Muss ich dankbar sein, wenn sich etwas für mich nicht richtig anfühlt?

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Jemand möchte dir helfen. Er nimmt sich Zeit, hört dir zu, macht sich Gedanken und gibt dir einen Rat. Eigentlich müsstest du dich darüber freuen. Stattdessen sitzt du da und denkst: Das hilft mir gerade überhaupt nicht. Oder noch deutlicher: Das möchte ich so nicht.

Und schon wird es unangenehm. Schließlich hat sich der andere Mühe gegeben. Er wollte etwas Gutes tun. Darf man eine solche Hilfe ablehnen und trotzdem dankbar dafür sein?

Ja. Denn du kannst anerkennen, dass jemand für dich da sein wollte, ohne deshalb alles gut finden oder annehmen zu müssen, was er dir anbietet.

Dankbarkeit kann sich schon darauf beziehen, dass sich jemand mit deinem Problem beschäftigt hat. Vielleicht hat er dir zugehört, nach einer Lösung gesucht oder dir einen Denkanstoß gegeben. Das Ergebnis muss nicht genau das sein, was du gebraucht hast. Trotzdem war da ein Mensch, der sich Zeit für dich genommen und versucht hat, dir weiterzuhelfen.

Das wird leicht übersehen, wenn du dir etwas anderes erhofft hast. Du erzählst von einem Problem und erwartest einen konkreten Vorschlag. Stattdessen bekommst du nur einen kleinen Hinweis, mit dem du selbst weitermachen sollst. Du bist enttäuscht, weil du dir mehr Hilfe gewünscht hast. Der andere wiederum glaubt womöglich, dass gerade dieser Denkanstoß hilfreich für dich sein könnte.

Andersherum funktioniert es genauso. Du möchtest einfach erzählen, weil dich etwas beschäftigt. Du brauchst keine Lösung und keinen Plan. Doch kaum hast du ausgesprochen, was los ist, bekommst du eine ganze Reihe von Ratschlägen. Auch das kann gut gemeint sein und trotzdem an dem vorbeigehen, was du in diesem Moment gebraucht hättest.

Deshalb lohnt sich bei enttäuschender Hilfe auch die Frage: Was habe ich eigentlich erwartet? Und wusste der andere davon?

Wir können nicht davon ausgehen, dass ein anderer Mensch automatisch weiß, welche Art von Unterstützung wir gerade brauchen. Manchmal hilft schon ein klarer Satz: „Ich muss das gerade einfach einmal erzählen.“ Oder: „Ich komme allein nicht weiter. Kannst du mir bitte sagen, wie du das machen würdest?“ Damit bekommt der andere überhaupt erst die Chance, dir so zu helfen, wie du es dir wünschst.

Die Verantwortung für diese Verständigung liegt aber nicht nur bei demjenigen, der Hilfe braucht. Auch wenn du glaubst, dass jemand deine Unterstützung gebrauchen könnte, musst du nicht sofort mit einem Rat oder einer Lösung loslegen. Du kannst erst einmal fragen: „Möchtest du meine Hilfe?“ Oder: „Ich hätte eine Idee dazu. Möchtest du sie hören?“ Vielleicht auch ganz einfach: „Soll ich dir helfen oder möchtest du es erst einmal selbst versuchen?“

Damit bietest du etwas an, ohne es dem anderen aufzudrängen, und lässt ihm die Möglichkeit zu sagen, was er gerade braucht. Einen Rat, tatkräftige Unterstützung, einen Denkanstoß, jemanden zum Zuhören – oder eben gar keine Hilfe.

Denn es macht einen Unterschied, ob du jemanden um Unterstützung gebeten hast oder ob er sich ungefragt einmischt. Ein gut gemeinter Rat kann schnell nerven, wenn du ihn gar nicht haben wolltest. Besonders dann, wenn dir immer wieder jemand erklärt, wie du etwas machen solltest, obwohl du es selbst entscheiden oder ausprobieren möchtest.

Irgendwann kann sich das weniger nach Hilfe und mehr danach anfühlen, als traue dir jemand nicht zu, selbst eine Lösung zu finden. Dann geht es nicht mehr nur darum, ob der Rat gut oder schlecht ist. Es geht auch darum, dass du selbst entscheiden möchtest, wann du Unterstützung brauchst und wann nicht.

Auch in dieser Situation kannst du den guten Willen des anderen sehen und trotzdem eine Grenze setzen. „Danke, dass du mir helfen möchtest. Ich würde es gern erst einmal selbst versuchen.“ Oder: „Danke für deinen Tipp. Für mich fühlt sich das aber nicht richtig an, deshalb werde ich es anders machen.“

Ein solches Danke bedeutet nicht, dass du zustimmst. Du bedankst dich dafür, dass sich jemand Gedanken gemacht hat oder dir helfen wollte. Was du anschließend mit seinem Rat machst, ist eine andere Frage.

