Warum fällt es mir schwer, stolz auf mich zu sein?

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Du hast etwas geschafft, das dir wichtig war. Eine schwierige Aufgabe erledigt, ein Projekt erfolgreich abgeschlossen, eine Prüfung bestanden oder ein Problem gelöst, bei dem du anfangs nicht einmal wusstest, wie du es angehen sollst. Andere sehen, was du geleistet hast, und sagen dir womöglich sogar: „Darauf kannst du wirklich stolz sein.“

Und du antwortest: „Ach, so besonders war das gar nicht.“ Oder du denkst sofort daran, wer dir geholfen hat, wie viel Glück du hattest und was noch besser hätte laufen können. Das Lob freut dich, aber selbst stolz auf dich zu sein, fällt dir trotzdem schwer.

Es kann erstaunlich schwer sein, die eigene Leistung genauso anzuerkennen, wie man es bei anderen ganz selbstverständlich tun würde. Wenn ein Freund von etwas erzählt, das ihn viel Zeit, Kraft oder Überwindung gekostet hat, sehen wir oft ziemlich klar, was er geleistet hat. Bei uns selbst finden wir dagegen schnell Gründe, warum es eigentlich gar nicht so bemerkenswert war.

Vieles, was wir gut können oder regelmäßig machen, wird für uns irgendwann selbstverständlich. Eine Aufgabe, die uns früher noch viel Mühe gekostet hätte, erledigen wir heute routiniert. Wir organisieren, kümmern uns, lösen Probleme und machen weiter. Was funktioniert, bekommt häufig wenig Aufmerksamkeit. Es hat ja funktioniert.

Wer viel von sich erwartet, legt auch bei der eigenen Leistung oft einen hohen Maßstab an. Wenn etwas gelingt, war es eben das, was du ohnehin von dir erwartet hast. Wenn etwas schiefläuft, fällt es dagegen sofort auf. Was gut läuft, wird dann schnell abgehakt. Was nicht funktioniert, beschäftigt einen dagegen noch lange.

Auch wie du dir einen Erfolg erklärst, spielt eine Rolle. Du hattest womöglich Glück, die richtigen Menschen an deiner Seite oder jemanden, der dir geholfen und einen Teil der Arbeit übernommen hat. Das ändert aber nichts an dem, was du selbst dazu beigetragen hast.

Bei gemeinsamen Erfolgen gehört oft beides zusammen. Man kann wissen, dass man etwas ohne die anderen nicht geschafft hätte, und trotzdem sehen, was man selbst dazu beigetragen hat. Vielleicht hast du organisiert, eine Idee entwickelt, Verantwortung übernommen, dich vorbereitet, durchgehalten oder an einer Stelle weitergemacht, an der es schwierig wurde. Andere Menschen anzuerkennen und sich über ihre Unterstützung zu freuen, nimmt der eigenen Leistung nichts weg.

Noch schwerer kann es werden, stolz auf sich zu sein, wenn der Blick sofort zu anderen wandert. Du hast etwas geschafft und siehst jemanden, der scheinbar noch viel weiter ist. Plötzlich wirkt das eigene Ergebnis kleiner. Dabei hat sich an dem, was du geleistet hast, überhaupt nichts geändert. Nur der Maßstab ist ein anderer geworden.

Manche halten sich auch mit ihrem Stolz zurück, weil sie nicht eingebildet wirken möchten. Schließlich möchte kaum jemand sich selbst zu wichtig nehmen oder anderen das Gefühl geben, etwas Besseres zu sein. Bescheiden zu sein heißt aber nicht, die eigene Leistung kleinreden zu müssen.

Du kannst sagen: „Das habe ich wirklich gut gemacht“, ohne damit zu sagen: „Ich kann das besser als alle anderen.“ Du kannst dich über deinen eigenen Erfolg freuen und dich gleichzeitig ehrlich über den Erfolg eines anderen freuen. Und du kannst stolz auf deinen Beitrag zu etwas sein, obwohl du weißt, dass du es nicht allein geschafft hast.

Auf sich selbst stolz zu sein kann etwas ganz Stilles sein. Es braucht kein Publikum und keine große Ansage. Oft ist es einfach dieser Moment, in dem man merkt: Das ist mir gelungen. Und ich selbst habe etwas dazu beigetragen.

Stolz muss auch nicht genau in dem Moment entstehen, in dem du etwas geschafft hast. Wenn du mitten in einer schwierigen Aufgabe steckst, hast du oft ganz andere Dinge im Kopf. Du überlegst, was als Nächstes zu tun ist, löst ein Problem nach dem anderen und änderst deinen Plan, wenn etwas nicht funktioniert.

