Warum fühle ich mich hilflos, wenn es einem Menschen schlecht geht, der mir wichtig ist?

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Es ist schwer mitanzusehen, wenn es einem Menschen schlecht geht, der dir wichtig ist. Du siehst seine Sorgen, seine Angst, seine Traurigkeit oder seine Schmerzen. Du möchtest helfen, etwas leichter machen, eine Lösung finden. Und irgendwann stößt du auf den Punkt, an dem du merkst: Ich kann das, was gerade passiert, nicht für diesen Menschen ändern.

Genau dort kann Hilflosigkeit entstehen.

Besonders schwer kann sie sich anfühlen, wenn du sonst gewohnt bist, Probleme anzupacken. Wenn jemand Hilfe braucht, überlegst du, was du tun kannst. Du kümmerst dich, organisierst etwas, suchst nach Informationen oder findest eine praktische Lösung. Vieles im Alltag funktioniert auf diese Weise.

Aber nicht jedes Problem lässt sich lösen. Eine schwere Krankheit verschwindet nicht, weil du dich noch mehr anstrengst. Einen Verlust kannst du nicht rückgängig machen. Eine Entscheidung, die ein anderer Mensch treffen muss, kannst du ihm nicht abnehmen. Und auch Sorgen, Ängste oder eine schwierige Lebenssituation lassen sich nicht einfach aus dem Leben eines anderen entfernen.

Je wichtiger dir dieser Mensch ist, desto schwerer kann es sein, die Grenze deines eigenen Einflusses auszuhalten. Denn dein Wunsch zu helfen ist ja nicht plötzlich verschwunden, nur weil du das eigentliche Problem nicht lösen kannst. Im Gegenteil: Gerade weil du mitfühlst und dir wünschst, dass es dem anderen besser geht, kann sich diese Grenze besonders schmerzhaft anfühlen.

Hilflosigkeit bedeutet dabei nicht unbedingt, dass du tatsächlich nichts tun kannst. Oft bedeutet sie eher: Das, was ich am liebsten tun würde, kann ich nicht. Ich kann die Krankheit nicht wegnehmen. Ich kann die Situation nicht rückgängig machen. Ich kann nicht dafür sorgen, dass dieser Mensch keine Angst mehr hat oder nicht mehr traurig ist.

Und wenn das Eigentliche nicht möglich ist, fangen wir leicht an, an anderer Stelle immer mehr zu tun.

Du recherchierst stundenlang, suchst nach einer weiteren Möglichkeit, rufst an, fragst nach, organisierst, übernimmst Aufgaben, machst Vorschläge oder versuchst, den anderen aufzumuntern. Du möchtest wenigstens irgendetwas beitragen. Das kann sehr hilfreich sein. Es kann aber auch ein Punkt kommen, an dem das viele Tun nicht mehr nur mit dem zusammenhängt, was der andere braucht. Es hilft dann auch dir selbst, nicht einfach dasitzen und deine Hilflosigkeit spüren zu müssen.

Das ist kein Vorwurf. Hinter all dem können Liebe, Sorge und der aufrichtige Wunsch stehen, einem wichtigen Menschen beizustehen. Trotzdem lohnt es sich, irgendwann nicht nur darauf zu schauen, wie sehr du helfen möchtest, sondern auch darauf, wie deine Hilfe beim anderen ankommt.

Denn der Mensch auf der anderen Seite trägt bereits etwas.

Er ist krank, hat ein Problem, steht vor einer schwierigen Entscheidung, trauert oder muss mit etwas leben, das er selbst erst einmal begreifen und aushalten muss. Wenn nun die Menschen um ihn herum verzweifelt sind, ununterbrochen nach Lösungen suchen oder immer wieder wissen möchten, wie es ihm geht, kann zu seiner eigenen Belastung noch eine weitere hinzukommen.

