Du erfährst, dass ein Mensch durch Suizid gestorben ist. Du möchtest seiner Familie oder einem guten Freund dein Mitgefühl zeigen, aber plötzlich weißt du nicht mehr, was du sagen sollst. Darf man den Tod direkt ansprechen? Und was, wenn deine Worte den anderen noch mehr verletzen? Aus Angst, etwas falsch zu machen, schiebst du den Kontakt womöglich vor dir her.
Dabei brauchst du für die ersten Worte keine Erklärung und keinen besonderen Trost. Ein liebevolles „Es tut mir sehr leid. Ich denke an dich.“ kann ein guter Anfang sein. Du kannst dich persönlich melden oder schreiben, je nachdem, wie nah ihr euch seid. Der andere muss darauf nicht sofort antworten oder dir etwas erzählen. Wichtig ist, dass du ihm mit seinem Verlust nicht ausweichst.
Nach einem Suizid können zum Schmerz um den verstorbenen Menschen weitere belastende Gedanken hinzukommen. Einige Hinterbliebene fragen sich, ob sie etwas hätten bemerken oder verhindern können. Andere empfinden vor allem Fassungslosigkeit, Wut oder Scham. Jeder Mensch erlebt diesen Verlust anders. Schwer kann es auch sein, wenn Bekannte plötzlich den Kontakt meiden oder hinter vorgehaltener Hand darüber sprechen, was geschehen sein könnte.
Gerade bei so belastenden Todesumständen solltest du mit Fragen nach dem Warum oder nach einer möglichen Schuld besonders vorsichtig sein. Auch wenn du weißt, dass es vor dem Tod Streit oder Schwierigkeiten in einer Beziehung gab, kennst du nicht alle Hintergründe. Daraus kannst du nicht ableiten, wer für den Suizid verantwortlich war. Auch eine Bewertung des Verstorbenen, etwa als egoistisch, kann tief verletzen. Niemand sollte bei einer Beileidsbekundung das Gefühl bekommen, sich selbst oder den verstorbenen Menschen verteidigen zu müssen.
Wenn der trauernde Mensch von sich aus erzählt, wie sehr ihn Schuldgedanken beschäftigen, hör ihm zu. Natürlich möchtest du ihn am liebsten sofort beruhigen. Doch ein schnelles „Du bist doch nicht schuld“ nimmt diese Gedanken nicht unbedingt weg. Du kennst die ganze Geschichte nicht und musst darüber auch kein Urteil fällen. Lass ihn erzählen, was ihn quält, ohne selbst nach Schuldigen zu suchen.
Gerade für solche Gespräche ist es schwer, die passenden Worte zu finden. Deshalb habe ich in meinem Ratgeber „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ einen eigenen Abschnitt zur Anteilnahme nach Suizid aufgenommen. In Kapitel 5 „Besondere Todesumstände: Worte mit besonderer Vorsicht wählen“ findest du ausführlichere Beispiele für persönliche Gespräche und Nachrichten. Dort geht es auch um Schuldgedanken und um Fragen oder Aussagen, die Hinterbliebene zusätzlich belasten können.
Bei aller Unsicherheit sollten wir den Menschen nicht vergessen, der gestorben ist. Er hatte ein Leben, eine Persönlichkeit und eine gemeinsame Geschichte mit den Menschen, die ihn liebten. Sein Tod durch Suizid nimmt diesen Erinnerungen nichts von ihrer Bedeutung. Wenn der Hinterbliebene von ihm erzählen möchte, kannst du zuhören und auch seinen Namen nennen. Hast du selbst eine schöne Erinnerung an den Verstorbenen, kannst du sie teilen, wenn sie in diesem Moment willkommen ist.
Es ist verständlich, wenn dir nach einem Suizid die Worte fehlen. Aber du musst die Gründe für diesen Tod nicht kennen, um einem Hinterbliebenen mit Liebe und Mitgefühl zu begegnen. Ein ehrlicher Satz, ein offenes Ohr und die Bereitschaft, nichts vorschnell zu beurteilen, können viel bedeuten. Du kannst nicht alle Fragen beantworten, die diesen Menschen beschäftigen. Aber du kannst ihm zeigen, dass du an ihn denkst und seinen Verlust ernst nimmst.
Manchmal fehlen nach einem Suizid nicht nur die ersten Worte. Besonders schwer kann es sein, wenn ein Hinterbliebener von Schuldgedanken erzählt und du nicht weißt, wie du darauf antworten sollst. In „Wenn jemand in deinem Umfeld trauert – Was du sagen, schreiben und tun kannst“ findest du im Kapitel 5 „Besondere Todesumstände: Worte mit besonderer Vorsicht wählen“ einen eigenen Abschnitt für die Anteilnahme nach Suizid. Dort gibt es ausführlichere Beispiele für persönliche Gespräche und Nachrichten sowie Hinweise zum behutsamen Umgang mit Schuldgedanken und zu Fragen, die zusätzlich verletzen können. Die vollständige Vertiefung ist sowohl im gedruckten Buch als auch im digitalen Ratgeber zum Download enthalten.
Wenn du einem Hinterbliebenen begegnen möchtest und dir die Worte fehlen, ist oft das Mitgefühl längst da. In „Ich bin dein Gefühl – Band IV: Licht – Die hellen Gefühle“ kommt das Mitgefühl, neben anderen Gefühlen, selbst zu Wort. Es erzählt aus seiner Sicht, was es heißt, einem Menschen aufmerksam zu begegnen, ohne vorschnell über ihn zu urteilen. Auf den anschließenden Reflexionsseiten kannst du dich mit deinem eigenen Mitgefühl beschäftigen und überlegen, wie du es ausdrücken möchtest, wenn jemand eine besonders schwere Zeit erlebt.