Wenn es schließlich geschafft ist, kommt zunächst die Erleichterung oder Freude. Erst später wird dir oft bewusst, was du dafür eigentlich alles gemacht und geleistet hast. Dann erinnerst du dich daran, wie unsicher du am Anfang warst, wie viel du lernen musstest oder wie viele einzelne Schritte nötig waren. Und irgendwann denkst du zurück und fragst dich: Wie habe ich das eigentlich alles hingekriegt?

Im Rückblick siehst du vieles, was dir mittendrin gar nicht aufgefallen ist. Nicht nur das Ergebnis zählt, sondern auch der Weg dorthin. Dass du eine Lösung gefunden hast, obwohl du sie vorher noch nicht kanntest. Dass du dir etwas beigebracht hast. Dass du drangeblieben bist. Dass du dich gut organisiert oder eine schwierige Entscheidung getroffen hast. Darauf kannst du auch Jahre später noch stolz sein.

Dieser Stolz kann dir auch für das, was danach kommt, etwas geben. Untersuchungen aus der Psychologie zeigen, dass Stolz mit Motivation und Ausdauer zusammenhängen kann. Wenn du siehst, was du schon geschafft hast, weißt du auch ein Stück mehr darüber, was du dir zutrauen kannst. Das kann dir bei der nächsten Herausforderung helfen, wieder an die eigenen Fähigkeiten zu glauben.

Auch die Anerkennung anderer kann dich darin bestärken. Es tut gut, wenn ein Mensch, dessen Meinung dir wichtig ist, sieht, was du geleistet hast. Ein ehrliches „Das hast du gut gemacht“ kann bestärken und anspornen. Gerade als Kinder lernen wir auch durch solche Rückmeldungen, unsere eigenen Fortschritte wahrzunehmen.

Auch als Erwachsene tut uns solche Anerkennung gut. Trotzdem sollte sie nicht der einzige Grund sein, auf die eigene Leistung stolz zu sein. Vieles von dem, was dich Kraft oder Überwindung kostet, bekommt schließlich niemand mit. Niemand weiß, wie schwierig eine Aufgabe für dich war, wie viel Überwindung eine Entscheidung gekostet hat oder wie lange du gebraucht hast, um etwas hinzubekommen.

Gerade dann ist es wichtig, dass du selbst siehst, was du geschafft hast.

Dabei muss es gar nicht um die großen Stationen im Leben gehen. Natürlich kannst du stolz darauf sein, eine Ausbildung abgeschlossen, beruflich etwas erreicht oder ein großes Projekt bewältigt zu haben. Du kannst aber genauso auf die kleinen Dinge stolz sein, die dir im Alltag gelingen.

Du hast alles erledigt, was du dir für den Tag vorgenommen hattest. Du warst einkaufen, hast einen Termin wahrgenommen, einen längst fälligen Anruf erledigt oder dich endlich um etwas gekümmert, das schon eine ganze Weile auf deiner Liste stand. Du hast etwas repariert, obwohl du zuerst nicht wusstest, wie es geht, dich an eine Aufgabe gesetzt, vor der du dich lange gedrückt hast, oder einfach einen vollen Tag gut organisiert bekommen. Das sind keine großen Lebensereignisse. Trotzdem kannst du abends auf deinen Tag schauen und stolz darauf sein, was du alles geschafft hast.

Denn nicht jede Leistung lässt sich daran messen, wie beeindruckend sie von außen aussieht. Es macht einen Unterschied, ob etwas leicht von der Hand ging oder ob du dafür Mut, Geduld, Disziplin, Zeit oder Überwindung gebraucht hast.

Wenn du solche Erfolge immer sofort abhakst, nimmst du kaum noch wahr, was dir eigentlich alles gelingt. Dann fällt vor allem auf, was noch fehlt, was nicht geklappt hat oder was andere besser können.

Du musst nicht aus jedem kleinen Erfolg etwas Besonderes machen. Aber du kannst wahrnehmen, wenn dir etwas gut gelungen ist. Und wenn dir beim nächsten Erfolg schon wieder ein „Ach, das war doch nichts“ auf der Zunge liegt, musst du deine Leistung nicht gleich wieder kleinreden.

Vielleicht bleibt dann nur ein viel schlichterer übrig:

Das habe ich gut gemacht.




Wenn du den Stolz noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten möchtest, findest du ihn in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort kommt unter anderem der Stolz selbst zu Wort und erzählt davon, den eigenen Weg und das, was man geschafft hat, wahrzunehmen – auch dann, wenn niemand zusieht. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dich dazu ein, auf Momente zurückzublicken, auf die du heute stolz bist, deine eigenen inneren Hürden und Fortschritte zu sehen und deinen persönlichen Umgang mit Stolz genauer zu betrachten.

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Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
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