Dann passiert mitunter etwas Merkwürdiges: Derjenige, der eigentlich Trost und Unterstützung gebrauchen könnte, beginnt, die anderen zu trösten. Er sagt, dass alles schon irgendwie gehen wird, weil er merkt, wie große Angst sein Gegenüber hat. Er spricht bestimmte Gedanken nicht aus, weil er weiß, wie traurig sie den anderen machen würden. Oder er nimmt Hilfe an, die er eigentlich gar nicht möchte, weil er spürt, wie wichtig es seinem Gegenüber ist, etwas tun zu können.

So kann ein Kreislauf entstehen: Ich leide. Du leidest, weil ich leide. Und ich leide zusätzlich, weil ich sehe, wie sehr du wegen mir leidest.

Die Hilflosigkeit des einen wird dann ungewollt zu einer zusätzlichen Aufgabe für den anderen. Nicht weil jemand etwas falsch machen möchte. Sondern weil zwei Menschen betroffen sind, die einander wichtig sind und deshalb kaum unberührt voneinander bleiben können.

Gerade deshalb kann eine einfache Frage hilfreicher sein als der nächste gut gemeinte Vorschlag:

Ich kann dir das, was gerade passiert, nicht abnehmen. Aber was kann ich tun, damit ich dir auf eine Weise zur Seite stehe, die dir wirklich guttut?

Die Antwort darauf muss nicht groß sein. Der andere möchte möglicherweise, dass du ihn zu einem Termin begleitest. Dass du einkaufst, etwas kochst oder dich um eine praktische Sache kümmerst. Er möchte reden oder einfach jemanden neben sich haben. Er möchte mit dir einen ganz normalen Nachmittag verbringen und ausnahmsweise über etwas völlig anderes sprechen.

Und die Antwort kann auch lauten: Im Moment nichts. Ich möchte meine Ruhe. Ich möchte allein sein. Ich möchte darüber gerade nicht sprechen.

Gerade diese Antworten können schwer auszuhalten sein, wenn du ohnehin das Gefühl hast, zu wenig tun zu können. Du hast dich vielleicht innerlich darauf eingestellt, alles zu geben, was gebraucht wird – und nun besteht das, was der andere von dir möchte, ausgerechnet darin, einen Schritt zurückzugehen.

Auch das kann eine Form von Hilfe sein.

Zu fragen, was jemand braucht, hat nur dann einen Sinn, wenn wir auch bereit sind, seine Antwort anzunehmen. Sonst fragen wir nicht wirklich nach seinem Bedürfnis, sondern hoffen insgeheim auf eine Aufgabe, die unsere eigene Hilflosigkeit etwas kleiner macht.

Das gilt auch für Gespräche. Große Nähe bedeutet nicht automatisch, dass du für jedes Gespräch die richtige Person sein musst. Ein Mensch kann dir vollkommen vertrauen und bestimmte Gedanken trotzdem lieber mit jemand anderem besprechen. Gerade wenn eine Situation euch beide unmittelbar betrifft, kann ein Gespräch mit jemandem, der etwas mehr Abstand hat, leichter sein.

Für den nahestehenden Menschen kann das wehtun. Dann kann schnell der Gedanke kommen: Du kannst doch mit mir über alles reden. Ich bin doch für dich da. Warum willst du ausgerechnet darüber nicht mit mir sprechen?

Doch ein Gespräch mit einer anderen Person muss nichts darüber aussagen, wie eng eure Beziehung ist. Es kann schlicht bedeuten, dass dein Gegenüber dort etwas aussprechen kann, ohne gleichzeitig beobachten zu müssen, was seine Worte mit dir machen. Er muss niemanden beruhigen, keine Tränen auffangen und sich keine Gedanken darüber machen, ob er dir gerade zu viel zumutet.

Das zu akzeptieren kann ein Teil des Begleitens sein. Nicht weil es dir gleichgültig sein soll. Sondern weil die Wünsche des Menschen, um den es geht, nicht immer mit dem übereinstimmen werden, was du dir für ihn oder für eure Beziehung wünschen würdest.

Gleichzeitig musst auch du mit deiner Sorge und Hilflosigkeit nicht allein bleiben.

