Warum bin ich so emotional?

Lesedauer: ca. 6 Minuten

„Du bist immer so emotional.“

So ein Satz klingt erst einmal wie eine Feststellung. Fast so, als hätte jemand etwas über dich erkannt, das sich eindeutig benennen und beurteilen lässt.

Aber was bedeutet „emotional“ eigentlich?

Manche Menschen müssen schnell weinen, andere werden sichtbar wütend. Ein Satz kann noch Stunden später nachwirken, während jemand anderes ihn längst vergessen hat. Manche freuen sich überschwänglich, sind schnell gerührt oder zeigen sehr deutlich, wenn sie etwas trifft.

All das kann mit demselben Wort beschrieben werden: emotional.

Interessant wird es in dem Moment, in dem daraus „zu emotional“ wird. Denn dann beschreiben wir nicht mehr nur eine Reaktion. Wir bewerten sie.

Stell dir vor, jemand sagt etwas zu dir. Für ihn ist es ein beiläufiger Satz. Er hat sich nichts Besonderes dabei gedacht. Dich trifft dieser Satz jedoch an einer empfindlichen Stelle und plötzlich kommen dir die Tränen.

Damit hat dein Gegenüber nicht gerechnet.

Er erschrickt, wird unsicher oder weiß im ersten Moment nicht, was er jetzt tun soll. Er wollte dich womöglich gar nicht verletzen und versteht selbst nicht, weshalb seine Worte bei dir so viel ausgelöst haben.

Und irgendwann fällt der Satz:

„Du reagierst aber auch sehr emotional.“

Was ist in diesem Moment eigentlich passiert?

Zwei Menschen haben dieselbe Situation vollkommen unterschiedlich erlebt.

Der eine denkt: Das war doch nur ein Satz.
Der andere fühlt: Das hat mich gerade wirklich getroffen.

Wenn jemand sagt: „Du bist zu emotional“, klingt das zunächst wie eine Feststellung über dich. Dabei steckt darin häufig auch etwas über denjenigen, der diesen Satz sagt. Vielleicht hat er mit deiner Reaktion nicht gerechnet. Vielleicht hätte ihn derselbe Satz nicht verletzt. Vielleicht wäre er in derselben Situation nicht wütend geworden oder hätte nicht geweint. Seine eigene Reaktion wird dann schnell zum Maßstab für deine.

Nur: Warum sollte sie das sein?

Hinter einer solchen Bewertung steckt oft auch eine Erwartung.

Ich dachte, du würdest darüber lachen.
Ich dachte, das macht dir nichts aus.
Ich dachte, du würdest ruhig bleiben.
Ich hätte nicht erwartet, dass dich das so trifft.

Der andere reagiert anders als gedacht. Und auf einmal muss auch derjenige, der etwas gesagt oder getan hat, mit dieser unerwarteten Reaktion umgehen.

Vielleicht sind wir in solchen Momenten gar nicht nur mit dem Gefühl eines anderen konfrontiert. Manchmal sind wir gleichzeitig mit unserer eigenen Hilflosigkeit darüber konfrontiert, dass dieser Mensch gerade ganz anders reagiert, als wir erwartet haben.

Der eine erschrickt und entschuldigt sich. Ein anderer bekommt ein schlechtes Gewissen. Jemand versucht zu trösten. Wieder jemand zieht sich zurück oder redet die Reaktion klein, weil er selbst gerade nicht weiß, wie er damit umgehen soll.

Aus dieser Überforderung kann ebenfalls ein Satz wie „Du bist zu emotional“ entstehen. Das macht ihn nicht automatisch richtig. Aber es verändert den Blick darauf.

Denn manchmal bedeutet er womöglich weniger: „Mit dir stimmt etwas nicht.“
Und mehr: „Ich weiß gerade überhaupt nicht, wie ich mit deiner Reaktion umgehen soll.“

Trotzdem bleibt eine andere Frage stehen:

Wer hat eigentlich das Recht, die angemessene Stärke eines fremden Gefühls festzulegen?

Dabei bewerten wir nicht einmal alle emotionalen Reaktionen gleich.

Wer herzlich lacht, sich begeistert oder vor Freude strahlt, gilt schnell als lebensfroh. Wer weint, wütend wird oder sichtbar verletzt ist, wird deutlich eher als „zu emotional“ bezeichnet.

Aber selbst das funktioniert nicht zuverlässig.
Denn es gibt auch die umgekehrte Version.

Jemand weint bei einer traurigen Nachricht sehr stark: zu emotional.
Jemand anderes weint überhaupt nicht: gefühlskalt.
Der eine freut sich überschwänglich: übertrieben.
Der andere reagiert ruhig: uninteressiert oder undankbar.

