Warum bin ich so schnell genervt?

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Eigentlich ist gar nichts Besonderes passiert.

Jemand kaut laut. Vor dir fährt ein Auto deutlich langsamer, als du es gerade gebrauchen kannst. Eine Nachricht ploppt auf, obwohl du endlich fünf Minuten Ruhe haben wolltest. Im Büro fragt jemand etwas, das du vor einer halben Stunde schon erklärt hast.

Und in dir steigt sofort dieser Gedanke auf:

Kann mich heute bitte einfach jeder in Ruhe lassen?

An anderen Tagen hätte dich dieselbe Sache kaum gestört. Heute reicht sie, damit du innerlich die Augen verdrehst, ungehalten antwortest oder dich ernsthaft fragst, warum plötzlich alles und jeder nervt.

Wenn du schnell gereizt bist, muss das nicht bedeuten, dass ausgerechnet die letzte Kleinigkeit das eigentliche Problem ist. Entscheidend ist auch, auf welchen Zustand sie trifft.

Du kannst ausgeschlafen, satt und entspannt an der Supermarktkasse stehen und dich über jemanden wundern, der minutenlang nach seinem Portemonnaie sucht. Wenn du müde bist, seit Stunden nichts gegessen hast, unter Zeitdruck stehst und vorher schon dreimal aufgehalten wurdest, kann derselbe Mensch dir vorkommen, als hätte er es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht, deinen letzten Nerv zu finden.

Die Situation ist ähnlich.

Du bist es in diesem Moment nicht.

In der Psychologie wird Gereiztheit unter anderem damit in Verbindung gebracht, dass Menschen schneller mit Ärger auf Frustration oder unangenehme Reize reagieren. Das passt ziemlich gut zu dem, was wir im Alltag als „genervt sein“ bezeichnen.

Du willst etwas erledigen – und wirst unterbrochen.

Du willst weiter – und jemand hält dich auf.

Du brauchst Ruhe – und jemand möchte etwas von dir.

Du möchtest dich konzentrieren – und nebenan läuft ein Gespräch, das du gar nicht hören willst.

Dabei geht es oft um etwas erstaunlich Banales: Ein Ziel, ein Wunsch oder ein Bedürfnis trifft auf ein Hindernis.

Das Hindernis muss nicht besonders groß sein. Es reicht, dass du gerade wenig Spielraum dafür hast.

Manchmal erzählt die Stärke deiner Reaktion deshalb weniger über die letzte Kleinigkeit als darüber, wie viel vorher schon zusammengekommen ist.

Das erklärt auch, warum derselbe Mensch dich an einem Dienstag wahnsinnig machen und am Donnerstag überhaupt nicht stören kann.

Er spricht vermutlich nicht plötzlich anders. Er räuspert sich genauso wie immer. Er stellt dieselben Fragen. Er benutzt weiterhin diese eine Formulierung, bei der du gelegentlich innerlich zusammenzuckst.

Nur ist an dem einen Tag noch genügend Geduld übrig und an dem anderen offenbar nicht.

Schlaf spielt dabei eine erstaunlich große Rolle.

In Experimenten reagieren Menschen nach eingeschränktem Schlaf unter anderem stärker mit Ärger auf unangenehme Reize. Eine große wissenschaftliche Auswertung von mehr als 150 experimentellen Studien zeigt ebenfalls, dass Schlafmangel unser emotionales Erleben messbar verändert. Das betrifft nicht einfach nur Müdigkeit am nächsten Morgen. Auch positive Gefühle, emotionale Reaktionen und die Art, wie wir auf unsere Umgebung reagieren, können sich verschieben.

Das kennt vermutlich fast jeder aus dem Alltag.

Nach einer guten Nacht kann ein Missgeschick eben ein Missgeschick sein.

Nach vier schlechten Nächten hintereinander kann schon der Drucker, der zum zweiten Mal Papierstau meldet, überraschend persönliche Gefühle auslösen.

Und bevor du beginnst, deine Persönlichkeit bis in die Kindheit zurückzuverfolgen, lohnt sich gelegentlich noch eine andere Frage:

Wann habe ich eigentlich zuletzt etwas gegessen?

Das berühmte „hangry“ ist nämlich nicht nur ein lustiges Wort. In einer Alltagstudie wurden Menschen drei Wochen lang mehrmals täglich nach Hunger, Ärger und Gereiztheit gefragt. Mehr Hunger ging dabei mit stärkerem Ärger und größerer Gereiztheit einher.

Mit anderen Worten:

Manchmal sollte man möglicherweise erst einmal etwas essen.

Nicht jede schlechte Laune braucht eine tiefere Botschaft.

Natürlich erklärt ein belegtes Brot nicht sämtliche Konflikte unseres Lebens. Aber solche körperlichen Dinge werden leicht übersehen, wenn wir versuchen, für jede Reaktion sofort eine komplizierte psychologische Erklärung zu finden.

Müdigkeit, Hunger und Erschöpfung verändern die Ausgangslage.

Dazu kommt etwas, das unseren Alltag inzwischen stark prägt: die Menge an Reizen.

