Du hörst einem trauernden Menschen zu und auf einmal ist dein eigener Verlust wieder ganz nah. Manchmal reicht ein bestimmter Satz, eine Erinnerung oder eine ähnliche Situation. Eigentlich wolltest du für den anderen da sein. Nun merkst du, dass das Gespräch auch etwas in dir berührt.
Dass das passiert, heißt nicht, dass du wieder ganz am Anfang stehst. Erinnerungen an einen Verlust können auch nach langer Zeit plötzlich sehr lebendig werden. Ein Gespräch über Trauer kann ein Bild, ein Gefühl oder einen Gedanken zurückholen, mit dem du in diesem Moment nicht gerechnet hast. Erst einmal reicht es, das wahrzunehmen.
Frag dich dann kurz: Kannst du dem anderen gerade noch wirklich zuhören? Wenn du innerlich noch bei ihm bist, muss das Gespräch nicht sofort enden. Merkst du aber, dass deine eigene Trauer immer stärker hochkommt, du kaum noch aufnimmst, was gesagt wird, oder am liebsten ausführlich von deinem Verlust erzählen möchtest, ist eine Pause oft ehrlicher.
Der Mensch vor dir sollte nun nicht auch noch dich trösten müssen. Wenn du etwas zu deiner Reaktion sagen möchtest, kann das kurz bleiben: „Das hat mich gerade stärker berührt, als ich erwartet habe. Ich brauche einen Moment.“ Mehr Erklärung ist in diesem Augenblick nicht nötig.
Wenn du in solchen Situationen nach passenden Worten suchst, findest du im Ratgeber „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ in Kapitel 19 „Wenn du selbst überfordert bist“ viele konkrete Beispiele. Dort geht es ausführlicher darum, wie du eine Pause oder Grenze ansprechen kannst, was du tun kannst, wenn ein früherer Verlust wieder sehr nah wird, und wo du Unterstützung für dich selbst finden kannst. Das Kapitel unterscheidet außerdem zwischen einer alten eigenen Trauer und der Situation, in der zwei Menschen gerade um dieselbe Person trauern.
Nach dem Gespräch kann es guttun, mit jemand anderem über das zu sprechen, was in dir wieder aufgetaucht ist. Es kann auch helfen, ein paar Gedanken aufzuschreiben, eine Runde hinauszugehen oder erst einmal etwas Ruhe zu haben. So bekommt deine eigene Trauer Aufmerksamkeit, ohne dass der Mensch, den du gerade begleiten möchtest, sie mittragen muss.
Es kann auch sein, dass du eine Zeit lang weniger geben kannst. Dann ist ein kürzeres Gespräch oder ein späteres Wiedersehen ehrlicher, als dich durch einen Kontakt zu ziehen, bei dem du kaum noch zuhören kannst. Wenn die Belastung größer wird oder länger anhält, kannst du dir selbst Unterstützung suchen.
Und wenn du überlegst, ob du dem anderen von deinem früheren Verlust erzählen solltest, ist das noch einmal eine eigene Frage. Eine kurze persönliche Erfahrung kann verbinden. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass aus seinem Gespräch deine Geschichte wird.
Du musst dich nicht zwischen dem anderen Menschen und dir selbst entscheiden. Du kannst für ihn da sein und zugleich ernst nehmen, wenn ein früherer Verlust wieder nah wird. Wichtig ist, dass du merkst, wann du noch gut zuhören kannst – und wann deine eigene Trauer selbst mehr von dir braucht.
Wenn du merkst, dass ein Gespräch mit einem trauernden Menschen deinen eigenen früheren Verlust wieder sehr nah macht, findest du in „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ in Kapitel 19 „Wenn du selbst überfordert bist“ einen eigenen Abschnitt dazu. Dort stehen viele direkt verwendbare Sätze für Pausen und Grenzen, Ideen, wie du deine eigene Reaktion außerhalb des Gesprächs auffangen kannst, und Hinweise dazu, wann du Unterstützung für dich selbst suchen kannst. Außerdem unterscheidet das Kapitel zwischen einem früheren eigenen Verlust, der wieder aufkommt, und einer Situation, in der beide um denselben Menschen trauern. Diese ausführliche Vertiefung findest du im digitalen Download und im gedruckten Buch.
Wenn du in solchen Momenten merkst, wie schnell du die eigene Seite zurückstellst, kann die Selbstliebe aus „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“ ein passender Begleiter sein. Dort kommt die Selbstliebe, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort und erzählt davon, sich freundlich zu begegnen, Grenzen ernst zu nehmen und auch an schweren Tagen gut mit sich umzugehen. Danach folgen Reflexionsseiten, auf denen du deinen eigenen Umgang mit dir, deine Bedürfnisse und die Art anschauen kannst, wie du innerlich mit dir sprichst.
