Warum bedeutet mir Anerkennung so viel, obwohl ich selbst weiß, was ich leiste?

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Du hast dir Mühe gegeben, Verantwortung übernommen oder etwas geschafft, auf das du selbst stolz bist. Du weißt, wie viel Arbeit dahintersteckt, und kannst deine eigene Leistung durchaus einschätzen. Trotzdem kann es enttäuschen, wenn von anderen nichts kommt.

Das wirkt zunächst widersprüchlich. Wenn du selbst weißt, was du leistest, warum sollte dir die Anerkennung anderer dann noch so wichtig sein? Doch eigener Stolz und Anerkennung von außen erfüllen nicht dieselbe Aufgabe. Du kannst mit deiner Leistung zufrieden sein und dir gleichzeitig wünschen, dass auch ein anderer Mensch wahrnimmt, was du getan hast.

Du selbst weißt, welches Ziel du dir gesetzt hast, welche Schwierigkeiten du überwunden und wie viel Zeit oder Kraft du investiert hast. Daraus kann ein ganz eigener Stolz entstehen. Ein anderer Mensch kann dir jedoch etwas zurückgeben, das du dir selbst nicht geben kannst: seine Wahrnehmung. Er kann dir zeigen, dass dein Einsatz nicht nur für dich eine Bedeutung hatte, sondern auch bei ihm angekommen ist.

Dafür braucht es kein großes Lob. Ein Kollege bedankt sich dafür, dass du ihm Arbeit abgenommen hast. Dein Partner bemerkt, dass du dich um etwas gekümmert hast, das erledigt werden musste. Jemand sagt dir, dass deine Hilfe genau im richtigen Moment kam. Solche Rückmeldungen zeigen nicht nur, dass jemand etwas gut findet. Du merkst an ihnen, dass er tatsächlich hingesehen hat.

Gerade deshalb kann eine konkrete Rückmeldung mehr bedeuten als ein beiläufiges „Super gemacht“. Wenn du dich über Wochen in eine Aufgabe hineingekniet hast, macht es einen Unterschied, ob jemand nur das Ergebnis lobt oder auch wahrnimmt, was dahintersteckte. Wertschätzung zeigt sich nicht allein darin, dass etwas Positives gesagt wird, sondern auch darin, ob dein Beitrag wirklich erkannt wurde.

Im Beruf können Worte zudem nur eine Form der Anerkennung sein. Wer zusätzliche Verantwortung übernimmt, Abläufe verbessert, Ideen entwickelt oder über längere Zeit deutlich mehr leistet, kann sich wünschen, dass dieser Einsatz auch auf andere Weise berücksichtigt wird. Anerkennung kann sich darin zeigen, dass Vorschläge ernst genommen, besondere Leistungen berücksichtigt oder zusätzlicher Einsatz angemessen honoriert werden. Ein freundliches Dankeschön verliert nicht seinen Wert, nur weil es keine Prämie gibt. Enttäuschend kann es dennoch sein, wenn außergewöhnlicher Einsatz dauerhaft gelobt wird, ohne darüber hinaus irgendeinen Unterschied zu machen.

Besonders leicht übersehen wir Leistungen, die zuverlässig erbracht werden. Was jeden Tag funktioniert, fällt irgendwann kaum noch auf. Der Kollege, der immer mitdenkt. Die Freundin, die sich zuverlässig meldet. Der Partner, der sich um Einkäufe kümmert. Der Mensch, der Termine im Blick behält, Rechnungen erledigt, Essen kocht, Angehörige unterstützt oder dafür sorgt, dass im Hintergrund vieles läuft.

Solange all das geschieht, erscheint es schnell selbstverständlich. Erst wenn etwas liegen bleibt, merken andere, dass sich bislang jemand darum gekümmert hat. Genau hier kann fehlende Anerkennung schmerzen – nicht unbedingt, weil du für jede erledigte Aufgabe gelobt werden möchtest, sondern weil irgendwann das Gefühl entstehen kann, dass niemand mehr sieht, was du eigentlich beiträgst.

Wer sich über längere Zeit besonders einbringt und erlebt, dass dieser zusätzliche Einsatz kaum wahrgenommen oder berücksichtigt wird, kann irgendwann aufhören, immer noch etwas obendrauf zu legen. Die eigene Arbeit wird deshalb nicht automatisch schlechter. Du kannst deine Aufgaben weiterhin gewissenhaft erledigen und trotzdem entscheiden, nicht mehr selbstverständlich zusätzliche Zeit und Kraft zu investieren. Gerade bei fehlender Anerkennung im Job kann aus freiwilligem Mehreinsatz so wieder genau das werden, was vereinbart ist.

