Warum denke ich ständig darüber nach, was andere von mir halten?

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Das Gespräch ist längst vorbei. Eigentlich ist nichts Besonderes passiert. Trotzdem gehst du später einzelne Sätze noch einmal durch. War ich zu direkt? Warum hat sie an dieser Stelle so geguckt? Hätte ich anders reagieren sollen? Was denkt er jetzt von mir?

Solche Gedanken können sogar anfangen, bevor überhaupt etwas passiert. Du möchtest etwas anziehen, eine Meinung äußern oder eine Entscheidung treffen – und noch bevor du dich fragst, was du selbst möchtest, taucht eine andere Frage auf: Was werden die anderen davon halten?

Dass uns das beschäftigt, ist erst einmal ziemlich menschlich. Menschen wollen dazugehören. In Beziehungen, Familien, Freundeskreisen oder anderen Gruppen möchten wir willkommen sein, ernst genommen und geschätzt werden. Deshalb geht es bei der Meinung anderer oft um mehr als darum, ob jemand unsere Jacke, unsere Entscheidung oder einen Satz gut findet. Dahinter können viel grundsätzlichere Fragen stehen: Bin ich willkommen? Gehöre ich dazu? Werde ich geschätzt?

Anerkennung tut gut. Schwieriger wird es, wenn die Zustimmung anderer immer stärker darüber mitentscheidet, wie wir uns selbst sehen. Dann kann aus „Diese Person findet meine Entscheidung nicht gut“ schnell „Dann stimmt wohl etwas mit mir nicht“ werden.

Allerdings ist nicht jede Meinung gleich wichtig. Ob ein fremder Mensch auf der Straße deine Jacke schrecklich findet, kann dir ziemlich egal sein. Bei einem Bewerbungsgespräch sieht das anders aus. Dort kann die Einschätzung anderer tatsächlich darüber entscheiden, ob du eine Stelle bekommst. Auch in einer wichtigen Beziehung oder einer Gruppe, zu der du gehören möchtest, kann die Meinung eines anderen deutlich mehr Gewicht haben als die beiläufige Einschätzung irgendeines Fremden.

Es ist deshalb gar nicht widersprüchlich, wenn dir einmal egal ist, was andere denken, und du ein anderes Mal sehr darauf achtest. Die sinnvollere Frage lautet oft: Wessen Meinung ist das eigentlich – und was hängt für mich tatsächlich davon ab?

Wir passen unser Verhalten ohnehin an Situationen an. Mit einem engen Freund sprechen wir anders als mit jemandem, den wir kaum kennen. Wir zeigen nicht jedem Menschen dieselben Seiten von uns und überlegen in manchen Situationen genauer, was wir sagen. Das macht uns nicht unecht.

Anstrengend wird es erst, wenn daraus eine dauernde Selbstbeobachtung entsteht. Dann führst du ein Gespräch und kontrollierst gleichzeitig dich selbst: War ich zu laut? Habe ich zu viel erzählt? War meine Meinung unangenehm? Wie wirke ich gerade?

Du führst dann nicht nur das Gespräch. Du führst gleichzeitig eine laufende Qualitätskontrolle deiner eigenen Person durch.

Nur wissen wir bei dieser ganzen inneren Kontrolle oft gar nicht, was andere tatsächlich über uns denken.

Menschen überschätzen häufig, wie stark andere ihr Verhalten oder Aussehen überhaupt wahrnehmen. Dieser Effekt wird in der Psychologie als Spotlight-Effekt bezeichnet. Uns selbst fällt natürlich auf, dass wir uns versprochen haben, kurz unsicher waren oder unsere Haare heute einfach nicht machen, was sie sollen. Wir erleben schließlich jeden kleinen Moment aus unserer eigenen Perspektive.

Während du später noch darüber nachdenkst, ob allen dein Versprecher aufgefallen ist, beschäftigt sich jemand anderes womöglich längst damit, ob sein eigener Satz fünf Minuten vorher merkwürdig klang. Andere Menschen beschäftigen sich meistens erheblich mehr mit sich selbst, als wir in dem Moment vermuten.

Dazu kommt, dass sich viele Reaktionen überhaupt nicht eindeutig lesen lassen. Jemand schaut kurz zu dir. Eine Antwort fällt knapper aus als erwartet. Jemand schweigt oder wirkt abwesend.