Wenn dich die Situation sehr beschäftigt, kann es guttun, mit jemandem darüber zu sprechen, der nicht selbst so unmittelbar davon betroffen ist. Das kann ein vertrauter Mensch sein, jemand aus der Familie, eine Beratungsstelle, eine Selbsthilfegruppe oder bei starker Belastung auch professionelle Unterstützung. Du brauchst möglicherweise einen eigenen Ort für das, was die Situation mit dir macht.

Denn ihr tragt nicht dasselbe, auch wenn ihr beide betroffen seid.

Der Mensch, dem es schlecht geht, trägt seine Krankheit, seinen Verlust, seine Sorge oder sein Problem. Du trägst die Erfahrung, einen wichtigen Menschen leiden zu sehen und nicht so helfen zu können, wie du es dir wünschen würdest. Beides kann schwer zu tragen sein. Aber es sind unterschiedliche Belastungen, und deshalb müssen sie auch nicht ausschließlich zwischen euch beiden aufgefangen werden.

Das kann sogar etwas Druck aus eurer Beziehung nehmen. Der andere muss nicht deine ganze Verzweiflung tragen. Und du musst nicht versuchen, allein die Person zu sein, die alles auffängt, löst und aushält.

An diesem Punkt bekommt Akzeptanz eine andere Bedeutung. Sie heißt nicht, dass du gut finden musst, was geschieht. Sie bedeutet auch nicht, dass du aufgibst oder dich nicht mehr kümmerst.

Akzeptanz kann heißen: Ich erkenne an, was ich nicht verändern kann. Und ich respektiere, was der andere von mir möchte – auch wenn ich mir für ihn oder für unsere Beziehung etwas anderes wünschen würde.

Vielleicht ist genau das so schwierig an Hilflosigkeit. Der Wunsch zu helfen bleibt bestehen, obwohl die Möglichkeit, etwas zu lösen, begrenzt ist. Man muss einen anderen Weg finden, mit diesem Wunsch umzugehen.

Denn Helfen und Lösen sind nicht dasselbe.

Du kannst eine Krankheit nicht heilen und trotzdem zu einem Termin mitkommen. Du kannst einen Verlust nicht rückgängig machen und trotzdem zuhören. Du kannst einem Menschen seine Angst nicht nehmen und trotzdem bei ihm bleiben. Und du kannst respektieren, dass er gerade allein sein möchte, obwohl du ihn am liebsten nicht allein lassen würdest.

Manches davon fühlt sich möglicherweise viel kleiner an als das, was du eigentlich gern tun würdest. Für den anderen kann genau darin aber die Hilfe liegen.

Nicht darin, dass du verzweifelt nach etwas suchst, das du noch tun könntest. Sondern darin, dass du ihm zutraust, selbst zu sagen, was er von dir braucht – und dass du seine Antwort ernst nimmst und respektierst.

Wenn du also merkst, wie sehr dich deine Hilflosigkeit antreibt, musst du nicht sofort die nächste Lösung finden. Du kannst auch zu dem Menschen gehen, der dir wichtig ist, und ihn fragen:

Was brauchst du von mir, während du etwas durchmachen musst, das ich dir nicht abnehmen kann?




Wenn du deiner eigenen Hilflosigkeit noch ein Stück näherkommen möchtest, findest du sie in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort spricht die Hilflosigkeit ab Seite 136 selbst und beschreibt, wie es sich anfühlen kann, wenn Lösungen fehlen und der eigene Einfluss an eine Grenze kommt. Auf den anschließenden Reflexionsseiten kannst du bei dir selbst weiterdenken: Wann fühlst du dich machtlos, was löst dieses Gefühl aus, was hilft dir wieder Boden zu spüren und wie leicht oder schwer fällt es dir, Unterstützung anzunehmen? Gerade nach einem Artikel, in dem es um einen anderen Menschen geht, kann diese ruhige Rückkehr zu dir selbst eine passende Vertiefung sein.

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