Ein Kind aus deiner Klasse hat einen nahestehenden Menschen verloren und kommt bald wieder zur Schule. Du möchtest ihm den ersten Tag so leicht wie möglich machen. Doch sollst du den Verlust ansprechen? Was wissen die anderen Kinder? Und wie zeigst du Rücksicht, ohne dass plötzlich alle auf dieses eine Kind schauen?
Am besten bereitest du die Rückkehr gemeinsam mit den Eltern oder Sorgeberechtigten vor. Frage, wie es dem Kind mit dem Gedanken an die Schule geht und was ihm den Einstieg erleichtern könnte. Beziehe das Kind seinem Alter entsprechend mit ein. Es ist schließlich selbst betroffen und sollte nicht erst am ersten Morgen erfahren, was die Erwachsenen für es geplant haben.
Besonders wichtig ist, was die Klasse über den Todesfall wissen soll. Einige Kinder sind erleichtert, wenn ihre Mitschüler bereits Bescheid wissen. Andere möchten nicht, dass darüber gesprochen wird. Kläre vorher, welche Informationen weitergegeben werden können. Fragen Mitschüler nach Einzelheiten, bleib bei dem, was abgestimmt wurde. Informationen, die innerhalb der Schule für die Unterstützung nötig sind, sollten nur die dafür zuständigen Personen erhalten.
Ein trauerndes Kind muss am ersten Tag nicht vor der ganzen Klasse im Mittelpunkt stehen. Ein freundlicher Gruß und ein persönlicher Moment können ihm helfen, wieder anzukommen. Eine besondere Begrüßung oder ein Gespräch vor allen ist nur dann passend, wenn das Kind das selbst möchte und es vorher besprochen wurde. Es soll sich wieder als Teil seiner Klasse fühlen können, ohne ständig auf seine Trauer angesprochen zu werden.
Unterricht, Freunde und die gewohnten Pausen können Halt geben. Das Kind kann mitarbeiten, lachen oder spielen und wenig später traurig werden. Andere Kinder ziehen sich zurück oder zeigen zunächst kaum etwas. Daran lässt sich nicht ablesen, wie stark der Verlust sie beschäftigt. Du musst weder jedes Lachen erklären noch jede stille Minute als Warnzeichen sehen.
Wichtig ist aber, dass das Kind eine verlässliche Ansprechperson kennt. Wenn es mitten im Unterricht nicht mehr weitermachen kann oder eine Pause braucht, sollte vorher geklärt sein, an wen es sich wenden kann. So muss es nicht vor der Klasse um Hilfe bitten und allen erklären, warum es gerade nicht weitergeht.
Auch beim Lernen kann sich der Verlust bemerkbar machen. Hausaufgaben werden vergessen, die Konzentration fällt schwer oder eine Aufgabe dauert länger. Statt vorschnell mangelnde Anstrengung zu vermuten, hilft zunächst etwas Verständnis. Ob und wie schulische Anforderungen vorübergehend angepasst werden können, sollte mit der Familie und den zuständigen Personen besprochen werden.
Bei solchen Absprachen tauchen oft weitere Fragen auf: Was sollten andere Lehrkräfte wissen? Wie lassen sich Pausen vereinbaren? Und was geschieht mit Klassenarbeiten oder Hausaufgaben? In meinem Ratgeber „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ gehe ich in Kapitel 17 „Kinder und Jugendliche im Umfeld“ ausführlicher auf Schule und Alltag ein. Dort findest du Hinweise zur Zusammenarbeit mit der Familie, zum Schutz persönlicher Informationen, zu festen Ansprechpersonen und zu möglichen Erleichterungen im Schulalltag.
Mit den ersten Schultagen ist die Begleitung nicht abgeschlossen. Es kann sein, dass das Kind zunächst gut zurechtkommt und erst später mehr Unterstützung braucht. Deshalb ist es sinnvoll, gelegentlich nachzufragen, ob die bisherigen Absprachen noch passen. Was am Anfang hilfreich war, muss nicht auf Dauer so bleiben.
Als Lehrkraft kannst du einem Kind seine Trauer nicht abnehmen. Aber du kannst dazu beitragen, dass es in seinen vertrauten Schulalltag zurückfindet, ohne sich verstellen zu müssen. Dafür braucht es keine ständige Sonderbehandlung. Viel wichtiger ist, dass das Kind sich in seiner Klasse willkommen fühlt und weiß, an wen es sich wenden kann, wenn es Hilfe braucht.
Wenn ein Kind nach einem Todesfall wieder zur Schule geht, gibt es für Lehrkräfte und Eltern oft vieles abzustimmen. In „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ gehe ich in Kapitel 17 „Kinder und Jugendliche im Umfeld“ ausführlicher auf Schule und Alltag ein. Dort findest du Hinweise dazu, welche Informationen Schule und Klasse erhalten sollen, wer als Ansprechperson helfen kann, wie Pausen und vorübergehende Erleichterungen besprochen werden können und wie Familie und Schule in Verbindung bleiben. Der Ratgeber ist als gedrucktes Buch und als digitaler Ratgeber zum Download erhältlich; beide enthalten diese ausführlichere Vertiefung.
Wenn du ein trauerndes Kind unterrichtest, möchtest du ihm mit Rücksicht begegnen, ohne es auf seine Trauer festzulegen. Dahinter steckt oft Mitgefühl. In „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“ kommt das Mitgefühl, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort und erzählt aus seiner eigenen Sicht, wie es Menschen begegnet, denen es schwergeht. Die anschließenden Reflexionsseiten laden dich ein, über dein eigenes Mitgefühl nachzudenken – auch darüber, wie du aufmerksam sein kannst, ohne einem Kind vorzuschreiben, was es brauchen soll.
