Warum ekle ich mich vor etwas, obwohl ich weiß, dass es harmlos ist?

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Du öffnest im Sommer die Biotonne und weichst schon beim ersten Geruch zurück. Du nimmst verwelkte Blumen aus einer Vase und ein aufgeweichter, schleimiger Stiel gleitet dir durch die Finger. Oder du hörst, wie sich jemand übergibt, und merkst augenblicklich, wie sich dein eigener Magen zusammenzieht.

Dabei weißt du in all diesen Situationen, was gerade passiert. Der Müll riecht unangenehm. Die Blumen standen zu lange im Wasser. Und nur weil ein anderer Mensch erbricht, musst du dich nicht ebenfalls übergeben. Trotzdem ist die Reaktion da, bevor du groß darüber nachdenken kannst.

Warum ekeln wir uns vor Dingen, obwohl wir wissen, dass sie harmlos sind?

Ekel gehört zu den Gefühlen, die sehr unmittelbar auf etwas reagieren können. Er ist eng mit einer Schutzfunktion verbunden und kann uns von Dingen fernhalten, die möglicherweise gesundheitsschädlich sind. Deshalb reicht es nicht immer, dass dein Verstand längst weiß: Hier besteht überhaupt keine Gefahr.

Denn Ekel führt keine sorgfältige Prüfung durch, bevor er sich meldet. Er wartet nicht ab, bis feststeht, welche Bakterien sich tatsächlich auf einem Gegenstand befinden, ob ein Lebensmittel wirklich verdorben ist oder ob von einem unangenehmen Geruch etwas Gefährliches ausgeht. Er reagiert bereits auf Hinweise, die für Verunreinigung, Verderb oder Krankheit stehen könnten.

Dabei ist es für ein solches Schutzsystem durchaus sinnvoll, vorsichtig zu sein. Wenn du etwas nicht isst, weil es verdorben riecht, obwohl es noch genießbar gewesen wäre, hast du höchstens auf eine Mahlzeit verzichtet. Wenn du etwas isst, das tatsächlich verdorben ist, können die Folgen erheblich unangenehmer sein. Ekel muss deshalb nicht jedes Mal richtigliegen, um seine Aufgabe zu erfüllen.

Deshalb kann dir der Geruch einer frisch geleerten Mülltonne widerlich sein, obwohl du genau weißt, dass dir davon nichts passieren wird. Das bewusste Wissen allein macht den Reiz nicht angenehm.

Und solche Reize können uns auf ganz unterschiedlichen Wegen erreichen. Geruch und Geschmack gehören ebenso dazu wie Anblick, Berührung und Konsistenz. Auch Geräusche oder allein die Vorstellung von etwas können eine Reaktion auslösen. Deshalb kann ein übler Geruch ausreichen, obwohl du gar nicht siehst, woher er kommt. Ein schleimiger Pflanzenstiel kann sich unangenehm anfühlen, obwohl du weißt, dass du lediglich eine alte Blume in der Hand hältst. Und das Geräusch eines Menschen, der sich übergibt, kann dir selbst einen flauen Magen bescheren, obwohl du nicht einmal im selben Raum bist.

Gerade bei Konsistenzen wird deutlich, dass „harmlos“ und „eklig“ keine Gegensätze sein müssen. Etwas Weiches, Glitschiges, Klebriges oder bereits Zersetztes kann eine starke Abwehr hervorrufen, ohne dass es dir tatsächlich schaden würde. Du musst dir nicht erst erklären können, was genau daran so unangenehm ist. Der Eindruck genügt.

Noch erstaunlicher wird es, wenn gar nichts Verunreinigtes vorhanden ist, sondern nur die Vorstellung davon. Aus der Forschung ist ein ziemlich anschauliches Beispiel bekannt: Selbst etwas Essbares kann plötzlich schwer über die Lippen gehen, wenn es so geformt ist, dass es an Kot erinnert. Du kannst genau wissen, was vor dir liegt. Deine Augen liefern trotzdem eine Information, die mit diesem Wissen nicht recht zusammenpassen will.

