Warum fällt es mir schwer, Aufgaben abzugeben, obwohl ich Entlastung brauche?

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Eigentlich wäre es eine Erleichterung. Auf deinem Schreibtisch liegt zu viel, zu Hause warten mehrere Dinge gleichzeitig auf dich oder du merkst schon seit Tagen, dass du kaum hinterherkommst. Jemand könnte dir etwas abnehmen. Trotzdem sagst du: „Lass mal, ich mache das selbst.“ Und schon liegt auch diese Aufgabe wieder bei dir.

Das wirkt zunächst widersprüchlich. Du möchtest weniger zu tun haben und hältst gleichzeitig an den Dingen fest, die dich belasten. Doch beim Abgeben verschwindet nicht nur eine Aufgabe von deiner Liste. Du gibst auch einen Teil der Kontrolle ab: Jemand anderes entscheidet mit, wann etwas erledigt wird, wie er dabei vorgeht und wie das Ergebnis am Ende aussieht. Solange du es selbst machst, kennst du jeden Schritt. Beim Abgeben musst du darauf vertrauen, dass es auch ohne deinen ständigen Einfluss funktioniert.

Besonders schwer kann das werden, wenn du dem anderen die Aufgabe nicht richtig zutraust. Möglicherweise hast du schon erlebt, dass etwas vergessen, zu spät erledigt oder nur halb fertig zurückgegeben wurde. Dann hat deine Zurückhaltung einen konkreten Grund. Etwas anderes ist es, wenn der andere die Aufgabe durchaus bewältigen kann, aber anders vorgeht als du. Dann lohnt sich die Frage: Ist das Ergebnis tatsächlich schlechter oder ist nur der Weg dorthin ein anderer?

Wer eine Aufgabe übernimmt, muss sie nicht genauso erledigen wie du. Das kann im Beruf ebenso gelten wie zu Hause. Deine eigenen Ansprüche müssen deshalb nicht verschwinden. Aber wenn nur eine einzige Vorgehensweise als richtig gilt, wird es schwer, Arbeit wirklich abzugeben.

Wie viel Kontrolle du abgeben möchtest, hängt auch davon ab, was du überhaupt überträgst. Jemand kann nur einen Teil erledigen und dir das Ergebnis zurückgeben. Er kann selbst entscheiden, wie er vorgeht. Oder er übernimmt eine Aufgabe vollständig. Besonders schwierig wird es, wenn jemand anderes die Arbeit macht, du selbst aber weiterhin für das Ergebnis geradestehen musst. Dann ist es nachvollziehbar, dass du eine Rückmeldung oder eine Kontrolle des Ergebnisses brauchst.

Neben Verantwortung und Vertrauen kann noch etwas anderes eine Rolle spielen: Es kann sich gut anfühlen, jemand zu sein, der viel schafft. Wer zuverlässig ist, einspringt und Dinge erledigt, bekommt dafür oft Anerkennung. Im Beruf möchtest du möglicherweise zeigen, wie belastbar du bist, zu Hause bist du vielleicht daran gewöhnt, die Person zu sein, die alles im Blick hat. Hohe eigene Ansprüche können das noch verstärken. Schwierig wird es, wenn der Wunsch, alles selbst zu schaffen, dauerhaft mehr Kraft kostet, als dir guttut.

Es gibt auch einen anderen Weg, wenn du ungern Aufgaben abgibst: Du lässt etwas liegen und erledigst es später selbst. Wenn eine Sache warten kann, ist daran nichts falsch. Problematisch wird es erst, wenn der Stapel dauerhaft wächst. Dann hast du zwar für den Moment weniger Stress, die Arbeit bleibt aber bei dir und wartet weiter.

Aufgaben abzugeben bedeutet nicht, anschließend nichts mehr davon erfahren zu dürfen. Du kannst vorher vereinbaren, was du brauchst: eine kurze Rückmeldung, einen Zwischenstand oder das fertige Ergebnis, bevor es weitergegeben wird. Das ist etwas anderes, als jeden einzelnen Schritt zu überwachen.

Wenn du nach dem Abgeben ständig nachfragst, jeden Arbeitsschritt überprüfst, Änderungen vorgibst und am Ende vieles selbst korrigierst, bleibt ein großer Teil der Belastung bei dir. Dann wurde zwar die Tätigkeit verteilt, nicht aber die Kontrolle. Entlastung entsteht eher, wenn du vorher klärst, was dir wichtig ist, und anschließend auch zulassen kannst, dass der andere innerhalb dieser Absprachen selbst arbeitet.

Wenn du dagegen dauerhaft mehr zu tun hast, als du schaffen kannst, führt die Frage irgendwann über einzelne Aufgaben hinaus. Dann geht es nicht mehr nur darum, was du heute abgeben könntest, sondern warum so vieles überhaupt bei dir liegt. Im Beruf kann es nötig sein, Zuständigkeiten neu zu klären oder anzusprechen, dass die vorhandene Arbeit auf Dauer nicht in die verfügbare Zeit passt. Zu Hause kann eine feste Aufgabenverteilung hilfreicher sein, als immer wieder spontan um Unterstützung zu bitten.