Ein Blick ist erst einmal ein Blick. Was er bedeutet, ergänzen wir oft selbst.

Die Person könnte skeptisch gewesen sein. Sie könnte genauso gut müde, abgelenkt oder gedanklich mit etwas völlig anderem beschäftigt gewesen sein. Wir wissen es nicht. Trotzdem kann aus einem kurzen Moment im eigenen Kopf innerhalb weniger Minuten eine recht ausführliche Geschichte werden.

Dann läuft ein Gespräch weiter, obwohl es längst beendet ist. Warum war danach diese Pause? Was hatte dieser Gesichtsausdruck zu bedeuten? Hätte ich etwas anders sagen sollen?

Ein Gespräch noch einmal zu überdenken, kann sinnvoll sein. Du kannst daraus lernen. Aber irgendwann kommen keine neuen Informationen mehr hinzu. Wenn keine neuen Informationen mehr dazukommen, wird aus weiterem Nachdenken nicht automatisch mehr Wahrheit.

Dann hilft eine einfache Trennung: Was ist tatsächlich passiert – und was habe ich ergänzt? Hat jemand wirklich etwas gesagt? Oder versuche ich gerade, aus einem Blick, einer Pause oder einem Schweigen herauszulesen, was der andere von mir hält?

Manche Befürchtungen lassen sich sogar an der Wirklichkeit überprüfen. Wenn du überzeugt bist, dass eine etwas andere Kleidung sofort kommentiert wird oder eine höflich abweichende Meinung dich unsympathisch macht, kannst du bei kleinen, überschaubaren Dingen schauen, ob das wirklich passiert. Nicht als große Mutprobe. Eher nüchtern: Ich vermute eine bestimmte Reaktion, entscheide mich trotzdem einmal nach meinem eigenen Maßstab – und sehe danach, was tatsächlich geschehen ist.

Neben einzelnen Menschen gibt es allerdings noch etwas, das unseren Blick auf fremde Meinungen prägt: die vielen ungeschriebenen Regeln darüber, was „man“ macht.

Wir lernen solche Regeln, indem wir andere beobachten. Wie kleidet man sich hier? Wie verhält man sich in dieser Situation? Was scheint akzeptiert zu sein? Wenn viele Menschen etwas auf dieselbe Weise machen, entsteht schnell der Eindruck: Die werden schon wissen, warum.

Nur müssen die anderen keineswegs mehr wissen als du. Es kann genauso gut sein, dass einer den nächsten beobachtet und jeder davon ausgeht, der andere habe einen guten Grund. Dass viele Menschen etwas tun, beweist noch nicht, dass es richtig, sinnvoll oder alternativlos ist.

Wir orientieren uns an anderen, weil Zugehörigkeit für Menschen wichtig ist. Aber nicht jede gesellschaftliche Erwartung verdient automatisch unsere Anpassung. Entscheidend wird, ob wir bewusst entscheiden – oder ob die vermutete Meinung anderer schon entscheidet, bevor wir überhaupt gefragt haben, was wir selbst wollen.

Welche Anpassung hilft mir, mit anderen zusammenzuleben – und wo beginne ich, mich selbst dafür zu verbiegen?

Dieser Punkt zeigt sich selten in einer einzigen großen Entscheidung. Häufig beginnt es viel kleiner. Ich sage meine Meinung lieber nicht. Ich ziehe doch etwas anderes an. Ich widerspreche besser nicht. Ich sage Ja, obwohl ich Nein meine.

Wenn wir uns immer wieder zurücknehmen, um nicht anzuecken oder Zustimmung zu verlieren, kann die eigene Meinung irgendwann kaum noch vorkommen. Rücksichtnahme gehört zum Zusammenleben. Rücksichtnahme ist aber nicht dasselbe wie Selbstverschweigen.

Dann können zwei Fragen ziemlich aufschlussreich sein: Was möchte ich eigentlich, bevor ich darüber nachdenke, wie es auf andere wirkt? Und würde ich mich genauso entscheiden, wenn niemand davon erfahren würde?

Wie wenig selbstverständlich manche gesellschaftlichen Erwartungen sind, zeigt sich daran, wie stark sie sich verändern können.