Auch für denjenigen, der helfen wollte, macht es einen Unterschied, wie du reagierst. Zwischen „Misch dich nicht ein“ und „Danke, aber ich möchte das allein versuchen“ liegt mehr als nur eine freundlichere Formulierung. Im zweiten Satz erfährt der andere: Ich habe gesehen, dass du mir helfen wolltest. Ich möchte deine Hilfe trotzdem nicht annehmen.

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen Hilfe nicht ganz so uneigennützig angeboten wird. Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Jemand tut etwas für dich und du fragst dich schon im selben Moment, was irgendwann dafür zurückerwartet wird. Aus einem freundlichen Angebot wird dann innerlich schnell eine Rechnung: Du hast mir geholfen, also muss ich dir später auch helfen.

Dankbarkeit und das Gefühl, jemandem etwas schuldig zu sein, sind aber nicht dasselbe. Du kannst dich ehrlich über die Hilfe eines Menschen freuen und aus eigenem Wunsch später etwas für ihn tun. Anders fühlt es sich an, wenn eine Gegenleistung erwartet wird, über die ihr nie gesprochen habt.

Das funktioniert auch in die andere Richtung. Wenn du glaubst, dass dir jemand noch etwas schuldet, kann deine Erwartung an seine Hilfe besonders groß werden. Ein kleiner Rat reicht dir dann womöglich nicht. Du erwartest mehr Zeit, mehr Einsatz oder sogar die Lösung, die du für richtig hältst. Dann lohnt sich die Frage, was tatsächlich zwischen euch vereinbart war und was du selbst zusätzlich erwartest.

Nicht jede empfundene Verpflichtung beruht also auf einer wirklichen Abmachung. Und nicht jedes Gefühl von „Nach allem, was ich für dich getan habe“ sagt etwas darüber aus, was der andere tatsächlich zugesagt hat. Gerade dort können Dankbarkeit, Erwartungen und Schuldgefühle sehr schnell ineinandergeraten.

Bei all diesen Fragen gibt es noch eine Seite, die leicht vergessen wird: Hilfe kann auch dem Menschen guttun, der sie gibt. Wenn du jemandem helfen kannst, merkst du vielleicht, dass dein Wissen nützlich war, dass du etwas beitragen oder jemandem etwas leichter machen konntest. Es kann guttun zu erleben: Ich konnte für einen Menschen etwas tun. Dazu kommt die Freude darüber, etwas Sinnvolles beigetragen zu haben oder einfach die Erfahrung, dass das eigene Angebot angenommen und geschätzt wurde.

Das verpflichtet dich natürlich nicht dazu, Hilfe anzunehmen, die du nicht möchtest. Aber wenn du Unterstützung grundsätzlich immer ablehnst, weil du alles allein schaffen willst, nimmst du dem anderen auch die Möglichkeit, etwas für dich tun zu können und zu erleben, dass sein Beitrag tatsächlich hilfreich war.

Vielleicht hilft deshalb eine genauere Frage: Wofür bin ich eigentlich dankbar? Für die konkrete Hilfe? Für die Zeit? Für die Mühe? Für den Gedanken dahinter? Und was davon passt trotzdem nicht zu mir?

Dann können zwei Dinge gleichzeitig wahr sein. Du kannst die Absicht eines Menschen schätzen und seinen Rat ablehnen. Du kannst dich für ein Angebot bedanken und es nicht annehmen. Du kannst Hilfe annehmen und trotzdem selbst entscheiden, welchen Weg du danach gehst.

Und wenn du selbst helfen möchtest, kannst du dem anderen dieselbe Freiheit lassen. Du kannst etwas anbieten, ohne vorauszusetzen, dass dein Rat gebraucht wird oder deine Lösung die richtige sein muss.

Vielleicht ist genau das ein guter Gedanke für das nächste Mal, wenn dir jemand helfen möchte:

Wie leicht fällt es dir, für eine Hilfe ehrlich Danke zu sagen und trotzdem deinen eigenen Weg zu gehen?




Dankbarkeit gehört zu den Gefühlen, die im Buch „Ich bin dein Gefühl – Band IV – Licht – Die hellen Gefühle“ selbst zu Wort kommt. Dort begegnet dir das Gefühl nicht nur als Begriff: Es spricht aus seiner eigenen Perspektive und macht verständlich, was es in uns bewegt, worauf es aufmerksam machen kann und wie es sich von anderen Gefühlen unterscheidet. Auf den Referenzseiten kannst du einzelne Gedanken und Zusammenhänge später noch einmal gezielt nachschlagen. Wenn du Dankbarkeit über diesen Artikel hinaus näher kennenlernen möchtest, findest du dort eine ruhige, persönliche Vertiefung.

