Vor wenigen Wochen hat eine Frau ihren Mann verloren. Nun sitzt sie mit Freunden in einem Café, lacht in die Kamera und veröffentlicht das Foto auf Social Media. Eine Bekannte sieht den Beitrag und wundert sich. Wie kann sie nach so kurzer Zeit schon wieder so fröhlich sein? Sie hatte erwartet, dass die Frau noch viel zu traurig wäre, um solche Bilder zu zeigen.
Doch was wissen wir eigentlich über diesen Nachmittag? Die Frau hat gelacht, als das Foto aufgenommen wurde. Ob sie vorher geweint hat oder später zu Hause ihren Mann vermisst, können wir nicht sehen. Und selbst wenn sie den ganzen Nachmittag unbeschwert war, bedeutet das nicht, dass ihr Mann ihr weniger fehlt.
Auf Social Media begegnen uns einzelne Augenblicke aus dem Leben anderer Menschen. Wir sehen Fotos, lesen ein paar Zeilen und erfahren, was jemand mit anderen teilen möchte. Was außerhalb dieser Beiträge geschieht, bleibt uns größtenteils verborgen. Trotzdem glauben wir schnell, einschätzen zu können, wie es einem Menschen geht.
Nach einem Todesfall fällt das besonders auf. Ein Mann veröffentlicht regelmäßig alte Fotos seiner verstorbenen Mutter und schreibt liebevolle Erinnerungen dazu. Andere fragen sich, ob er sich damit nicht immer wieder traurig macht. Eine junge Frau erwähnt den Tod ihres Bruders dagegen mit keinem einzigen Wort. Auch darüber wundern sich Menschen aus ihrem Umfeld. Und dann gibt es diejenigen, die weiterhin Urlaubsbilder, Geburtstagsfeiern oder kleine Erlebnisse aus ihrem Alltag teilen.
Hinter diesen unterschiedlichen Verhaltensweisen können ganz persönliche Entscheidungen stehen. Für den einen ist es schön, Erinnerungen öffentlich zu teilen und mit anderen über den verstorbenen Menschen zu sprechen. Ein anderer möchte seine Trauer lieber für sich behalten. Und wer ein fröhliches Erlebnis veröffentlicht, kann diesen Moment genauso genossen haben, wie es auf dem Bild aussieht. Wie jemand insgesamt mit seinem Verlust lebt, erfahren wir daraus jedoch nicht.
Oft merken wir gar nicht, wie sehr unsere eigenen Vorstellungen dabei mitreden. Wir haben ein bestimmtes Bild davon, wie sich jemand nach einem Todesfall verhalten sollte. Wer viel über seine Trauer schreibt, beschäftigt sich in unseren Augen womöglich zu sehr damit. Wer wenig zeigt, scheint erstaunlich gut zurechtzukommen. Dabei sind das unsere Erwartungen und nicht unbedingt die des Menschen, um den es geht.
Für Trauernde kann es belastend sein, sich solchen Bewertungen ausgesetzt zu fühlen. Wer befürchtet, dass andere seine fröhlichen Bilder falsch verstehen, überlegt womöglich zweimal, ob er sie veröffentlicht. Andere fühlen sich gedrängt, ihre Trauer öffentlich zu zeigen, damit niemand an ihrer Liebe zum verstorbenen Menschen zweifelt. Dabei sollte niemand durch seine Beiträge beweisen müssen, wie wichtig ihm jemand war.
Wenn du einen Menschen nach einem Todesfall begleiten möchtest, hilft es, ihm ohne solche Erwartungen zu begegnen. Eine persönliche Nachricht oder ein freundliches Gespräch kann ihm zeigen, dass du an ihn denkst. Falls du unsicher bist, wie du auch online angemessen Anteil nehmen kannst, findest du in meinem Ratgeber „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ in Kapitel 9 „Social Media nach einem Todesfall“ ausführlichere Hinweise und konkrete Formulierungsbeispiele. Dort erfährst du unter anderem, was du öffentlich schreiben kannst, wann eine private Nachricht besser passt und worauf du bei eigenen Erinnerungsbeiträgen achten solltest.
Auch im persönlichen Gespräch erfahren wir nicht alles, was einen Menschen beschäftigt. Doch wir können ihm zuhören und ihn selbst entscheiden lassen, was er erzählen möchte. Ohne seine Worte mit früheren Beiträgen zu vergleichen oder hinter jedem Foto eine besondere Bedeutung zu vermuten.
Die Frau aus dem Café hat an diesem Nachmittag gelacht. Sie hat die Zeit mit ihren Freunden womöglich sehr genossen. Das können wir ihr von Herzen gönnen. Und wenn wir ihr nahestehen, können wir weiterhin an sie denken, sie einladen oder uns einfach bei ihr melden. Ganz unabhängig davon, was sie auf Social Media veröffentlicht.
Wer nach einem Todesfall online Anteil nehmen möchte, steht oft vor ganz anderen Fragen als beim Lesen eines fremden Beitrags: Was kann ich öffentlich schreiben? Wann ist eine persönliche Nachricht besser? Und wie gehe ich mit Fotos und Erinnerungen um? In „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ findest du in Kapitel 9 „Social Media nach einem Todesfall“ ausführliche Orientierung, zahlreiche konkrete Formulierungsbeispiele für private Nachrichten und öffentliche Kommentare sowie Hinweise zu Erinnerungsbeiträgen, Fotos und dem Schutz persönlicher Informationen. Den Ratgeber gibt es als gedrucktes Buch und als digitalen Download.
Wenn du bei anderen Menschen mehr sehen möchtest als das, was sie nach außen zeigen, kann Mitgefühl ein guter Anfang sein. In „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“ kommt das Mitgefühl neben anderen Gefühlen selbst zu Wort und erzählt aus seiner eigenen Sicht. Die Reflexionsseiten laden dich ein, über deine eigene Art nachzudenken, Menschen zu begegnen – auch dann, wenn du ihre Gefühle nicht vollständig verstehen kannst.
