Du hast zwei Stunden Zeit und könntest etwas machen, worauf du eigentlich Lust hast. Ein Buch lesen, durch die Stadt bummeln, malen, puzzeln, im Garten sitzen oder einfach loslaufen, ohne Strecke und Ziel festzulegen. Doch kaum ist die Idee da, meldet sich ein anderer Gedanke: Was bringt mir das?
Plötzlich stehen dieselben zwei Stunden auch für all das zur Verfügung, was du erledigen könntest. Du könntest aufräumen, Sport machen, etwas lernen, an einem Projekt weiterarbeiten oder endlich eine Aufgabe abhaken, die schon länger wartet. Und schon wirkt das, was eben noch schön klang, ein bisschen weniger vernünftig. Zwei Stunden nur zum Spaß? In der Zeit könnte schließlich etwas entstehen.
Dabei ist es überhaupt nicht ungewöhnlich, dass wir mit unserer Zeit etwas anfangen möchten. Es kann sehr befriedigend sein, am Abend zu sehen, was man geschafft hat. Eine Aufgabe ist erledigt, ein Regal aufgebaut, eine Strecke gelaufen, ein Kapitel geschrieben. Das Ergebnis ist sichtbar, und dadurch fühlt sich die eingesetzte Zeit leicht sinnvoll an.
Dieser Anspruch kann sich allerdings unbemerkt auch in die Freizeit schleichen. Dann wird aus einem Spaziergang ein Schrittziel. Du liest nicht nur, weil dich ein Buch fesselt, sondern möchtest dabei etwas lernen. Beim Sport werden Zeiten, Kilometer oder Fortschritte festgehalten. Wer gern fotografiert, möchte irgendwann bessere Bilder machen. Wer näht, malt oder werkelt, will etwas fertigstellen. Und aus einer Beschäftigung, die einmal einfach Freude gemacht hat, wird nach und nach etwas, bei dem ebenfalls ein Ergebnis erwartet wird.
Daran ist zunächst nichts falsch. Ein Ziel kann ein Hobby sogar besonders reizvoll machen. Es macht Freude, etwas besser zu können als vor einem Jahr, ein schwieriges Stück endlich spielen zu können oder zu sehen, wie aus einer Idee etwas Eigenes entsteht. Auch Arbeit kann Spaß machen. Ein Projekt kann erfüllen, begeistern und gleichzeitig einem ganz konkreten Zweck dienen. Freude und Nutzen sind keine Gegensätze.
Interessant wird es erst, wenn der Nutzen darüber entscheidet, ob eine Tätigkeit die eigene Zeit überhaupt wert ist. Wenn ein Spaziergang ohne Schrittziel plötzlich weniger sinnvoll erscheint als einer mit 10.000 Schritten. Wenn du gern etwas gestalten würdest, aber sofort überlegst, was du anschließend mit dem fertigen Ergebnis anfangen sollst. Oder wenn ein Hobby irgendwann Geld einbringen, deine Fähigkeiten verbessern oder wenigstens zu etwas führen soll, das du vorzeigen kannst.
Dann reicht eine erstaunlich einfache Begründung nicht mehr aus: Ich mache es, weil ich es gern mache.
Dabei kann genau das schon Grund genug sein, etwas zu tun. Freude muss nicht erst noch etwas anderes leisten, um einen Wert zu bekommen. Ein Nachmittag mit einem spannenden Roman kann gut verbrachte Zeit gewesen sein, auch wenn du danach nichts weißt, was du vorher nicht wusstest. Du kannst Musik hören, ohne nebenbei etwas zu erledigen. Du kannst etwas malen, das niemand sehen wird. Du kannst spazieren gehen, ohne anschließend zu prüfen, wie weit du gekommen bist.
Das heißt nicht, dass jede freie Stunde möglichst zweckfrei verbracht werden sollte. Es gibt Lebensphasen, in denen Zeit tatsächlich knapp ist. Wenn neben Arbeit, Haushalt, Familie oder einem wichtigen eigenen Vorhaben nur wenige freie Stunden übrig bleiben, bekommen Entscheidungen über Zeit ein anderes Gewicht. Dann kann es vollkommen vernünftig sein, sich zu fragen, was einem gerade wichtiger ist.
Wer an einem Projekt arbeitet, das ihm viel bedeutet, kann sich aus freien Stücken dafür entscheiden, einen Nachmittag lieber damit zu verbringen als auf dem Sofa. Wer nur einen freien Abend hat, darf feststellen, dass ihm eine bestimmte Verabredung diese Zeit gerade nicht wert ist. Und wer etwas erreichen möchte, wird dafür an anderer Stelle Zeit einsetzen müssen. Bewusst mit der eigenen Zeit umzugehen bedeutet nicht automatisch, dass einem Leichtigkeit fehlt.