Passend zu diesem Thema

Das Alte überzeugt dich nicht mehr ganz, aber du weißt noch nicht, wovon du stattdessen überzeugt bist. Zwischen „Das stimmt für mich“ und „Ich sehe das jetzt anders“ liegt ein Zustand, den wir nicht immer gut aushalten: Ich weiß es gerade nicht.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wir vermissen eine frühere Zeit nicht unbedingt, weil sie damals besser war. Wir vermissen möglicherweise das, was wir erst heute als wertvoll an ihr erkennen.
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Besonders schwer kann das werden, wenn du dem anderen die Aufgabe nicht richtig zutraust. Möglicherweise hast du schon erlebt, dass etwas vergessen, zu spät erledigt oder nur halb fertig zurückgegeben wurde. Dann hat deine Zurückhaltung einen konkreten Grund. Etwas anderes ist es, wenn der andere die Aufgabe durchaus bewältigen kann, aber anders vorgeht als du. Dann lohnt sich die Frage:
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Unsichtbar zu sein und gerade nicht im Mittelpunkt zu stehen, sind zwei sehr verschiedene Dinge. Du kannst lange zuhören und dich trotzdem zugehörig fühlen. Du kannst wenig sagen und merken, dass die anderen dich wahrnehmen. Und du kannst viel reden und trotzdem das Gefühl haben, dass niemand wirklich auf das eingeht, was du sagst.
Lesedauer: ca. 7 Minuten

Finde das Gefühl, das dich gerade beschäftigt

Suche direkt nach einem Gefühl oder öffne die Übersicht mit allen 79 Gefühlen.

Hier kannst du weiterlesen

Freundlichkeit und Sympathie sind nicht dasselbe. Du kannst wahrnehmen, dass jemand höflich, hilfsbereit oder zugewandt ist, ohne dich deshalb automatisch zu ihm hingezogen zu fühlen. Ein Mensch kann vieles mitbringen, was du grundsätzlich positiv findest, und trotzdem nicht dein Mensch sein.

Freundlichkeit und Sympathie sind nicht dasselbe. Du kannst wahrnehmen, dass jemand höflich, hilfsbereit oder zugewandt ist, ohne dich deshalb automatisch zu ihm hingezogen zu fühlen. Ein Mensch kann vieles mitbringen, was du grundsätzlich positiv findest, und trotzdem nicht dein Mensch sein.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Über Sorgen und Probleme zu reden kann entlasten, Gedanken sortieren und Nähe schaffen. Ein Gespräch kann sich aber auch im Kreis drehen. Ihr besprecht wieder dieselbe Situation, geht Ursachen und mögliche Folgen durch und landet schließlich dort, wo ihr schon vorher wart.

Über Sorgen und Probleme zu reden kann entlasten, Gedanken sortieren und Nähe schaffen. Ein Gespräch kann sich aber auch im Kreis drehen. Ihr besprecht wieder dieselbe Situation, geht Ursachen und mögliche Folgen durch und landet schließlich dort, wo ihr schon vorher wart.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Das Alte überzeugt dich nicht mehr ganz, aber du weißt noch nicht, wovon du stattdessen überzeugt bist. Zwischen „Das stimmt für mich“ und „Ich sehe das jetzt anders“ liegt ein Zustand, den wir nicht immer gut aushalten: Ich weiß es gerade nicht.

Das Alte überzeugt dich nicht mehr ganz, aber du weißt noch nicht, wovon du stattdessen überzeugt bist. Zwischen „Das stimmt für mich“ und „Ich sehe das jetzt anders“ liegt ein Zustand, den wir nicht immer gut aushalten: Ich weiß es gerade nicht.

Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wir vermissen eine frühere Zeit nicht unbedingt, weil sie damals besser war. Wir vermissen möglicherweise das, was wir erst heute als wertvoll an ihr erkennen.

Wir vermissen eine frühere Zeit nicht unbedingt, weil sie damals besser war. Wir vermissen möglicherweise das, was wir erst heute als wertvoll an ihr erkennen.

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Wenn du Gefühle noch besser verstehen möchtest

Die Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ widmet sich 79 Gefühlen und ihren unterschiedlichen Seiten. Jedes Gefühl kommt selbst zu Wort und zeigt, was es auslösen kann, wie es sich bemerkbar macht und was dahinterliegen könnte. So kannst du das gerade gelesene Gefühl vertiefen und andere Gefühle besser kennenlernen.

Die vier Bände der Buchreihe „Ich bin dein Gefühl“ von Aveline Gray
Nach oben scrollen

Möchtest du neue Artikel nicht verpassen?

Wenn du über neue Beiträge, Bücher und Ratgeber von mir informiert werden möchtest, kannst du dich hier zu meinem Newsletter anmelden.