Warum bewundere ich einen Menschen, obwohl ich vieles an ihm nicht mag?

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Du magst seine Art nicht besonders. Manche seiner Ansichten sind dir fremd, über einige seiner Bemerkungen könntest du dich regelmäßig ärgern und bei bestimmten Verhaltensweisen fragst du dich, wie jemand so sein kann. Und trotzdem gibt es etwas an diesem Menschen, das dich beeindruckt. Eine Fähigkeit, sein Auftreten, eine besondere Eigenschaft oder etwas, das er erreicht hat. Du würdest ihn nicht unbedingt als Vorbild bezeichnen. Vielleicht möchtest du nicht einmal besonders viel Zeit mit ihm verbringen. Trotzdem musst du anerkennen: Das kann er wirklich gut.

Auf den ersten Blick passt das nicht recht zusammen. Wenn wir jemanden nicht mögen, scheint Bewunderung dort eigentlich keinen Platz zu haben. Doch dabei werfen wir zwei Dinge zusammen, die gar nicht dasselbe sein müssen: einen Menschen als Ganzes zu beurteilen und etwas Bestimmtes an ihm bemerkenswert zu finden.

Bewunderung kann sich sehr gezielt auf einzelne Seiten eines Menschen richten. Du kannst beeindruckt davon sein, wie sicher jemand vor vielen Menschen spricht, wie ausdauernd er an einer Sache arbeitet oder was er beruflich aufgebaut hat. Du kannst seine Kreativität, seinen Mut, seine Ausstrahlung oder ein besonderes Talent bewundern. Dafür musst du nicht alles andere an diesem Menschen ebenfalls gut finden.

Das wird deutlicher, wenn wir den Satz „Ich bewundere diesen Menschen“ ein wenig genauer betrachten. Häufig meinen wir nämlich etwas viel Begrenzteres: „Ich bewundere, was dieser Mensch geschafft hat.“ Oder: „Diese eine Eigenschaft an ihm beeindruckt mich.“ Das klingt ähnlich, ist aber nicht dasselbe. Im ersten Satz steckt schnell ein Urteil über die ganze Person. Im zweiten bekommt die Bewunderung einen konkreten Bezug.

Eine Leistung kann also anerkennenswert bleiben, auch wenn du mit der Person dahinter wenig anfangen kannst. Du musst deine Meinung über ihre Fähigkeiten nicht zurücknehmen, nur weil dir ihr Verhalten nicht gefällt. Sympathie, Zustimmung und Bewunderung können miteinander verbunden sein, müssen es aber nicht.

Gerade deshalb können unsere Gefühle gegenüber einem Menschen widersprüchlich werden. Eine Seite gefällt dir, eine andere stößt dich ab. Du erkennst etwas an und lehnst gleichzeitig anderes ab. Wir wünschen uns bei Menschen gern ein eindeutiges Bild: sympathisch oder unsympathisch, gut oder eben nicht. Doch so übersichtlich erleben wir andere selten. Ambivalenz entsteht gerade dort, wo unterschiedliche Eindrücke und Gefühle gleichzeitig vorhanden sind. Du musst daraus kein einheitliches Urteil machen.

Bewunderung bedeutet auch nicht automatisch, dass du selbst so sein möchtest. Du kannst den Mut eines Menschen beeindruckend finden, ohne seine Entscheidungen treffen zu wollen. Du kannst eine außergewöhnliche Karriere bewundern und trotzdem keinen Gefallen an dem Leben finden, das dafür geführt werden muss. Ebenso kannst du staunen, mit welcher Sicherheit jemand auftritt, obwohl diese Art überhaupt nicht zu dir passen würde.

Natürlich kann Bewunderung auch etwas in uns anstoßen. Jemand zeigt uns, was möglich ist, und plötzlich entsteht der Wunsch, selbst etwas auszuprobieren oder eine Fähigkeit weiterzuentwickeln. Doch das ist nur eine Möglichkeit. Bewunderung darf auch einfach bei der Feststellung bleiben: Das finde ich bemerkenswert.

Besonders deutlich wird diese Trennung bei Menschen, die wir gar nicht persönlich kennen. Eine Autorin schreibt ein Buch, das dich begeistert. Ein Sportler erreicht etwas Außergewöhnliches. Eine Unternehmerin baut über Jahre etwas Erfolgreiches auf. Ein Musiker beherrscht sein Instrument auf eine Weise, die dich staunen lässt. Du kannst diese Leistung aufrichtig bewundern und trotzdem kaum etwas darüber wissen, wie dieser Mensch im Alltag ist.