Während du diesen Artikel liest, könnte irgendwo eine Nachricht eingehen. Danach eine E-Mail. Auf dem Handy liegen Nachrichten, Videos, Kommentare, Werbung, Neuigkeiten und Meinungen von Menschen, denen du vor zehn Jahren niemals begegnet wärst. Im Hintergrund läuft Musik, draußen fährt ein Auto vorbei, jemand spricht dich an und nebenbei erinnerst du dich daran, dass du noch drei Dinge erledigen wolltest.

Das alles muss nicht schlimm sein.

Es ist nur ziemlich viel.

Menschen unterscheiden sich außerdem darin, wie stark sie auf Geräusche, Licht, viele Eindrücke oder andere sensorische Reize reagieren. Eine systematische Übersicht über Studien mit Erwachsenen fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen Unterschieden in der sensorischen Verarbeitung und dem berichteten Stresserleben. Daraus lässt sich nicht einfach ableiten, dass bestimmte Reize Stress verursachen. Es zeigt aber, dass nicht jeder Mensch dieselbe Umgebung gleich erlebt.

Was für den einen ein lebendiges Café ist, ist für den anderen nach einer Stunde nur noch Stimmengewirr, klapperndes Geschirr, Kaffeemaschine, Musik, Stühlerücken und der dringende Wunsch, nach Hause zu gehen.

Auch unser digitaler Alltag gehört in diese Betrachtung.

Eine große Untersuchung mit mehr als 42.000 Erwachsenen in den USA fand einen Zusammenhang zwischen häufiger Social-Media-Nutzung und höherer Gereiztheit. Besonders bei sehr häufiger Nutzung war dieser Zusammenhang ausgeprägter. Das beweist nicht, dass Social Media Menschen gereizt macht. Menschen, die ohnehin gereizter sind, könnten solche Angebote auch anders oder häufiger nutzen. Ursache und Wirkung lassen sich aus dieser Untersuchung nicht einfach bestimmen.

Trotzdem lohnt sich der Gedanke.

Wir können heute morgens im Bett beginnen, Informationen aufzunehmen, und abends im Bett damit aufhören. Dazwischen liegt ein Tag voller neuer Bilder, Nachrichten, Kommentare, Videos, Diskussionen und kleiner Unterbrechungen.

Das Gehirn bekommt nicht nur viel zu tun. Es bekommt auch erstaunlich wenige Gelegenheiten, einfach einmal nichts Neues aufzunehmen.

Ob die Menschen deshalb insgesamt „immer gereizter“ werden, lässt sich so pauschal nicht sagen. Dafür spielen viel zu viele gesellschaftliche, persönliche und soziale Faktoren zusammen.

Aber für den eigenen Alltag kann eine einfachere Beobachtung reichen:

Wenn du seit Stunden von einem Reiz zum nächsten springst, kann es sich lohnen zu merken, wie viel gerade überhaupt auf dich einprasselt.

Das heißt allerdings nicht, dass der Grund immer bei dir gesucht werden muss.

Manches stört dich nicht deshalb, weil du schlecht geschlafen, zu wenig gegessen oder zu viele Eindrücke abbekommen hast. Es ist tatsächlich anstrengend.

Wenn jemand dich immer wieder unterbricht, Absprachen ignoriert oder eine Grenze überschreitet, kann sich Ärger mit der Zeit aufbauen. Dann geht es nicht nur darum, dass deine Geduld gerade kürzer ist als sonst.

Manchmal bist du genervt, weil dich tatsächlich etwas stört.

Dann ist eher interessant, ob es um diese eine Situation geht oder um etwas, das schon länger immer wieder passiert.

Gereiztheit muss aber auch nicht jedes Mal zur Botschafterin eines tief verborgenen Bedürfnisses ernannt werden. Manche Menschen finden wir anstrengend, manche Geräusche gehen uns auf die Nerven und manche Dinge nerven einfach.

Punkt.

Wichtig wird die Unterscheidung dort, wo aus Gereiztheit Verhalten wird.

Genervt oder wütend zu sein ist nicht dasselbe, wie jemanden anzuschreien, zu beleidigen, zu bedrohen oder körperlich anzugehen.

Ein Gefühl kann ein Verhalten erklären. Es rechtfertigt nicht jedes Verhalten.

Für Menschen auf der anderen Seite kann starke Gereiztheit ebenfalls belastend werden. Wer nie weiß, ob eine harmlose Frage wieder eine heftige Reaktion auslöst, sagt irgendwann womöglich lieber gar nichts mehr, hält sich zurück oder zieht sich aus einer Situation zurück.

Aus der Gereiztheit des einen kann Unsicherheit beim anderen werden.

Schnell genervt zu sein sagt also nicht automatisch etwas Grundsätzliches über deinen Charakter aus. An manchen Tagen trifft eine Kleinigkeit einfach auf einen Menschen, bei dem schon ziemlich viel zusammengekommen ist. An anderen gibt es tatsächlich etwas, das seit Längerem stört. Und gelegentlich nervt eine Sache einfach, ohne dass daraus eine große Erkenntnis werden muss.