Umgekehrt kann Anerkennung zeigen, dass sich ein Einsatz ausgewirkt hat. Ein ehrliches Feedback vermittelt nicht nur Wertschätzung, sondern auch Information: Das, was du getan hast, hat geholfen. Deine Idee hat etwas verbessert. Deine Unterstützung hat mir Arbeit erleichtert. Ich konnte mich auf dich verlassen.

Das kann motivieren, weil du merkst, dass dein Einsatz tatsächlich etwas bewirkt hat. Menschen arbeiten und leben schließlich nicht unabhängig voneinander. Wir unterstützen uns, übernehmen Aufgaben füreinander und sind darauf angewiesen, dass andere ihren Teil beitragen. Wenn du merkst, dass dein Einsatz gesehen wird, kann das die Bereitschaft stärken, dich weiterhin einzubringen. Und wer selbst Wertschätzung erfährt, nimmt oft auch bewusster wahr, was andere beitragen.

In einer Partnerschaft wird das besonders deutlich. Dort gehören viele Dinge selbstverständlich zum gemeinsamen Leben. Niemand muss in den Himmel gehoben werden, weil er die Wäsche aufgehängt, eingekauft oder das Abendessen gekocht hat. Wer gemeinsam lebt, trägt auch gemeinsam Verantwortung.

Trotzdem ist es ein Unterschied, ob solche Beiträge selbstverständlich dazugehören oder ob der Mensch, der sie leistet, irgendwann selbstverständlich übersehen wird. Ein „Danke, dass du heute gekocht hast“ erklärt das Kochen nicht zu einer außergewöhnlichen Leistung. Es kann schlicht heißen: Ich habe gesehen, dass du heute etwas für uns übernommen hast.

Auch wenn etwas nicht genauso erledigt wurde, wie du selbst es gemacht hättest, muss der erste Blick nicht sofort auf das gerichtet sein, was daran noch besser sein könnte. Du kannst zunächst sehen, dass der andere sich gekümmert hat, und trotzdem ansprechen, wenn du dir etwas beim nächsten Mal anders wünschst. Anerkennung verlangt weder Begeisterung über jede Kleinigkeit noch den Verzicht auf Kritik.

Bei gegenseitiger Wertschätzung geht es nicht darum, jeden einzelnen Beitrag gegeneinander aufzurechnen. Wichtiger ist, dass beide noch wahrnehmen, was der andere in das gemeinsame Leben einbringt.

Wer selbst Anerkennung vermisst, schaut verständlicherweise zuerst auf das, was ihm fehlt. Gerade dann kann es sich lohnen, auch den eigenen Blick zu prüfen: Was tut ein anderer regelmäßig für mich, das ich längst kaum noch bemerke? Das kann der Partner sein, der jeden Morgen die Kinder fertig macht, oder die Kollegin, die zuverlässig einspringt, wenn es eng wird.

Gegenseitige Wertschätzung beginnt deshalb nicht mit ständigem Lob. Sie beginnt mit Aufmerksamkeit. Mit dem Wissen, dass hinter einem gut funktionierenden Alltag Menschen stehen, die Zeit, Kraft, Gedanken und Fürsorge hineinstecken.

Die eigene Einschätzung bleibt trotzdem wichtig. Du darfst wissen, was du geleistet hast, und darauf stolz sein, auch wenn ein anderer es nicht sieht. Seine fehlende Anerkennung macht deine Leistung nicht kleiner.

Und trotzdem darf es dir etwas bedeuten, gesehen zu werden. Anerkennung muss dir nicht sagen, was du wert bist. Sie kann dir zeigen, dass das, was du tust, für einen anderen Menschen nicht unsichtbar geblieben ist.

Von wem wünschst du dir mehr Anerkennung – und wem könntest du selbst heute zeigen: Ich sehe, was du tust?




Wenn du Wertschätzung noch aus einer anderen Perspektive kennenlernen möchtest, findest du sie in „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“. Dort kommt die Wertschätzung – neben anderen Gefühlen – selbst zu Wort und erzählt aus ihrer eigenen Sicht davon, was es bedeuten kann, einen Menschen, seinen Beitrag und das, was er in unser Leben bringt, bewusst wahrzunehmen. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dich dazu ein, deine eigenen Erfahrungen mit Wertschätzung in Ruhe anzuschauen und darüber nachzudenken, wo du sie empfängst, wo sie dir fehlt und wie du sie selbst anderen Menschen zeigen möchtest.


