Wie kann ich für jemanden da sein, wenn wir beide um denselben Menschen trauern?

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Du besuchst deine Schwester, und irgendwann holt sie ein Fotoalbum hervor. Seit eure Mutter gestorben ist, schaut sie sich oft die Bilder von früher an. Sie möchte Erinnerungen mit dir teilen, aber du hältst es heute kaum aus, über eure Mutter zu sprechen. Du möchtest für deine Schwester da sein, doch der Verlust tut dir selbst genauso weh. Wie könnt ihr euch gegenseitig helfen, wenn ihr beide so traurig seid?

Auch wenn ihr denselben Menschen verloren habt, erlebt ihr eure Trauer nicht auf dieselbe Weise. Jeder von euch hatte seine eigene Beziehung zu eurer Mutter, eigene Erinnerungen und Erlebnisse mit ihr. Was du besonders vermisst, muss nicht dasselbe sein, was deiner Schwester fehlt. Das gilt auch für Partner, Freunde und andere Angehörige, die gemeinsam einen Menschen verloren haben.

Gerade weil ihr beide betroffen seid, fällt es oft schwer, die eigenen Bedürfnisse anzusprechen. Du möchtest deine Schwester nicht verletzen, brauchst aber selbst Verständnis und Rücksicht. In meinem Ratgeber „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ findest du in Kapitel 19 „Wenn du selbst überfordert bist“ einen eigenen Abschnitt für Menschen, die um dieselbe Person trauern. Dort gibt es ausführlichere Gesprächsbeispiele, die euch helfen können, unterschiedliche Wünsche, Gesprächspausen und persönliche Grenzen freundlich anzusprechen.

Im Alltag zeigt sich schnell, wie verschieden eure Bedürfnisse sind. Deine Schwester möchte über eure Mutter erzählen, während dir heute eher nach Ruhe ist. Ein anderes Mal möchtest du eine Erinnerung teilen, aber sie hat gerade keine Kraft dafür. Versucht, solche Momente nicht als Ablehnung zu verstehen. Wenn einer nicht reden möchte, bedeutet das nicht, dass ihm der andere oder der verstorbene Mensch weniger wichtig ist.

Verletzend kann es werden, wenn ihr anfangt, eure Trauer miteinander zu vergleichen. Vielleicht wundert sich deine Schwester, dass du schon wieder arbeiten gehst oder mit Freunden lachst. Du verstehst dagegen nicht, warum sie sich so zurückzieht. Aus solchen Unterschieden können Vorwürfe entstehen, obwohl ihr euch beide nach Verständnis sehnt. Doch niemand kann am Verhalten des anderen ablesen, wie sehr er eure Mutter geliebt hat. Und keiner muss beweisen, dass er genauso traurig ist wie der andere.

Aus Liebe versuchen wir auch, die eigene Traurigkeit vor dem anderen zu verbergen. Du möchtest deine Schwester schonen und hältst deine Tränen zurück, obwohl du selbst Trost gebrauchen könntest. Doch wenn du deine Gefühle ständig versteckst, bleibt deine eigene Trauer auf der Strecke. Du hast schließlich denselben Menschen verloren. Keiner von euch muss immer der Stärkere sein.

Deshalb ist es wichtig, ehrlich miteinander zu sprechen. Du kannst deiner Schwester sagen: „Ich möchte dir gern zuhören, aber heute bin ich selbst so traurig. Können wir morgen weiterreden?“ Damit weist du sie nicht zurück. Du sagst ihr, warum es gerade nicht geht. An einem anderen Tag hat sie mehr Kraft für dich. Und es wird auch Tage geben, an denen ihr beide lieber eure Ruhe haben möchtet.

Es hilft, wenn ihr euch nicht ausschließlich aufeinander verlassen müsst. Vielleicht gibt es Freunde, weitere Angehörige oder andere vertraute Menschen, mit denen ihr sprechen könnt. So hat jeder von euch jemanden, an den er sich wenden kann, wenn der andere gerade selbst Unterstützung braucht. Wenn auch Kinder um diesen Menschen trauern, brauchen sie ebenfalls Erwachsene, die für sie da sind. Sie sollten nicht die Aufgabe bekommen, die Traurigkeit der Großen aufzufangen.

Ihr müsst nach einem gemeinsamen Verlust nicht alles zusammen schaffen. Ihr könnt euch an eure Mutter erinnern, miteinander weinen, euch gegenseitig helfen und trotzdem auch Zeit für euch allein brauchen. Es wird Tage geben, an denen ihr einander viel geben könnt, und andere, an denen kaum etwas möglich ist. Das muss euch nicht voneinander entfernen. Ihr vermisst denselben Menschen auf unterschiedliche Weise und könnt euch trotzdem sehr nah sein.




Ihr habt denselben Menschen verloren, und trotzdem fällt es euch schwer, einander zu sagen, was ihr gerade braucht. In „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ findest du in Kapitel 19 „Wenn du selbst überfordert bist“ den Abschnitt „Wenn du selbst um denselben Menschen trauerst“. Dort geht es ausführlicher um unterschiedliche Reaktionen, verletzende Vergleiche und die Frage, wie ihr eure Wünsche und Grenzen ansprechen könnt. Konkrete Gesprächsbeispiele helfen dir, auch an Tagen mit wenig Kraft passende Worte zu finden. Diese Vertiefung ist im gedruckten Buch und im digitalen Ratgeber zum Download enthalten.


Wenn du selbst traurig bist und dich trotzdem um einen anderen Menschen sorgst, spielt Mitgefühl eine wichtige Rolle. In „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“ kommt das Mitgefühl, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort. Es erzählt aus seiner eigenen Sicht, was es bedeutet, sich für andere zu interessieren und dabei aufmerksam zu bleiben. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dich ein, über dein eigenes Mitgefühl nachzudenken – auch darüber, wie du einem Menschen zugewandt bleibst, wenn du selbst gerade Trost brauchst.

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