Ähnlich funktioniert es, wenn ein völlig sauberer Gegenstand gedanklich mit etwas Ekelhaftem verbunden ist. Stell dir vor, jemand legt einen frisch gereinigten Löffel vor dich und erzählt dir anschließend, dieser Löffel habe vorher in einer verschmutzten Toilette gelegen. Ob du ihn danach noch genauso unbefangen in den Mund nehmen möchtest, ist eine andere Frage. Die Vorstellung einer Verunreinigung kann erstaunlich hartnäckig sein, selbst wenn du weißt, dass von ihr nichts mehr übrig ist.

Das zeigt, weshalb Vernunft und Ekel zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Der Verstand kann sagen: sauber. Die unmittelbare Reaktion sagt trotzdem: lieber nicht.

Auch die Frage, ob etwas von uns selbst oder von einem anderen Menschen stammt, kann einen Unterschied machen. Der eigene Körpergeruch wird nicht zwingend genauso empfunden wie fremder Körpergeruch. Auch bei Ausscheidungen oder Körperflüssigkeiten kann die Reaktion davon abhängen, ob sie zum eigenen Körper gehören oder von einem anderen Menschen stammen.

Eine feste Regel ist das allerdings nicht. Auch vor dem eigenen Körper kann man sich ekeln, und nicht alles Fremde löst Ekel aus. Entscheidend ist außerdem der Zusammenhang. Wer ein Baby versorgt, kann mit Erbrochenem, Speichel oder einer vollen Windel umgehen, obwohl dieselben Dinge in einem anderen Zusammenhang ausgesprochen unangenehm wären. Die Beziehung zu einem Menschen, Vertrautheit und das, was gerade getan werden muss, können mitbestimmen, wie eine Situation erlebt wird.

Damit kommen wir zu einem weiteren Punkt: Es gibt keine Liste, auf die alle Menschen schauen und anschließend dieselben Dinge eklig finden.

Bei einigen Auslösern gibt es große Gemeinsamkeiten. Verdorbene Lebensmittel, Fäkalien, Erbrochenes oder bestimmte Anzeichen von Verunreinigung lösen bei vielen Menschen Abwehr aus. Darüber hinaus unterscheiden wir uns jedoch erheblich. Was für den einen kaum der Rede wert ist, lässt den anderen zurückschrecken.

Ein Mensch fischt ohne Zögern Haare aus dem Abfluss, während ein anderer dafür Handschuhe anzieht. Einer kann problemlos Essensreste aus dem Spülbeckensieb holen, während dem nächsten schon bei der Vorstellung daran unwohl wird. Und während jemand bei einem bestimmten Geruch sofort das Fenster aufreißt, nimmt ein anderer ihn kaum als störend wahr.

Wie stark und wodurch wir uns ekeln, hängt nicht nur von der unmittelbaren Situation ab. Erfahrungen, Gewöhnung, das Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind, und kulturelle Vorstellungen können ebenfalls hineinspielen. Auch Berufe zeigen, wie unterschiedlich der Umgang mit bestimmten Reizen werden kann. Wer regelmäßig mit Körperflüssigkeiten, Abfällen oder anderen Dingen arbeitet, die viele Menschen meiden würden, erlebt sie in einem anderen Zusammenhang und entwickelt Routinen dafür. Das bedeutet nicht, dass Ekel einfach verschwindet. Aber das, was uns vertraut ist und was wir einordnen können, kann anders erlebt werden als etwas, mit dem wir kaum Berührung haben.

Die Stärke einer Ekelreaktion sagt deshalb wenig darüber aus, wie ein anderer Mensch auf dieselbe Sache reagieren wird. Zwei Menschen können vor derselben Sache stehen, dieselben Informationen darüber haben und trotzdem unterschiedlich reagieren.