Wenn du merkst, dass deine Geduld ungewöhnlich schnell aufgebraucht ist, kann deshalb eine einfache Frage reichen:

Was ist heute anders als an den Tagen, an denen mich genau dieselben Dinge kaum stören?




Wenn du dich mit den Gefühlen hinter solchen gereizten Momenten noch etwas näher beschäftigen möchtest: In „Ich bin dein Gefühl – Band II: Schatten – Die herausfordernden Gefühle“ kommen unter anderem Frustration und Überforderung selbst zu Wort. Sie erzählen, wie sie sich zeigen können und was hinter ihnen stehen kann. Auf den begleitenden Reflexionsseiten findest du außerdem Fragen und Platz für deine eigenen Gedanken, um dein eigenes Erleben noch etwas genauer anzuschauen.

Passend zu diesem Thema

Genau deshalb können Freude und Wehmut gleichzeitig auftauchen. Du freust dich darüber, wo du bist und was du gerade erlebst. Und du bist wehmütig, weil du weißt, dass es zeitlich begrenzt ist. Das widerspricht sich nicht.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wer lange gewohnt ist, vieles allein zu regeln, denkt darüber oft gar nicht mehr nach. Du organisierst, entscheidest, kümmerst dich und findest einen Weg. Diese Selbstständigkeit kann dir Sicherheit geben, denn du weißt aus Erfahrung, dass du dich auf dich selbst verlassen kannst.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Freundlichkeit und Sympathie sind nicht dasselbe. Du kannst wahrnehmen, dass jemand höflich, hilfsbereit oder zugewandt ist, ohne dich deshalb automatisch zu ihm hingezogen zu fühlen. Ein Mensch kann vieles mitbringen, was du grundsätzlich positiv findest, und trotzdem nicht dein Mensch sein.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Über Sorgen und Probleme zu reden kann entlasten, Gedanken sortieren und Nähe schaffen. Ein Gespräch kann sich aber auch im Kreis drehen. Ihr besprecht wieder dieselbe Situation, geht Ursachen und mögliche Folgen durch und landet schließlich dort, wo ihr schon vorher wart.
Lesedauer: ca. 7 Minuten

Finde das Gefühl, das dich gerade beschäftigt

Suche direkt nach einem Gefühl oder öffne die Übersicht mit allen 79 Gefühlen.

Hier kannst du weiterlesen

Freundlichkeit und Sympathie sind nicht dasselbe. Du kannst wahrnehmen, dass jemand höflich, hilfsbereit oder zugewandt ist, ohne dich deshalb automatisch zu ihm hingezogen zu fühlen. Ein Mensch kann vieles mitbringen, was du grundsätzlich positiv findest, und trotzdem nicht dein Mensch sein.

Freundlichkeit und Sympathie sind nicht dasselbe. Du kannst wahrnehmen, dass jemand höflich, hilfsbereit oder zugewandt ist, ohne dich deshalb automatisch zu ihm hingezogen zu fühlen. Ein Mensch kann vieles mitbringen, was du grundsätzlich positiv findest, und trotzdem nicht dein Mensch sein.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Über Sorgen und Probleme zu reden kann entlasten, Gedanken sortieren und Nähe schaffen. Ein Gespräch kann sich aber auch im Kreis drehen. Ihr besprecht wieder dieselbe Situation, geht Ursachen und mögliche Folgen durch und landet schließlich dort, wo ihr schon vorher wart.

Über Sorgen und Probleme zu reden kann entlasten, Gedanken sortieren und Nähe schaffen. Ein Gespräch kann sich aber auch im Kreis drehen. Ihr besprecht wieder dieselbe Situation, geht Ursachen und mögliche Folgen durch und landet schließlich dort, wo ihr schon vorher wart.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Das Alte überzeugt dich nicht mehr ganz, aber du weißt noch nicht, wovon du stattdessen überzeugt bist. Zwischen „Das stimmt für mich“ und „Ich sehe das jetzt anders“ liegt ein Zustand, den wir nicht immer gut aushalten: Ich weiß es gerade nicht.

Das Alte überzeugt dich nicht mehr ganz, aber du weißt noch nicht, wovon du stattdessen überzeugt bist. Zwischen „Das stimmt für mich“ und „Ich sehe das jetzt anders“ liegt ein Zustand, den wir nicht immer gut aushalten: Ich weiß es gerade nicht.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wir vermissen eine frühere Zeit nicht unbedingt, weil sie damals besser war. Wir vermissen möglicherweise das, was wir erst heute als wertvoll an ihr erkennen.

Wir vermissen eine frühere Zeit nicht unbedingt, weil sie damals besser war. Wir vermissen möglicherweise das, was wir erst heute als wertvoll an ihr erkennen.

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
Nach oben scrollen

Möchtest du neue Artikel nicht verpassen?

Wenn du über neue Beiträge, Bücher und Ratgeber von mir informiert werden möchtest, kannst du dich hier zu meinem Newsletter anmelden.