Wo genau liegt denn nun die angeblich richtige Menge Gefühl?

Nirgendwo.

Wenn es dafür tatsächlich verbindliche Regeln gäbe, könnten sie ungefähr so aussehen:

Situationzulässige Menge Gefühl
trauriger Film2 Tränen
Kritik30 % Betroffenheit
Streit4 Minuten Wut
gute Nachrichtmittlere Freude

So eine Tabelle wirkt absurd. Genau deshalb macht sie etwas sichtbar.

Wir haben Maßstäbe für emotionale Reaktionen im Kopf, obwohl diese Maßstäbe nirgends festgeschrieben sind.
Und trotzdem benutzen wir sie.

Wir vergleichen andere mit uns selbst. Mit unserer Familie. Mit Menschen, die wir kennen. Mit dem, was wir für normal halten. Mit Vorstellungen davon, wie man sich in einer bestimmten Situation angeblich verhält.

Manchmal übernehmen wir solche Maßstäbe sogar über Jahre hinweg.

Wer häufig gehört hat „Du bist viel zu empfindlich“, „Du nimmst dir alles zu Herzen“ oder „Jetzt wein doch nicht schon wieder“, fragt sich irgendwann vielleicht nicht mehr zuerst, was ihn eigentlich bewegt hat. Stattdessen entsteht die Frage, ob mit seiner Art zu fühlen etwas nicht stimmt.

Aus einer Bewertung von außen wird mit der Zeit eine Bewertung über sich selbst.

Warum bin ich so emotional?

Dabei sagt dieses Wort erstaunlich wenig darüber aus, was tatsächlich passiert.

„Emotional“ kann bedeuten, dass Gefühle schnell sichtbar werden. Dass sie intensiv erlebt werden. Dass jemand leicht berührt ist. Dass eine Reaktion länger anhält. Oder dass Worte, Situationen und Stimmungen stärker nachwirken als bei anderen Menschen.

Auch Sensibilität oder starkes Mitgefühl können dabei eine Rolle spielen. Manche Menschen nehmen Stimmungen, Worte oder kleine Veränderungen sehr fein wahr. Das bedeutet nicht automatisch, dass jeder emotionale Mensch besonders empathisch ist. Und jemand, der wenig Gefühle zeigt, besitzt deshalb nicht weniger Mitgefühl.

Menschen zeigen Berührung unterschiedlich.

Einer weint bei einem Film. Ein anderer sitzt daneben, ist genauso bewegt und hat trotzdem trockene Augen. Von außen lässt sich kaum erkennen, wie stark etwas im Inneren tatsächlich angekommen ist.

Zwei Menschen können sich also beide als sehr emotional erleben und damit völlig verschiedene Dinge meinen. Denn hinter diesem einen Wort können ganz unterschiedliche Gefühle stecken. Manchmal wissen wir sofort, was uns gerade so bewegt. In anderen Momenten merken wir nur, dass etwas sehr stark ist, ohne es gleich benennen zu können. „Emotional“ wird dann schnell zu einem Sammelbegriff für etwas, das eigentlich viel genauer betrachtet werden könnte.

Hinzu kommt, dass wir häufig ganz verschiedene Dinge miteinander vermischen. Jemand kann sehr wütend sein und trotzdem ruhig sprechen. Ein anderer kann weinen, ohne selbst das Gefühl zu haben, überzureagieren. Und Freude kann sich bei einem Menschen leise zeigen und bei einem anderen kaum zu übersehen sein.

Wie stark ein Gefühl ist, wie sichtbar es wird und was ein Mensch daraus macht, ist nicht dasselbe. Trotzdem beurteilen wir all das häufig in einem einzigen Atemzug.

Vielleicht verändert sich damit auch die Frage „Warum bin ich so emotional?“. Aus dem großen, eher allgemeinen Urteil können mit der Zeit viel konkretere Fragen werden.

Warum trifft mich Kritik so stark?
Warum muss ich so schnell weinen?
Warum werde ich so wütend?
Warum schäme ich mich, wenn andere sehen, dass mich etwas berührt?
Warum beschäftigt mich die Einschätzung eines anderen überhaupt so sehr?

Plötzlich geht es nicht mehr darum, ob man grundsätzlich „zu emotional“ ist. Es geht darum, was in einem bestimmten Moment eigentlich passiert – und das kann jedes Mal etwas anderes sein.

„Du bist zu emotional“ klingt auf den ersten Blick eindeutig.

So eindeutig ist es möglicherweise gar nicht.

Warum versuchen wir Gefühle überhaupt so häufig nach einer vermeintlich richtigen Menge zu beurteilen?

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