Eine 65-jährige Frau trägt heute Jeans, auffällige Sneaker, Lederjacke, Make-up oder Kleidung, die vor einigen Jahrzehnten noch als unpassend für ihr Alter gegolten hätte. Heute kann genau dieselbe Frau dafür gefeiert werden, dass sie ihren eigenen Stil trägt und sich nicht danach richtet, was angeblich altersgemäß ist.

Wenn sich Normen so stark verändern können, stellt sich automatisch die Frage: Wie naturgegeben waren sie denn eigentlich vorher?

Gar nicht.

Sie waren gesellschaftlich gelernt. Und sie können neu ausgehandelt werden.

Normen existieren. Aber ihre Existenz allein macht sie nicht automatisch richtig.

Manche Normen erleichtern oder schützen das Zusammenleben. Andere sind historische Gewohnheiten. Manche verlieren ihre Bedeutung. Manche werden von Menschen bewusst gebrochen – und genau dadurch verändern sie sich.

Wie sehr sich auch die Form einer sinnvollen gesellschaftlichen Erwartung verändern kann, zeigt Trauerkleidung. Schwarz war über lange Zeit in vielen europäischen Gesellschaften eng mit Trauer verbunden. Besonders für Witwen und andere nahe Angehörige gab es zum Teil genaue Vorstellungen darüber, wie lange Trauerkleidung getragen werden sollte.

Heute wird damit wesentlich persönlicher umgegangen. Auf einer Beerdigung kleiden sich viele Menschen weiterhin zurückhaltend, aber niemand muss zwingend vollständig schwarz erscheinen. Auch eine Witwe ist nicht mehr gesellschaftlich verpflichtet, über einen festgelegten Zeitraum nur Schwarz zu tragen.

Der Wunsch, einem traurigen Anlass mit Respekt zu begegnen, ist damit nicht verschwunden. Verändert hat sich die Vorstellung davon, wie dieser Respekt äußerlich gezeigt werden muss. Eine gesellschaftliche Erwartung kann also einen nachvollziehbaren Hintergrund haben und trotzdem veränderbar sein.

Und selbst dort, wo eine gesellschaftliche Erwartung scheinbar eindeutig ist, muss die tatsächliche Zustimmung dazu längst nicht so einheitlich sein, wie es wirkt. Mehrere Menschen können dieselben Zweifel haben und trotzdem schweigen, weil jeder annimmt, die anderen sähen es anders.

Manchmal schweigen Menschen nicht, weil sie keine eigene Meinung haben, sondern weil sie glauben, mit ihr allein zu sein.

So kann ein „Das macht man eben so“ viel verbindlicher wirken, als es tatsächlich ist. Gerade dann lohnt sich die Nachfrage: Ist das wirklich eine feste Regel? Wer erwartet das von mir? Und halte ich diese Erwartung selbst für sinnvoll?

Andere Menschen werden uns beurteilen. Wir beurteilen andere ebenfalls. Manche Meinungen sind uns aus guten Gründen wichtig. Und gesellschaftliche Erwartungen verschwinden nicht, nur weil wir anfangen, sie zu hinterfragen.

Aber zwischen „Ich höre, was andere denken“ und „Ich richte mein Leben danach“ liegt ein Unterschied.Wenn du das nächste Mal darüber nachdenkst, was andere wohl von dir halten, stell eine zweite Frage daneben: Was halte ich eigentlich selbst davon?

Wenn dich beim Gedanken daran, wie du auf andere wirkst, vor allem Unsicherheit begleitet, findest du in „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“ ein eigenes Kapitel dazu. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dich unter anderem dazu ein, genauer hinzusehen, in welchen Situationen du dich unsicher fühlst, was davon wirklich deins oder vielleicht übernommen ist und wie du dich in solchen Momenten selbst unterstützen kannst.