Der Unterschied liegt eher darin, ob du dich bewusst entscheidest oder ob du das Gefühl hast, deine freie Zeit vor dir selbst rechtfertigen zu müssen. Du kannst sagen: Heute ist mir mein Projekt wichtiger als ein langer Spaziergang. Etwas anderes ist der Gedanke: Einen langen Spaziergang kann ich mir nicht erlauben, weil dabei nichts herauskommt.
Besonders deutlich wird das oft hinterher. Du hattest einen schönen Nachmittag, hast etwas gemacht, das dir gutgetan hat, und dann beginnt die Rechnung: In den drei Stunden hätte ich auch die Wohnung putzen können. Ich hätte weiterarbeiten können. Ich hätte endlich dies oder jenes erledigen können. Was eben noch angenehm war, bekommt im Rückblick plötzlich das Etikett Zeitverschwendung.
So kann selbst Erholung einen Arbeitsauftrag bekommen. Dann ruhst du dich nicht aus, weil du müde bist und Ruhe angenehm ist, sondern damit du danach wieder leistungsfähig bist. Die Pause wird akzeptiert, weil sie einem späteren Zweck dient. Bleibt dieser Zweck aus, kann sich ein schlechtes Gewissen melden: Ich habe nichts geschafft.
Das ist ein ziemlich strenger Maßstab für freie Zeit. Denn er berücksichtigt vor allem das, was sich hinterher zählen, abhaken oder vorzeigen lässt. Vieles, was einen Tag schön macht, hinterlässt aber keinen solchen Beweis.
Ein gutes Gespräch produziert nichts. Ein Nachmittag am See erledigt keine Aufgabe. Beim Herumalbern mit einem Menschen, den du magst, wird nichts fertig. Eine Stunde mit Musik kann vergehen, ohne dass du anschließend irgendetwas vorzuweisen hast. Trotzdem wäre es merkwürdig, daraus zu schließen, dass diese Zeit deshalb wertlos war.
Natürlich kann auch ein netter Nachmittag im Rückblick einer sein, den du nicht wiederholen möchtest. Nicht jede Freizeitbeschäftigung wird allein dadurch wertvoll, dass sie Freizeit war. Du kannst nach einem Treffen feststellen, dass du deine Zeit beim nächsten Mal lieber anders verbringen möchtest. Du kannst ein Hobby ausprobieren und merken, dass es dir nichts gibt. Du kannst einen freien Tag vertrödeln und dich hinterher tatsächlich darüber ärgern.
Auch das gehört dazu. Es geht nicht darum, jede verbrachte Stunde im Nachhinein schönzureden. Es geht darum, nach welchem Maßstab du entscheidest, ob sie gut verbracht war. Ein sichtbares Ergebnis ist einer dieser Maßstäbe. Freude, Interesse, Nähe, Neugier, Ruhe oder einfach eine gute Zeit können andere sein.
Leichtigkeit entsteht deshalb nicht zwangsläufig dadurch, dass wir weniger planen, weniger arbeiten oder unsere Ziele weniger ernst nehmen. Sie kann auch in einem vollen, zielgerichteten Leben ihren Platz haben. Dort, wo nicht jede schöne Beschäftigung erst beweisen muss, dass sie nützlich genug ist.
Am Ende muss aus einem Hobby kein Projekt werden, aus einem Spaziergang keine Leistung und aus einem freien Nachmittag keine besonders sinnvolle Freizeitgestaltung. Es kann durchaus Tage geben, an denen du hinterher auf die Frage „Und was hat dir das gebracht?“ keine besondere Antwort hast.
„Es hat mir Freude gemacht“ kann manchmal schon genug sein.
Wenn du Leichtigkeit nicht nur als Gedanken, sondern einmal als eigene Stimme erleben möchtest, findest du sie in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort kommt die Leichtigkeit selbst zu Wort und erzählt davon, wie sich Leben auch ohne ständiges Müssen, Planen und Leisten anfühlen kann. Sie ist eines von vielen hellen Gefühlen in diesem Band, neben unter anderem Vertrauen, Hoffnung, Dankbarkeit, Liebe, Frieden, Freiheit und Stolz. Im Anschluss laden dich Reflexionsseiten dazu ein, deinen eigenen Momenten von Leichtigkeit ein wenig näherzukommen.
