Wenn dir ein trauernder Mensch von seinem Verlust erzählt, kann sofort eine eigene Erinnerung auftauchen. Du möchtest zeigen, dass du selbst schon Trauer erlebt hast und etwas davon kennst. Gleichzeitig kann aus diesem gut gemeinten Satz schnell ein Gespräch über dich werden.
Von einem eigenen Verlust zu erzählen ist nicht grundsätzlich unpassend. Eine kurze persönliche Erfahrung kann Verbindung schaffen. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass der trauernde Mensch plötzlich deine Geschichte anhört, obwohl er gerade von seiner erzählen wollte.
Oft hilft es mehr, zuerst zuzuhören. Wenn du etwas Eigenes erwähnst, reicht ein kurzer Bezug. Danach kannst du wieder beim anderen bleiben und nachfragen, wie es ihm gerade geht. Du musst nicht ausführlich erzählen, was damals passiert ist, wie lange deine Trauer gedauert hat oder was dir geholfen hat.
Besonders vorsichtig wäre ich mit Vergleichen. Auch wenn zwei Menschen einen Elternteil, Partner oder Freund verloren haben, sind die Beziehungen und Lebenssituationen verschieden. Ein Satz wie „Ich weiß genau, wie du dich fühlst“ kann deshalb näher klingen, als du es tatsächlich wissen kannst.
Ein einfacher Maßstab kann helfen: Erzähle ich das gerade, weil es dem anderen guttun könnte, oder merke ich, dass meine eigene Trauer selbst wieder viel Raum braucht? Wenn dich das Gespräch stark an deinen eigenen Verlust erinnert, ist es völlig in Ordnung, später mit einem anderen Menschen darüber zu sprechen.
Fragt der trauernde Mensch dich ausdrücklich nach deiner Erfahrung, kannst du natürlich antworten. Auch dann muss aus deiner Geschichte kein Rat werden. Was dir geholfen hat, kann für den anderen ganz anders sein.
Wenn du bei solchen Gesprächen nach passenden Worten suchst, findest du im Ratgeber „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ in Kapitel 4 „Was du besser nicht sagst – und was du stattdessen sagen kannst“ ausführlichere Orientierung. Dort geht es auch um Vergleiche mit eigenen Erfahrungen, Formulierungen, die schwierig ankommen können, und mögliche Alternativen.
Du musst deine eigenen Verluste also nicht verschweigen. Ein kurzer eigener Satz kann reichen. Danach darf wieder der andere erzählen.
Wenn du merkst, dass du in einem Trauergespräch schnell bei deinen eigenen Erfahrungen landest, findest du im Ratgeber „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ in Kapitel 4 „Was du besser nicht sagst – und was du stattdessen sagen kannst“ eine ausführlichere Einordnung. Dort wird genauer gezeigt, warum Vergleiche mit eigenen Verlusten schwierig sein können, welche Formulierungen den anderen unbeabsichtigt aus dem Mittelpunkt rücken und welche Worte stattdessen näher bei seiner Situation bleiben. Du kannst diese Vertiefung sowohl im digitalen Download als auch im gedruckten Buch nutzen; beide Fassungen enthalten dieselben Inhalte.
Mitgefühl kann auch bedeuten, die eigene Geschichte für einen Moment zurückzustellen und aufmerksam bei einem anderen Menschen zu bleiben. In „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“ kommt das Mitgefühl, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort und beschreibt aus seiner eigenen Sicht, wie zugewandtes Dasein aussehen kann, ohne den Schmerz des anderen übernehmen oder erklären zu müssen. Die anschließenden Reflexionsseiten geben dir Raum, dein eigenes Mitgefühl genauer anzuschauen – auch dort, wo Zuhören wichtiger ist als die eigene Erfahrung.