Passend zu diesem Thema

Das Alte überzeugt dich nicht mehr ganz, aber du weißt noch nicht, wovon du stattdessen überzeugt bist. Zwischen „Das stimmt für mich“ und „Ich sehe das jetzt anders“ liegt ein Zustand, den wir nicht immer gut aushalten: Ich weiß es gerade nicht.
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Wir vermissen eine frühere Zeit nicht unbedingt, weil sie damals besser war. Wir vermissen möglicherweise das, was wir erst heute als wertvoll an ihr erkennen.
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Besonders schwer kann das werden, wenn du dem anderen die Aufgabe nicht richtig zutraust. Möglicherweise hast du schon erlebt, dass etwas vergessen, zu spät erledigt oder nur halb fertig zurückgegeben wurde. Dann hat deine Zurückhaltung einen konkreten Grund. Etwas anderes ist es, wenn der andere die Aufgabe durchaus bewältigen kann, aber anders vorgeht als du. Dann lohnt sich die Frage:
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Unsichtbar zu sein und gerade nicht im Mittelpunkt zu stehen, sind zwei sehr verschiedene Dinge. Du kannst lange zuhören und dich trotzdem zugehörig fühlen. Du kannst wenig sagen und merken, dass die anderen dich wahrnehmen. Und du kannst viel reden und trotzdem das Gefühl haben, dass niemand wirklich auf das eingeht, was du sagst.
Lesedauer: ca. 8 Minuten

Finde das Gefühl, das dich gerade beschäftigt

Suche direkt nach einem Gefühl oder öffne die Übersicht mit allen 79 Gefühlen.

Hier kannst du weiterlesen

Besonders schwer kann das werden, wenn du dem anderen die Aufgabe nicht richtig zutraust. Möglicherweise hast du schon erlebt, dass etwas vergessen, zu spät erledigt oder nur halb fertig zurückgegeben wurde. Dann hat deine Zurückhaltung einen konkreten Grund. Etwas anderes ist es, wenn der andere die Aufgabe durchaus bewältigen kann, aber anders vorgeht als du. Dann lohnt sich die Frage:

Besonders schwer kann das werden, wenn du dem anderen die Aufgabe nicht richtig zutraust. Möglicherweise hast du schon erlebt, dass etwas vergessen, zu spät erledigt oder nur halb fertig zurückgegeben wurde. Dann hat deine Zurückhaltung einen konkreten Grund. Etwas anderes ist es, wenn der andere die Aufgabe durchaus bewältigen kann, aber anders vorgeht als du. Dann lohnt sich die Frage: Ist das Ergebnis tatsächlich schlechter oder ist nur der Weg dorthin ein anderer?

Lesedauer: ca. 8 Minuten
Unsichtbar zu sein und gerade nicht im Mittelpunkt zu stehen, sind zwei sehr verschiedene Dinge. Du kannst lange zuhören und dich trotzdem zugehörig fühlen. Du kannst wenig sagen und merken, dass die anderen dich wahrnehmen. Und du kannst viel reden und trotzdem das Gefühl haben, dass niemand wirklich auf das eingeht, was du sagst.

Unsichtbar zu sein und gerade nicht im Mittelpunkt zu stehen, sind zwei sehr verschiedene Dinge. Du kannst lange zuhören und dich trotzdem zugehörig fühlen. Du kannst wenig sagen und merken, dass die anderen dich wahrnehmen. Und du kannst viel reden und trotzdem das Gefühl haben, dass niemand wirklich auf das eingeht, was du sagst.

Lesedauer: ca. 8 Minuten
Der äußere Anlass ist vorbei, aber innerlich läuft der Tag noch ein Stück weiter. Gedanken springen zu dem, was morgen ansteht, zu einem Gespräch oder zu etwas, das du nicht vergessen möchtest.

Der äußere Anlass ist vorbei, aber innerlich läuft der Tag noch ein Stück weiter. Gedanken springen zu dem, was morgen ansteht, zu einem Gespräch oder zu etwas, das du nicht vergessen möchtest.

Lesedauer: ca. 8 Minuten
Hier wird der Unterschied zwischen Neid und Missgunst wichtig. Neid kann bedeuten: Das möchte ich auch haben oder erreichen. Missgunst geht weiter: Du möchtest nicht nur selbst etwas haben, sondern wünschst dir zugleich, dass der andere seinen Vorteil nicht hätte.

Hier wird der Unterschied zwischen Neid und Missgunst wichtig. Neid kann bedeuten: Das möchte ich auch haben oder erreichen. Missgunst geht weiter: Du möchtest nicht nur selbst etwas haben, sondern wünschst dir zugleich, dass der andere seinen Vorteil nicht hätte.

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
Nach oben scrollen

Möchtest du neue Artikel nicht verpassen?

Wenn du über neue Beiträge, Bücher und Ratgeber von mir informiert werden möchtest, kannst du dich hier zu meinem Newsletter anmelden.