Passend zu diesem Thema

Über Sorgen und Probleme zu reden kann entlasten, Gedanken sortieren und Nähe schaffen. Ein Gespräch kann sich aber auch im Kreis drehen. Ihr besprecht wieder dieselbe Situation, geht Ursachen und mögliche Folgen durch und landet schließlich dort, wo ihr schon vorher wart.
Lesedauer: ca. 6 Minuten
Das Alte überzeugt dich nicht mehr ganz, aber du weißt noch nicht, wovon du stattdessen überzeugt bist. Zwischen „Das stimmt für mich“ und „Ich sehe das jetzt anders“ liegt ein Zustand, den wir nicht immer gut aushalten: Ich weiß es gerade nicht.
Lesedauer: ca. 6 Minuten
Wir vermissen eine frühere Zeit nicht unbedingt, weil sie damals besser war. Wir vermissen möglicherweise das, was wir erst heute als wertvoll an ihr erkennen.
Lesedauer: ca. 6 Minuten
Besonders schwer kann das werden, wenn du dem anderen die Aufgabe nicht richtig zutraust. Möglicherweise hast du schon erlebt, dass etwas vergessen, zu spät erledigt oder nur halb fertig zurückgegeben wurde. Dann hat deine Zurückhaltung einen konkreten Grund. Etwas anderes ist es, wenn der andere die Aufgabe durchaus bewältigen kann, aber anders vorgeht als du. Dann lohnt sich die Frage:
Lesedauer: ca. 6 Minuten

Finde das Gefühl, das dich gerade beschäftigt

Suche direkt nach einem Gefühl oder öffne die Übersicht mit allen 79 Gefühlen.

Hier kannst du weiterlesen

Besonders schwer kann das werden, wenn du dem anderen die Aufgabe nicht richtig zutraust. Möglicherweise hast du schon erlebt, dass etwas vergessen, zu spät erledigt oder nur halb fertig zurückgegeben wurde. Dann hat deine Zurückhaltung einen konkreten Grund. Etwas anderes ist es, wenn der andere die Aufgabe durchaus bewältigen kann, aber anders vorgeht als du. Dann lohnt sich die Frage:

Besonders schwer kann das werden, wenn du dem anderen die Aufgabe nicht richtig zutraust. Möglicherweise hast du schon erlebt, dass etwas vergessen, zu spät erledigt oder nur halb fertig zurückgegeben wurde. Dann hat deine Zurückhaltung einen konkreten Grund. Etwas anderes ist es, wenn der andere die Aufgabe durchaus bewältigen kann, aber anders vorgeht als du. Dann lohnt sich die Frage: Ist das Ergebnis tatsächlich schlechter oder ist nur der Weg dorthin ein anderer?

Lesedauer: ca. 6 Minuten
Unsichtbar zu sein und gerade nicht im Mittelpunkt zu stehen, sind zwei sehr verschiedene Dinge. Du kannst lange zuhören und dich trotzdem zugehörig fühlen. Du kannst wenig sagen und merken, dass die anderen dich wahrnehmen. Und du kannst viel reden und trotzdem das Gefühl haben, dass niemand wirklich auf das eingeht, was du sagst.

Unsichtbar zu sein und gerade nicht im Mittelpunkt zu stehen, sind zwei sehr verschiedene Dinge. Du kannst lange zuhören und dich trotzdem zugehörig fühlen. Du kannst wenig sagen und merken, dass die anderen dich wahrnehmen. Und du kannst viel reden und trotzdem das Gefühl haben, dass niemand wirklich auf das eingeht, was du sagst.

Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der äußere Anlass ist vorbei, aber innerlich läuft der Tag noch ein Stück weiter. Gedanken springen zu dem, was morgen ansteht, zu einem Gespräch oder zu etwas, das du nicht vergessen möchtest.

Der äußere Anlass ist vorbei, aber innerlich läuft der Tag noch ein Stück weiter. Gedanken springen zu dem, was morgen ansteht, zu einem Gespräch oder zu etwas, das du nicht vergessen möchtest.

Lesedauer: ca. 6 Minuten
Hier wird der Unterschied zwischen Neid und Missgunst wichtig. Neid kann bedeuten: Das möchte ich auch haben oder erreichen. Missgunst geht weiter: Du möchtest nicht nur selbst etwas haben, sondern wünschst dir zugleich, dass der andere seinen Vorteil nicht hätte.

Hier wird der Unterschied zwischen Neid und Missgunst wichtig. Neid kann bedeuten: Das möchte ich auch haben oder erreichen. Missgunst geht weiter: Du möchtest nicht nur selbst etwas haben, sondern wünschst dir zugleich, dass der andere seinen Vorteil nicht hätte.

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
Nach oben scrollen

Möchtest du neue Artikel nicht verpassen?

Wenn du über neue Beiträge, Bücher und Ratgeber von mir informiert werden möchtest, kannst du dich hier zu meinem Newsletter anmelden.