Besonders wichtig wird diese Unterscheidung, wenn sich Ekel auf etwas Körperliches bei einem anderen Menschen richtet. Ein starker Körpergeruch kann unangenehm sein. Ungewaschene Kleidung, Schweiß oder andere intensive Gerüche können eine spontane Abwehr auslösen. Diese Reaktion ist jedoch nicht dasselbe wie ein Urteil über den Menschen, von dem der Geruch ausgeht.

Du kannst einen Geruch kaum ertragen und gleichzeitig wissen, dass du nichts über die Lebensumstände des Menschen weißt. Möglicherweise hat er gerade keine Möglichkeit, sich zu waschen oder seine Kleidung zu wechseln. Es kann andere Gründe geben, die du von außen überhaupt nicht erkennen kannst. Verständnis für einen Menschen und Ekel vor einem bestimmten Geruch schließen sich nicht gegenseitig aus.

Das ist ein wichtiger Unterschied, weil Ekel sehr schnell auf einen Reiz reagieren kann, während unsere bewusste Haltung viel weiter reicht. Der Geruch kann unangenehm sein. Der Mensch ist deshalb nicht „eklig“.

Und auch nicht alles, wovor wir zurückweichen, ist überhaupt Ekel. Besonders bei Tieren können sich Ekel, Angst und bloßes Unbehagen leicht vermischen. Jemand sieht eine Spinne und möchte sofort Abstand. Aber wovor genau? Findet er ihren Körper oder ihre Bewegungen widerlich? Fürchtet er sich davor, dass sie auf ihn zukommt oder ihn beißt? Oder erschrickt er einfach, weil sie plötzlich neben ihm sitzt?

Ähnlich kann es bei anderen Tieren sein. Ein Tier kann durch seine schnellen Bewegungen erschrecken oder einem unangenehm sein, ohne dass man sich deshalb vor ihm ekelt.

Umgekehrt kannst du dich vor einem Geruch ekeln, ohne die geringste Angst davor zu haben. Du weißt, dass der Müllwagen vor deinem Fenster keine Gefahr für dich ist. Du möchtest seinen Geruch trotzdem nicht länger als nötig in der Wohnung haben.

Ekel und Angst können gemeinsam auftreten, müssen es aber nicht. Und gerade diese Unterscheidung hilft dabei, die eigene Reaktion etwas genauer zu verstehen.

Wenn du dich also vor etwas ekelst, obwohl du genau weißt, dass es harmlos ist, widersprichst du dir nicht. Dein Wissen beantwortet eine andere Frage als dein Ekel. Du kannst sehr vernünftig einschätzen, dass dir von einem schleimigen Blumenstiel, einem unangenehmen Geruch oder einem sauberen Gegenstand nichts passieren wird. Die Ekelreaktion muss auf dieses Urteil nicht warten.

Sie reagiert auf das, was deine Sinne wahrnehmen, woran dich etwas erinnert oder womit du es verbindest. Dabei kann sie vorsichtiger sein, als es die konkrete Situation erfordert. Und sie kann bei dir an einer ganz anderen Stelle anspringen als bei einem anderen Menschen.

So können zwei Aussagen gleichzeitig stimmen: „Ich weiß, dass es harmlos ist.“ Und trotzdem: „Iih. Nein danke.“




Wenn du Ekel nicht nur erklärt bekommen, sondern ihm einmal mit seiner eigenen Stimme begegnen möchtest, findest du ihn in „Ich bin dein Gefühl – Band I: Ursprünge – Die Grundgefühle“. Dort kommt der Ekel selbst zu Wort und erzählt davon, wie unmittelbar er sich melden und wie deutlich er Abstand schaffen kann. Er steht dabei neben weiteren Grundgefühlen wie Angst, Wut, Traurigkeit, Freude, Überraschung, Scham und Schuld. An seine Seiten schließen sich Reflexionsseiten an, die dir Raum geben, deinen eigenen Ekel und die Situationen, in denen er auftaucht, in Ruhe anzuschauen.

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