Warum bin ich vor etwas nervös, das ich schon oft gemacht habe?

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Du kennst die Situation. Du weißt, was auf dich zukommt, hast es schon oft gemacht und eigentlich keinen Grund zu glauben, dass du es diesmal nicht schaffen wirst. Trotzdem wirst du vorher nervös. Du gehst den Ablauf noch einmal im Kopf durch, prüfst Dinge, die längst vorbereitet sind, und fragst dich: Warum macht mich das eigentlich noch nervös?

Das kann irritieren. Schließlich sollte Erfahrung doch Sicherheit geben. Und das tut sie häufig auch. Eine Aufgabe, die du im Beruf seit Jahren erledigst und deren Ablauf du gut kennst, wird dich wahrscheinlich weniger nervös machen als beim ersten Mal. Du weißt, was zu tun ist, kennst mögliche Schwierigkeiten und kannst auf dein eigenes Können zurückgreifen. Erfahrung kann vieles vertrauter machen. Sie kann dir allerdings nicht versprechen, dass das nächste Mal genauso verläuft wie die Male davor. Du kennst eine Situation – aber du kennst ihren nächsten Verlauf noch nicht.

Das lässt sich gut an einer Reise beobachten. Du kannst schon oft mit dem Zug oder dem Flugzeug unterwegs gewesen sein und trotzdem vor der nächsten Reise nervös werden. Nicht unbedingt, weil du nicht weißt, wie Reisen grundsätzlich funktioniert. Offen ist etwas anderes: Wird alles pünktlich sein? Klappt der Anschluss? Was mache ich, wenn sich kurzfristig etwas ändert?

Ähnlich kann es bei einem Gespräch sein, das du schon häufiger geführt hast. Deinen eigenen Teil kannst du vorbereiten. Du weißt, was du sagen möchtest, und kennst das Thema. Was du nicht vorbereiten kannst, ist jede Reaktion deines Gegenübers. Ein anderer Mensch bleibt ein Teil der Situation, den du nicht vollständig vorausberechnen kannst. Oft macht uns deshalb gar nicht das Bekannte nervös, sondern der unbekannte Teil darin.

Diese Nervosität hat dabei einen konkreten Bezugspunkt: Etwas steht tatsächlich bevor. Das unterscheidet sie von einer Wachsamkeit, die weiterläuft, obwohl im Moment gar nichts ansteht. Hier richtet sich die Anspannung auf einen Termin, eine Reise, ein Gespräch oder eine Aufgabe, von der du weißt, dass sie kommt – nur eben nicht, wie sie diesmal verlaufen wird.

Solange das Ereignis noch vor dir liegt, gibt es viele mögliche Verläufe. Was ist, wenn etwas nicht funktioniert? Was sage ich, wenn eine unerwartete Frage kommt? Solche Gedanken können bei der Vorbereitung helfen. Doch irgendwann ist alles getan, was sich im Voraus tatsächlich tun lässt. Ob der Zug pünktlich kommt oder wie dein Gegenüber reagiert, lässt sich durch weiteres Nachdenken nicht klären.

Gerade dieser Punkt kann schwierig sein. Du hast deinen Teil erledigt und bist trotzdem darauf angewiesen, dass andere Menschen, Abläufe oder Umstände ihren Teil tun. Je weniger Einfluss du darauf hast, desto unangenehmer kann sich die verbleibende Ungewissheit anfühlen. Dass du dieselbe oder eine ähnliche Situation schon erlebt hast, ändert daran nicht unbedingt etwas.

Deshalb kann es einen Unterschied machen, ob du einer solchen Situation allein begegnest oder mit einem Menschen, dem du vertraust. Dadurch wird das Unvorhersehbare nicht berechenbarer. Aber wenn etwas anders läuft als geplant, könnt ihr gemeinsam überlegen und reagieren. Allein dieses Wissen kann entlasten.

Interessant ist auch, dass Nervosität vor einem Ereignis stärker sein kann als währenddessen. Vorher existieren noch all die Möglichkeiten, die eintreten könnten. Sobald es losgeht, werden aus Möglichkeiten konkrete Tatsachen. Der Zug fährt tatsächlich ein. Du sitzt im Gespräch und hörst die erste Frage. Die Präsentation hat begonnen. Jetzt musst du nicht mehr überlegen, wie es wohl sein wird, sondern kannst auf das reagieren, was wirklich geschieht.

Dann kannst du auf etwas zurückgreifen, das du vorher leicht übersiehst: Erfahrung besteht nicht nur darin, einen bekannten Ablauf zu beherrschen. Du hast wahrscheinlich auch schon unerwartete Fragen beantwortet, Pläne geändert oder Lösungen gefunden, wenn etwas anders lief als gedacht. Auch das gehört zu deiner Erfahrung.

Das verändert den Blick darauf, was Sicherheit bedeuten kann. Sicherheit muss nicht heißen: Ich weiß genau, was passieren wird. Sie kann auch heißen: Ich weiß nicht genau, was passieren wird, aber ich traue mir zu, darauf zu reagieren. Dass du trotz Erfahrung nervös bist, bedeutet deshalb nicht automatisch, dass du schlecht vorbereitet bist oder etwas nicht beherrschst. Bei einer wichtigen Aufgabe können außerdem der eigene Anspruch oder der Wunsch, dass alles gut läuft, eine Rolle spielen.

Irgendwann darf die Vorbereitung deshalb auch zu Ende sein. Du hast getan, was in deiner Hand lag. Der Rest lässt sich nicht im Voraus lösen. Dann kann ein einfacher Gedanke passend sein: Ich nehme es, wie es kommt. Die Nervosität muss dafür nicht vollständig verschwinden. Sie kann noch da sein, während du längst weißt, dass du mit der Situation umgehen kannst.

Denn du kennst zwar nicht dieses nächste Mal – aber du gehst ihm auch nicht mehr mit der Erfahrung des ersten Mals entgegen.

Wobei wirst du immer wieder nervös, obwohl du längst weißt, dass du damit umgehen kannst?




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