Du musst also nicht alles bedenkenlos aus der Hand geben. Bei manchen Aufgaben ist Kontrolle sinnvoll, bei anderen reicht eine Rückmeldung, und manches kann ein anderer vollständig übernehmen. Entscheidend ist, unterscheiden zu können, wo deine Verantwortung tatsächlich endet und wo du nur deshalb festhältst, weil sich das Abgeben ungewohnt anfühlt.

Wenn du das nächste Mal merkst, dass du eine Aufgabe eigentlich gern abgeben würdest und sie trotzdem festhältst, kannst du einen Moment überlegen: Was genau möchte ich gerade nicht aus der Hand geben – die Aufgabe selbst, die Kontrolle darüber oder die Verantwortung für das Ergebnis? Die Antwort kann dir ziemlich viel darüber verraten, warum dir das Abgeben schwerfällt.




Wenn du den Kontrollverlust noch einmal aus der Sicht des Gefühls selbst kennenlernen möchtest, findest du ihn in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“. Dort kommt der Kontrollverlust, neben anderen herausfordernden Gefühlen, selbst zu Wort und erzählt davon, wie es sich anfühlen kann, Einfluss, Sicherheit und vertraute Abläufe aus der Hand zu verlieren. Auf den anschließenden Reflexionsseiten kannst du deinen eigenen Erfahrungen mit Kontrolle und dem, was sich nicht vollständig steuern lässt, nachgehen und deine Gedanken für dich festhalten.

Passend zu diesem Thema

Der äußere Anlass ist vorbei, aber innerlich läuft der Tag noch ein Stück weiter. Gedanken springen zu dem, was morgen ansteht, zu einem Gespräch oder zu etwas, das du nicht vergessen möchtest.
Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hier wird der Unterschied zwischen Neid und Missgunst wichtig. Neid kann bedeuten: Das möchte ich auch haben oder erreichen. Missgunst geht weiter: Du möchtest nicht nur selbst etwas haben, sondern wünschst dir zugleich, dass der andere seinen Vorteil nicht hätte.
Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nur ist dieser Abstand nicht unbedingt Härte. Vieles von dem, was wir so nennen, sind eigentlich andere Fähigkeiten: unterscheiden, was zu dir gehört und was nicht, Nein sagen, eine eigene Meinung vertreten, etwas einfordern und bei einer Entscheidung bleiben. Dafür musst du nicht kälter oder gefühlloser werden.
Lesedauer: ca. 5 Minuten
Du bekommst zwei unterschiedliche Botschaften von demselben Menschen. Seine Worte sagen das eine, sein Verhalten vermittelt dir etwas anderes. Und irgendwann fragst du dich: Was davon stimmt denn nun?
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Finde das Gefühl, das dich gerade beschäftigt

Suche direkt nach einem Gefühl oder öffne die Übersicht mit allen 79 Gefühlen.

Hier kannst du weiterlesen

Trotzdem muss der andere nicht dieselbe Begeisterung empfinden, damit ein schöner Austausch entsteht. Zwischen „Ich finde das genauso großartig wie du“ und völliger Gleichgültigkeit liegt eine Menge.

Trotzdem muss der andere nicht dieselbe Begeisterung empfinden, damit ein schöner Austausch entsteht. Zwischen „Ich finde das genauso großartig wie du“ und völliger Gleichgültigkeit liegt eine Menge.

Lesedauer: ca. 5 Minuten
Schwierig wird es häufig erst durch die Bedeutung, die wir dem Abstand geben. Aus einem „Ich möchte gerade nicht umarmt werden“ kann im Kopf schnell ein „Ich möchte dich nicht“ werden. Doch das sind zwei sehr unterschiedliche Aussagen.

Schwierig wird es häufig erst durch die Bedeutung, die wir dem Abstand geben. Aus einem „Ich möchte gerade nicht umarmt werden“ kann im Kopf schnell ein „Ich möchte dich nicht“ werden. Doch das sind zwei sehr unterschiedliche Aussagen.

Lesedauer: ca. 5 Minuten
Stolz bekommt häufig noch eine persönliche Note: Ich freue mich für dich. Ich sehe, was du geschafft hast. Und weil du mir wichtig bist, bedeutet mir dein Erfolg selbst etwas.

Stolz bekommt häufig noch eine persönliche Note: Ich freue mich für dich. Ich sehe, was du geschafft hast. Und weil du mir wichtig bist, bedeutet mir dein Erfolg selbst etwas.

Lesedauer: ca. 5 Minuten
Aus einer solchen Erkenntnis kann neue Wertschätzung entstehen. Du siehst nicht mehr nur, dass jemand etwas für dich getan hat, sondern verstehst besser, was dahinterstand. Daraus kann auch Dankbarkeit wachsen. Nicht, weil du dir vornimmst, dankbarer sein zu müssen.

Aus einer solchen Erkenntnis kann neue Wertschätzung entstehen. Du siehst nicht mehr nur, dass jemand etwas für dich getan hat, sondern verstehst besser, was dahinterstand. Daraus kann auch Dankbarkeit wachsen. Nicht, weil du dir vornimmst, dankbarer sein zu müssen.

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
Nach oben scrollen

Möchtest du neue Artikel nicht verpassen?

Wenn du über neue Beiträge, Bücher und Ratgeber von mir informiert werden möchtest, kannst du dich hier zu meinem Newsletter anmelden.