Was wir von einem Menschen sehen, ist ohnehin nur ein Ausschnitt. Bei Menschen des öffentlichen Lebens kann dieser Ausschnitt besonders klein sein. Wir kennen ihre Arbeit, ihren Erfolg, einen Auftritt oder das, was sie von sich zeigen. Daraus können wir beurteilen, was uns daran beeindruckt. Ob wir den Menschen selbst mögen würden, wenn wir ihn wirklich kennten, ist eine ganz andere Frage.

Noch komplizierter wird es, wenn sich zur Bewunderung andere Gefühle gesellen. Du siehst jemanden, der scheinbar mühelos erreicht, wofür du selbst lange kämpfen musst. Türen öffnen sich, Gelegenheiten ergeben sich, Erfolge folgen aufeinander. Ein Teil von dir kann beeindruckt davon sein, wie mühelos dieser Mensch scheinbar durchs Leben kommt. Gleichzeitig kann es dich ärgern, dass ihm etwas so leicht zuzufallen scheint.

Dann können Bewunderung, Neid und Frustration erstaunlich nah beieinanderliegen. Du erkennst an, was jemand hat oder erreicht hat, und spürst zugleich, dass du selbst gern etwas davon hättest. Dabei kann es sich für dich sogar ungerecht anfühlen, wie unterschiedlich Chancen, Erfolge oder Möglichkeiten verteilt sind. Gerade wenn du weißt, wie viel Mühe dich ein ähnlicher Weg kostet, kann der scheinbar leichte Erfolg eines anderen schwer auszuhalten sein.

Das macht deine Bewunderung nicht unehrlich. Es zeigt vielmehr, dass ein anderer Mensch in dir mehrere Reaktionen gleichzeitig auslösen kann. Du kannst denken: „Das ist beeindruckend“ und fast im selben Moment: „Warum gelingt ihm das so leicht?“ Du musst dabei nicht entscheiden, welches dieser Gefühle nun das „richtige“ ist. Interessanter ist die Frage, worauf sich jedes einzelne von ihnen richtet.

Und dann gibt es noch eine ganz andere Art, wie wir das Wort Bewunderung benutzen. „Ich bewundere ja, womit der immer durchkommt.“ Oder: „Es ist schon bewundernswert, dass sie das jedes Mal wieder schafft.“ Solche Sätze können ausgesprochen anerkennend gemeint sein. Sie können aber auch genau das Gegenteil ausdrücken.

Im Alltag benutzen wir „bewundern“ durchaus ironisch. Dann sind wir nicht wirklich von einer Leistung angetan. Wir wundern uns über ein Verhalten, darüber, was jemand sich herausnimmt, oder ärgern uns, dass jemand damit immer wieder Erfolg hat. Das Wort bleibt dasselbe, doch das Gefühl dahinter kann ein ganz anderes sein.

Deshalb lohnt es sich, bei widersprüchlicher Bewunderung genauer hinzusehen. Was beeindruckt dich an diesem Menschen eigentlich? Es kann eine einzelne Fähigkeit sein, sein Erfolg, seine Wirkung auf andere, sein Aussehen, sein Mut oder etwas, das er geschaffen hat. Möglicherweise ist es etwas, das du selbst gern könntest – oder etwas, das du lediglich außergewöhnlich findest. Und bei einem ironischen „Das bewundere ich ja“ steckt womöglich gar keine Bewunderung dahinter, sondern erstaunte Fassungslosigkeit.

Je genauer du das auseinanderhältst, desto weniger widersprüchlich muss sich dein Gefühl anfühlen. Du musst eine Leistung nicht kleinreden, weil dir die Person dahinter unsympathisch ist. Und du musst aus deiner Bewunderung weder Zustimmung noch ein Vorbild machen.

Menschen können Seiten haben, die uns beeindrucken, und andere, die wir ablehnen. Unsere Gefühle müssen daraus kein glattes Gesamtbild machen. Es darf reichen, etwas anzuerkennen, das für dich bemerkenswert ist, und trotzdem bei allem anderen bei deiner eigenen Haltung zu bleiben.

Was hast du zuletzt an einem Menschen bewundert – eine Fähigkeit, eine Leistung, eine Eigenschaft oder vielleicht etwas, das du selbst ganz anders machen würdest?




Wenn du Bewunderung einmal nicht nur erklären, sondern ihr gewissermaßen zuhören möchtest, findest du sie in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort kommt die Bewunderung – neben vielen anderen Gefühlen – selbst zu Wort und erzählt aus ihrer eigenen Perspektive, was sie in uns wahrnimmt und bewegt. Anschließend laden dich Reflexionsseiten dazu ein, genauer hinzuschauen: Wen oder was bewunderst du, was löst dieses Gefühl in dir aus und wo berührt es vielleicht etwas Eigenes?

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