Du kommst morgens zur Arbeit und erfährst, dass ein Ablauf geändert wurde, mit dem du jeden Tag zu tun hast. Die Entscheidung ist längst gefallen. Niemand hat dich vorher gefragt, obwohl du mit den Folgen arbeiten musst. Oder jemand in deinem privaten Umfeld hat etwas beschlossen, das auch deinen Alltag betrifft, und teilt dir anschließend nur noch mit, wie es künftig laufen soll.
Solche Situationen können einiges auslösen. Du bist verärgert, fühlst dich übergangen oder merkst, wie sich Widerstand in dir regt. Dahinter kann Ohnmacht stecken: Etwas betrifft dich unmittelbar, aber du hattest keinen Einfluss darauf. Dabei muss die Entscheidung nicht einmal schlecht sein. Sie kann vernünftig, notwendig oder am Ende sogar genau die Lösung sein, für die du selbst gestimmt hättest. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob du vorher etwas dazu sagen konntest oder erst davon erfährst, als alles entschieden ist.
Wir möchten mit unserem Handeln etwas bewirken können. Das bedeutet nicht, dass wir überall bestimmen wollen. Wenn eine Entscheidung Folgen für uns hat, spielt jedoch auch eine Rolle, ob unsere Sicht überhaupt gefragt ist. Fehlt diese Möglichkeit, kann sich das machtlos anfühlen. Nicht nur das Ergebnis zählt, sondern auch der Weg dorthin.
Mitreden und Entscheiden sind dabei zwei verschiedene Dinge. In vielen Situationen liegt die endgültige Entscheidung tatsächlich bei jemand anderem. Trotzdem kann es einen Unterschied machen, ob du vorher angehört wirst. Du kannst deine Sicht erklären, einen Einwand vorbringen und anschließend akzeptieren, dass jemand anders entscheidet. Du hast dann nicht deinen Willen bekommen, warst an der Sache aber zumindest beteiligt.
Besonders schwierig kann es werden, wenn du dich mit einer Sache gut auskennst und deine Erfahrung trotzdem keine Rolle spielt. Gerade im Beruf treffen unterschiedliche Rollen aufeinander: Eine Person darf entscheiden, eine andere arbeitet täglich mit den Abläufen, Geräten, Kunden oder Programmen, um die es geht. Wer entscheiden darf, kennt deshalb nicht automatisch jedes praktische Detail. Umgekehrt gibt praktische Erfahrung einem nicht automatisch das Recht, selbst zu entscheiden. Ärgerlich wird es vor allem dann, wenn vorhandenes Wissen gar nicht erst einbezogen wird.
Noch stärker kann das Gefühl werden, wenn du ein Problem kommen siehst. Du hast Bedenken genannt, auf eine Schwierigkeit hingewiesen oder einen anderen Vorschlag gemacht. Die Entscheidung fällt trotzdem anders. Etwas vorhersehen zu können bedeutet eben nicht, es verhindern zu können. Zur Ohnmacht kann dann Wut kommen, besonders wenn du anschließend mit den Schwierigkeiten umgehen musst, auf die du vorher hingewiesen hast. Wird die Entscheidung zusätzlich als unfair erlebt, kann sich dieser Ärger noch verstärken.
Wenn so etwas nicht nur einmal passiert, kann sich auch das eigene Verhalten verändern. Wer wiederholt erlebt, dass Hinweise, Ideen oder Einwände nichts bewirken, fragt sich irgendwann, warum er weiterhin so viel Energie hineinstecken soll. Dann werden weniger Vorschläge gemacht, nicht mehr auf jedes Problem hingewiesen oder nur noch die Aufgaben erledigt, die vorgegeben sind. Das muss nicht bedeuten, dass einem die Sache plötzlich egal ist. Es kann auch damit zusammenhängen, dass das eigene Engagement bisher kaum etwas verändert hat.
Ein solcher Rückzug kann aus Resignation entstehen. Er kann aber ebenso eine bewusste Grenze sein. Du hast gesagt, was du für wichtig hältst, und erkennst an, dass die endgültige Entscheidung nicht bei dir liegt. Dann kann ein nüchterner Gedanke entlasten: Ich habe meinen Teil beigetragen. Entscheiden wollte jemand anderes, also liegt auch die Verantwortung für diese Entscheidung nicht allein bei mir.
Das heißt nicht, dass du alles hinnehmen musst. Je nach Situation kannst du nachfragen, einen Einwand klar formulieren oder darum bitten, bei einer ähnlichen Entscheidung künftig früher einbezogen zu werden. Es gibt aber auch Entscheidungen, die tatsächlich nicht in deiner Hand liegen. Dann kann es sinnvoll sein, nicht endlos gegen etwas anzukämpfen, das du nach deinem eigenen Beitrag nicht mehr beeinflussen kannst.
Dass es dich trifft, wenn jemand über deinen Kopf hinweg entscheidet, heißt deshalb nicht einfach, dass du deinen Willen durchsetzen möchtest. Oft geht es um etwas Grundsätzlicheres: Du möchtest bei einer Sache, die dich betrifft, nicht vollkommen wirkungslos sein. Es macht einen Unterschied, ob deine Sicht gehört und anschließend anders entschieden wird oder ob sie überhaupt nicht gefragt ist.
Nicht jede Entscheidung lässt sich ändern, und nicht jede gehört in deine Hände. Aber du kannst unterscheiden, was du beitragen konntest, was du versucht hast und was am Ende jemand anderes entschieden hat. Diese Grenze ändert die Entscheidung nicht. Sie kann dir aber helfen, nicht auch noch die Verantwortung für etwas zu übernehmen, das nicht deine Entscheidung war.
Denk einmal an eine Entscheidung zurück, bei der du dich übergangen gefühlt hast. Was hat dich daran am meisten gestört: das Ergebnis selbst oder dass du vorher überhaupt keinen Einfluss darauf hattest? Und hätte es für dich einen Unterschied gemacht, wenn deine Sicht zumindest angehört worden wäre?
Wenn du dem Gefühl Ohnmacht noch einmal auf eine andere Weise begegnen möchtest, findest du es auch in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort kommt Ohnmacht, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort und beschreibt aus ihrer eigenen Sicht, wie sie sich zeigen kann. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dich dazu ein, bei deinen eigenen Erfahrungen zu bleiben und festzuhalten, wann du dich machtlos fühlst und was dir in solchen Situationen wichtig ist.
