trotzdem merken, dass du gerade etwas von dir gezeigt hast, das sonst privat bleibt. Beides kann nebeneinander bestehen. Du entscheidest, wie viel du von dir erzählen möchtest, und darfst darauf achten, wie der andere damit umgeht. Mit der Zeit zeigt sich oft gerade daran, wem du auch die persönlicheren Seiten von dir anvertrauen möchtest – und was weiterhin nur dir gehört.
Kennst du den Moment nach einem persönlichen Gespräch, in dem du plötzlich denkst: Warum habe ich das eigentlich erzählt? Was genau macht dich dann unsicher? Und erinnerst du dich daran, wie du selbst reagiert hast, als jemand anderes dir etwas anvertraute?
Wenn du Verletzlichkeit noch etwas näher kennenlernen möchtest, findest du dieses Gefühl auch in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort kommt Verletzlichkeit, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort und erzählt aus ihrer eigenen Perspektive, wie sie sich zeigen kann. Auf den anschließenden Reflexionsseiten kannst du deine eigenen Erfahrungen in Ruhe betrachten und für dich festhalten, wann du dich verletzlich fühlst und was dir in solchen Momenten wichtig ist.
